Wahnsinnig empfindlich - DER SPIEGEL
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Humor Wahnsinnig empfindlich

Bürgerrechtler laufen Sturm: Eine Mordserie in der taz zeigt, wie unterschiedlich West und Ost immer noch lachen.
• aus DER SPIEGEL 34/1996
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Tot und zwangsrasiert liegt der SPD-Mann aus dem deutschen Osten beim Jazzfrühschoppen in Nordhausen. Der Trichter eines Blasinstruments ragt ihm noch aus dem aufgerissenen Schlund, Wolfgang Thierse wurde qualvoll zum Schweigen gebracht - auf dem Papier.

Quietschfidel im wahren Leben sagt der SPD-Vize, er sei nicht »wehleidig«, erlaube sich aber dennoch den Einwand: »Wenn man auf so unappetitliche Weise hingemeuchelt wurde, ist das kein Anlaß zu schenkelklopfender Heiterkeit.«

Das hatte sich Klaudia Brunst wohl so schon gedacht und war deshalb wenig überrascht, als sich am Montag vergangener Woche das Büro von Vera Lengsfeld bei ihr meldete. Die DDR-Bürgerrechtlerin und bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete, so teilte deren Assistentin mit, wolle mit Brunst, der Interims-Chefredakteurin der Tageszeitung (taz), über den seit Anfang August laufenden Vorabdruck des Romans »Der Barbier von Bebra« sprechen. »Es war uns schon klar«, sagt Brunst, »daß es Ärger geben würde.«

Der Name des für gezielten Stilbruch bekannten und von Feministinnen auch schon handgreiflich attackierten Verfassers der Serie, Wiglaf Droste, ist ein Synonym für Skandal. Im »Barbier von Bebra« nimmt er sich mit seinem Ko-Autor Gerhard Henschel jener Spezies an, die als vormalige Bürgerrechtler unermüdlich das SED-Unrechtsregime verwesen - und bringt sie reihenweise um.

Markus Meckel wird »von Hotzenplotzpistolenkugeln zersiebt«, der Schriftsteller Jürgen Fuchs in einem Faß Shampoo ersäuft und der Christdemokrat Rainer Eppelmann mit einbetonierten Füßen in einem Baggersee versenkt. Die Opfer der mysteriösen Mordserie werden zudem vor ihrer Hinrichtung noch grausamst verstümmelt, nämlich ihrer stolzen Bärte beraubt.

Für Vera Lengsfeld, die zusammen mit Konrad Weiß im Berliner Redaktionssitz des notorisch notleidenden Alternativ-Blattes erschien, ist der Roman nichts Geringeres als »eine literarische Anleitung zum Mord an Andersdenkenden«. Weiß verglich ihn gar mit dem Nazi-Hetzblatt Stürmer und dem antisemitischen NS-Propagandafilm »Der ewige Jude«. Die beiden verlangten ultimativ, den Abdruck zu stoppen. Andernfalls würden sie einen breiten Boykott des Blattes initiieren.

Der Fall zeigt zweierlei: Ehemalige Bürgerrechtler, oft enttäuscht von der neuen Zeit, reagieren besonders empfindlich auf rüden Spott - aber damit stehen sie nicht allein. Im Jahr sechs der Einheit haben sich viele Ostler noch nicht an den Haudrauf-Humor mancher Westler gewöhnt - und einige werden richtig pampig.

»Erst stellte sie sich als arme geknechtete Bürgerrechtlerin dar«, erinnert sich Brunst an das Gespräch mit Lengsfeld, »aber dann holte sie den Gummiadler raus.« Gegen Ende der fruchtlosen Unterredung mit der taz-Frau zückte Lengsfeld einen mit dem Staatswappentier geschmückten Briefkopf, auf dem sie zum Boykott aufruft. Textprobe: »Das Machwerk ist in einer Zeit, da in Deutschland Daniel Goldhagens These von den willigen Vollstreckern der Hitlerschen Mordbefehle empört zurückgewiesen wird, ein Beweis, daß sich Sprache und Denkungsart der Geistesstützen deutscher Diktaturen nicht geändert haben.«

Dieses wortgewaltige Manifest hatte sie allerdings schon vor der Aussprache via Fax verbreitet; der beständig allen Anfängen wehrende Ralph Giordano hatte ebenfalls bereits zuvor gefragt: »Wohin driftet die taz?«

Die Redaktion entschied sich jedoch, den brutalen Barbier weitermeucheln zu lassen. Bis zum 30. August sollen insgesamt 24 Portionen veröffentlicht werden. Es werde nun allerdings »weniger gemordet«, verrät die verantwortliche Redakteurin Carola Rönneburg, »schon weil das Repertoire bizarrer Tötungsmethoden begrenzt ist«. Ein bekannter PDS-Politiker werde jedoch noch »über den Deister gehen - aber selbstverschuldet«.

Das wird die Betroffenen kaum besänftigen: Der Fortsetzungsroman sei »auf ziellose Weise geschmacklos« und von Satire weit entfernt, sagt Thierse, es fehle an »politischer Richtung und intellektuellem Anspruch«.

Das ist gut gedacht, ein wenig leninistisch vielleicht. Von einer Satire war nämlich nicht die Rede, und um politische Richtung scheren sich die beiden West-Spötter wenig. Sie setzen auf den Reiz der Blasphemie und hoffen bei den Betroffenen auf Verständnis. »Humor ist eine Haltung«, hat Robert Gernhardt dekretiert, Titanic-Autor und Lehrmeister der Neuen Frankfurter Schule.

Demnach wäre Thierse gehalten, seinen literarischen Exitus mit Fassung zu nehmen, ohne ihn komisch finden zu müssen. Doch der Parlamentarier aus Berlin wertet, darin einig mit vielen im Osten, die bürgerrechtlerverschlingende Mordserie als Grenzverletzung - was sich auch aus der Vergangenheit erklärt.

Im DDR-Alltag waren Witze über Honecker Ersatz der Ohnmächtigen für Angriffe auf denselben. Noch heute wird böser Scherz häufig als Vorstufe der Tat verstanden: Ein von Satiriker-Hand erstickter Bürgerrechtler wäre demnach vogelfrei und sein Leben in Gefahr. Die Morddrohungen gegen Oppositionelle nähmen seit Abdruck der Serie zu, behauptete am vergangenen Donnerstag Lengsfeld, ohne dies freilich zu belegen.

Humor war zu DDR-Zeiten Privatsache. Was öffentlich wurde, war von der Partei genehmigt und entsprechend wenig witzig. Lektoren wachten über Listen verbotener Wörter. Also wurde die Kunst des Zwischentons hoch entwickelt. »Sklavensprache«, sagt André Mielke von der östlichen Satire-Zeitschrift Eulenspiegel, die jene Kunst beherrschte. Brachialer Humor jedweder Art hingegen gilt noch heute als typisch westlich.

Die DDR sei eine »wahnsinnig empfindliche Gesellschaft gewesen, dadurch, daß wir so abgeschottet waren, auch gegen Kritik«, so Mielke. Der Staat war seinem Selbstverständnis nach unterwegs in eine bessere Zukunft. Es gab ein Ziel und wenig Raum für Zynismus - wer nicht dafür war, war dagegen.

Satiriker in der DDR waren allenfalls die staatlich regulierte Stimme der Entrechteten: Sie sollten in begrenztem Umfang Mißstände beschreiben und so beheben helfen. Die Ernsthaftigkeit dieses Auftrags wirkt noch in Kabaretts des Ostens bleiern fort.

Wenn im Berliner Bezirk Mitte vor festlich gekleideten Kleinkollektiven das Ensemble mit Blindenstock nach dem »Aufschwung Ost« sucht und zur Stärkung »auf plattgemachtem Erbspüree beleidigte Leber- und abgewickelte Blutwurst« serviert wird, ist das nicht für jeden Besucher gleich lustig.

Wer wie die Schöpfer des »Barbiers von Bebra« mit zweckfreier Mordskomik antritt, absurd bis dadaesk und nach britischen Maßstäben noch zahm, hat jedoch Feinde auf beiden Seiten.

Der Vorwurf der Morbidität komme »immer aus Kreisen, wo das gute Wollen im Vordergrund steht«, sagt Autor Droste. Vera Lengsfeld aus Thüringen und Antje Vollmer aus Westfalen lägen vermutlich auf einer Wellenlänge - »schon das Timbre« sei ihm da Signal genug. Verläuft die Lachfront also nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen oben und unten, zwischen Hochkomik für wenige und Debilen-Shows für Millionen, zwischen politisch korrekten Späßen und makabrem Trash? Wo liegt der innerdeutsche »Komikgraben«, nach dem Anfang des Jahres auf einer Tagung in Marburg gefahndet wurde?

Natürlich wirke der »sozialistische Humanismus« im Osten fort, sagt Droste. Umgekehrt wirke auch die geringe Kenntnis ostdeutscher Spezifika im Westteil des Landes trennend. Wenn er dort Letscho als »eines der Hauptverbrechen des Sozialismus« geißelt, bleibt es still. Das balkanische Paprikagemüse ist nur östlich der alten Zonengrenze bekannt.

Wo im Westen mit schmalen Verweisen auf lila Latzhose und »ein Stück weit« aufgearbeitete Beziehungen schnell die Kleiekeks-Gemeinde als Spottobjekt umrissen ist, hat der Osten seine eigene Geschichte. Dort klingen bei blauen Blusen, Oktoberklub-Klängen oder »urst schönen« Tagen am Goldstrand die Glocken.

Der ostkundige Satirekönig Max Goldt hat früh erkannt, daß auch zwischen Rostock und Zittau die Humor-Landschaft blüht: »Alle Welt will einem weismachen, daß die Leute in den neuen Ländern voll Haß und Verzweiflung mit Messern auf Birgit-Breuel-Puppen einhacken und daß sie, wenn ihre marode Industrie gerade keine Birgit-Breuel-Puppen liefern kann, sich statt dessen Ausländer vorknöpfen. Ich sage: Schluß jetzt damit! Die Ostbürger sind relativ prima drauf.«

Und auch die Sache mit dem »Barbier von Bebra« wäre wohl nicht ins Rollen gekommen, hätten die zornigen Ost-Parlamentarier weitergelesen, ehe sie sich per Fax als Propaganda-Opfer in die Nähe der Juden im Nationalsozialismus rückten. In der neunten Folge nämlich schwenkt der Plot von Ost nach West, und auf der Strecke bleiben dabei Lothar Matthäus (Nervenklinik), Edmund Stoiber (Kinn zerschmettert) und Reinhold Beckmann (Schnabel verkorkt).

Kein Wunder, daß sich bei derart gerecht verteilter Sudelei nun auch taz-Sympathisanten vorwagen. Elf bündnisgrüne Berliner Abgeordnete aus Ost und West spendeten dem Blatt ein Abonnement und rieten Lengsfeld, doch Gesetzesinitiativen einzubringen, um sämtliche Satire gegen »Andersdenkende« künftig zu verhindern. Am wirkungsvollsten sei aber eine Grundgesetzänderung: »Zensur findet nicht statt, außer die Abgeordnete Lengsfeld fordert diese.«

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