TOURISMUS Wackelnde Insel
Zwei Katastrophen erlebte die Insel:
1730 verwandelten heftige Vulkanausbrüche weite Teile in ein bizarres Mondgebirge aus Lava. 240 Jahre später verwüstete der Mensch, was die Natur verschont hatte: Immobilienspekulanten und Baulöwen machten das Eiland zur größten Neubau-Ruine des Atlantiks.
Lanzarote, die kleinste von Spaniens populären Kanarischen Inseln, war vorn Tourismus erst entdeckt worden, als auf Gran Canaria und Teneriffa der Bauboom schon heißlief. Noch Ende der 60er Jahre gab es nur drei Hotels auf dem vulkanischen Eiland, und die wurden unter besonders ruhebedürftigen Urlaubern als Geheimtip gehandelt.
Doch mit der Ruhe war es vorbei, als potente Steuerflüchtige und Abschreibungsjongleure die Strände in Besitz nahmen. Schweden. Dänen und vor allem Deutsche kauften auf, was zu kriegen war, holten finanzkräftige Landsleute in Charterflugzeugen an die Playa Grande und Playa Blanca, um ihnen Anteile an ihren touristischen Zukunftsprojekten zu verkaufen.
Das Geschäft florierte: Entzückt von Klima und Landschaft der Insel. angelockt auch von der Aussicht auf 12 Prozent Rendite, zahlten Zahnärzte und Beamte. aber auch Show-Leute wie die Jacob-Sisters und Intendant Hess vom Hessischen Rundfunk Millionen in die Kassen der Bauherren.
»Die haben hier gebaut«, erzählt der deutsche Caféhausbesitzer Sascha in Puerto del Carmen, »daß die Insel wackelte.« Allein der Frankfurter Spediteur Erich Becker plante eine Feriensiedlung für 15 000 Urlauber, fast das Zehnfache der gegenwärtigen Bettenkapazität auf Lanzarote. Doch als sein Superhotel »El Náutico« (4000 Betten) halb fertig war, verschwand Becker mit den meisten seiner Mitarbeiter und ließ seinen über 200 geprellten Kommanditisten außer einem großen Loch in der Kasse nur eine stattliche Ruine zurück.
Durchweg wurden die Investoren auf Lanzarote von der Rezession überrascht, bevor der Profit anhob: Im Osten der Insel ging dem (deutschen) »Holiday Park Playa Grande« (1200 Betten) kurz vor der Eröffnung 1973 das Geld aus; seit vier Jahren rottet das Bungalowdorf des Schweden Vernegatt in Arrieta vor sich hin; »La Santa«, die fast fertige Urlauberstadt der größten kanarischen Bankgesellschaft, verödet, von allen Arbeitern verlassen, seit einem Jahr; in der Luxussiedlung »Nazarit Oasis«, die damit warb, daß Omar Sharif sich dort eingekauft habe, rieselt der Kalk; selbst über der berühmten Lavagrotte »Jameos del Aqua« thronr neuerdings ein Hotel-Fragment.
Alte Lanzarote-Touristen und sogar die Reise-Unternehmer, die Lanzarote als »Insel der Ruhe« erfolgreich propagieren, sind über die Bau-Pleiten nicht böse..~ Auf diese Art«, sagt Scharnow-Sprecher Horst Laudien. »können wir immer noch eine Kanarische Insel ohne Massen-Tourismus anbieten.«
Lange soll es so ohnedies nicht bleiben. Unbeeindruckt von den jungen Ruinenstädten und Hotelfragmenten will der spanische Zündholz- und Sprengstoffgigant Rio Tinto nördlich der Hauptstadt Arrecife eine Feriensiedlung bauen, in der doppelt so viele Urlauber wohnen können, wie Lanzarote Einwohner hat -- 80 000.