Wahrheit mit Sahne - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 66 / 94

FILM Wahrheit mit Sahne

»Milch und Schokolade«. Spielfilm von Coline Serreau. Frankreich 1989. Farbe; 108 Minuten.
Von Urs Jenny
• aus DER SPIEGEL 22/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Juliette von ihrem Putzfrauen-Job nach Hause kommt, früh um halb fünf, muß sie erst ein paar Kinder aus ihrem Bett räumen, um Platz für den kurzen Schlaf zu finden, bevor mit einem turbulenten Frühstück der Alltag von vorne beginnt. Fünf Kinder, von fünf verschiedenen Vätern, füttert Juliette allein in ihrer Zwei-Zimmer-Sozialwohnung durch, und das mit Lust, Herzenskraft, unerschöpflich strahlender Laune.

Bei den Blindets hingegen sitzt die Mama gelangweilt im seidenen Schlafrock am Stilmöbel-Frühstückstisch und verabschiedet dann sichtlich erleichtert mit einem Küßchen den Mann und die beiden Kinder. Auf die wartet vor dem Haus ein livrierter Chauffeur, um das Geschirr kümmert sich schon die Haushälterin, Madame kann sich ins Bett zurücksinken lassen. Irgendwann wird ihr Liebhaber anrufen, und vielleicht wird sie ihm zur Lunch-Zeit, wenn er im Büro abkömmlich ist, ein Schäferstündchen gewähren.

Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß, und nicht nur in der »Geld«-Welt von Garching stellt sich der Gegensatz zwischen Habenden und Habenichtsen in so fertigen Klischees dar, daß gar kein Hinschauen mehr nötig ist. Die Kamera von Coline Serreau hat, wie die von Doris Dörrie, immer die Aufdringlichkeit eines hinweisenden Zeigefingers. Natürlich ist in dem Betonsilo, wo Juliette wohnt, immer der Fahrstuhl kaputt; und natürlich schläft Monsieur Blindet, Vorname Romuald, jugendlich-schneidiger Generaldirektor eines Milchproduktekonzerns, mit seiner Sekretärin.

Geld verdirbt den Charakter, so die tröstlichste aller ewigen Kino-Wahrheiten, und deshalb ist Monsieur Blindet von lauter karrieregeilen Intriganten umgeben, die unentwegt an seinem Sessel sägen: der eine, indem er den Chef durch vorgetäuschte Börsen-Insidergeschäfte zu kompromittieren versucht, der andere, indem er die firmeneigene Joghurt-Produktion durch Kolibakterien vergiftet, der dritte, listigste, als Liebhaber von Madame Blindet.

Damit der Mann all das überlebt, muß ihm Juliette zu Hilfe kommen, die Putzfrau, die jede Nacht seinen Schreibtisch blankgewienert hat und ihn nun als mütterlich-resoluter Schutzengel unter ihre Fittiche nimmt: Sie beherbergt ihn und füttert ihn neben den Kindern durch; sie belauscht in der Firma Telephongespräche, fischt zerknüllte Notizzettel aus Papierkörben und klaut geheime Verträge, bis die böse Wahrheit am Licht und wieder alles Sahne ist.

Ungeduldig und mit geradezu unerbittlicher Penetranz stampft dieser Film durch alle Untiefen einer Business-Satire, bis er sich endlich, im letzten Drittel, ins Märchenhafte emporschwingt. Romuald hat sich unsterblich in Juliette verliebt, mag sie auch zehn Jahre älter sein und schon fünf Kinder haben; er überläßt die zickige Ehefrau seinem Prokuristen und lebt fortan ewig glücklich mit Juliette und möglichst vielen weiteren Kindern: Die dicke Schwarze von den Antillen ist für ihn ein »Quell der Güte«, das Leben selbst, die Super-Mama, von der jeder Junge träumt.

Coline Serreau zwingt die Menschen zu ihrem Glück, ihre Filmfiguren wie ihre Zuschauer; sie ist eine Power-Frau; ihr militanter Optimismus, der Klassen- und Rassenkonflikte zwei Kinostunden lang für nichtig erklärt, duldet keinen Widerspruch; ihr Erfolgsgeheimnis ist die Synthese aus begnadeter Tumbheit und zähester Professionalität. Künstlerkind, Musikerin, Kabarettistin, Theaterstar, Bühnenautorin (unter dem Pseudonym Elie Bourquin), Filmemacherin: »Drei Männer und ein Baby« hat sie in eine Weltkarriere katapultiert.

Damals zog sie mit ihren zwei kleinen Kindern nach Amerika (der Lebensgefährte Benno Besson blieb in der Schweiz zurück), eisern gewillt, das Hollywood-Remake ihres Erfolgsfilms selbst zu inszenieren. Sie hat das dann doch einem anderen überlassen, neuen Projekten zuliebe: »Romuald et Juliette« alias »Milch und Schokolade« war ursprünglich ein Stoff für Amerika, und »es wäre logisch gewesen«, sagt sie, »den Film zuerst in Hollywood zu drehen und dann das Remake in Frankreich«.

Whoopie Goldberg, wer sonst, hätte die Hauptrolle spielen müssen, und als dann doch ein französischer Film daraus wurde, hat Coline Serreau, weil es ja keine französische Whoopie Goldberg gab, sich einfach eine erfunden: Firmine Richard aus Guadeloupe, die sich von der Bahnsteigaufseherin in der Pariser Metro bis zur Sozialarbeiterin auf den Antillen schon in vielerlei Jobs durchgeschlagen hat, aber nie mit Schauspielerei zu tun hatte. Sie ist stark, lebendig und erstaunlich; sie trägt den Film, auch in der Konfrontation mit Frankreichs Jungstar Daniel Auteuil als Romuald; sie ist der einzig reale Beweis für Coline Serreaus Überzeugung, daß man alles hinkriegt, wenn man nur will, auf Biegen oder Brechen, sogar das Glück.

Auch von »Romuald et Juliette« ist schon ein Hollywood-Remake geplant, diesmal will Coline Serreau unwiderruflich selbst Regie führen, und das ist recht so: Sie verfügt über die Plattheit der Kunstmittel und über den unwiderstehlichen Charme der Binsenwahrheiten. Urs Jenny

Zur Ausgabe
Artikel 66 / 94

Mehr lesen über