Photographie Wandernde Farben
Photoamateure, die an Farben Freude haben, sehen einen bunten Sommer anrücken. »Ausschnitt festlegen, scharf stellen, auslösen« genügt -- so wirbt die Frankfurter Polaroid GmbH, Tochter der gleichnamigen US-Corporation, für ihre »SK-70«, die fixeste Farbkamera, die es je gab.
Sie hat die Größe eines Taschenbuchs und birgt eine Art von eingebauter Dunkelkammer, von der die Sofortbild-Fans in der Vergangenheit nur träumen konnten: Wie von Geisterhand bewegt, schlüpft 1,5 Sekunden nach dem Knipsen ein neun mal zehn Zentimeter großes Plastikkärtchen aus einem Schlitz vorn an der Kamera ans Licht. Dann, innerhalb von nur 60 Sekunden, entwickelt sich auf dem zunächst türkis schimmernden, riß- und bruchfesten Plättchen ein sattes Colorbild. Abfallpapier, den Wirrwarr von Negativfolien und die glitschige Bild-Oberfläche, allesamt Restübel der herkömmlichen Polaroid-Photographie, gibt es nicht mehr.
Die »SK-70«, mit deren Deutschland-Präsentation Polaroid nächste Woche in mehreren Großstädten beginnen wird, ist das wohl interessanteste Produkt, das der Vielfach-Erfinder und Polaroid-Präsident Edwin H. Land bisher entwickelt hat.
500 Millionen Dollar, von denen er allein 100 Millionen in den Bau einer Fabrik für »SK-70«-Filme steckte, hatte Land schon investiert, als zu Beginn vorigen Jahres die ersten Exemplare auf den US-Markt kamen. Neun Millionen Werbe-Dollar sollten den Start absichern helfen. Der britische Schauspieler Laurence Olivier sprach für das neue Land-Erzeugnis erstmals TV-Werbetexte, und das Nachrichtenmagazin »Time« widmete ihm sogar eine Titelgeschichte.
Der aggressive Einsatz machte sich bezahlt. Außer 4,5 Millionen »SK-70«-Filmen verkaufte Polaroid im ersten Jahr 470 000 Exemplare der Ruck-Zuck-Kamera zum Stückpreis von 160 Dollar -- einige Dutzend davon an Prominenten-Kundschaft wie etwa Marlene Dietrich, Andy Warhol und den Sultan von Oman. Ergebnis der einjährigen Verkaufsschlacht: Letzten Januar bereits hatte der Bestseller seine Entwicklungskosten hereingeholt.
Probleme gab es anfangs nur bei noch ungeübten Schnapp-Schützen, die -- von der Handhabung gängiger Einfach-Kameras, etwa vom Typ »Instamatic«, verwöhnt -- mit dem komplizierten Suchersystem der »SK-70« nicht zurechtkamen. Sie klagten über Schwierigkeiten in der Scharfeinstellung des leicht weitwinkligen Vier-Linsen-Objektivs, mit dessen Hilfe ohne Vorsatzlinse von unendlich bis auf eine Distanz von 26 Zentimetern schaff geschossen werden kann. Land ließ daraufhin den Sucher ändern und baute einen Schnittbild-Entfernungsmesser ein.
Die zusammenklappbare Kamera, vom Wirtschaftsmagazin »Fortune« als
»mechanisch-optisch-elektronisches Meisterwerk« gerühmt, besitzt ein neuartiges Spiegelreflexsystem, das den Bildausschnitt vermittels raumsparender, asphärischer Spiegel überträgt (statt, wie bei herkömmlichen Spiegel reflex-Kameras üblich, durch voluminöse Prismen).
Blende und Belichtungszeit sowie der Bildauswurf werden von einem Mikro-Bausatz integrierter Schaltkreise aus sechs Computerelementen gesteuert, die einer Kombination von 325 Transistoren entsprechen. In Gang gehalten wird das Ganze von einem Kameramotor; er bezieht seinen Strom -- noch eine Neuerung -- aus einer Batterie, die automatisch mit jedem neuen Filmpack eingelegt wird.
Jedes der zehn Bildplättchen« die in einem Filmpack liegen, bringt gleichsam das gesamte chemische Entwicklungslabor mit, an dessen Konstruktion Land und seine Mitarbeiter, streng geheim, fünfzehn Jahre lang getüftelt haben.
Das Ergebnis war ein Positiv-Negativ-Filmblatt aus drei grün-, rot- und blauempfindlichen Silberhalogenid-Schichten, die ihrerseits mit mehreren hauchdünnen Trenn- und Entwicklungsemulsionen verbunden sind. Die besonders schwierig zu gewinnenden Gelbtöne werden in einer mit Metallsalzen imprägnierten Gelbfarbstoffschicht entwickelt.
Nach dem Belichten läuft das Bild durch zwei Stahlrollen, die eine Art Entwicklerpaste in das Filmblatt bringen. Unverzüglich wandern die vom Licht des Bildmotivs mobilisierten Negativ-Farbstoffe daraufhin durch die Entwicklerpaste auf die Positivseite der Taschenfilm-Fabrik.
Zum Schluß wird eine bis dahin das Sonnenlicht abschirmende Verdunklungsschicht durchsichtig -- das Photo, anfangs nur verschwommen sichtbar, hat sich aus seinem chemischen Kokon befreit und steht, in naturgetreuen Farben leuchtend, auf der knautschsicheren Hochglanz-Plastickarte.
Doch Edwin H. Land, der am Dienstag letzter Woche 65 wurde, hat noch mehr vor. Auf die »SK-70«, die den deutschen Sofortbild-Enthusiasten »weniger als 600 Mark« kosten soll (so Polaroid-Sprecher Jürgen Nußbaum), will Land nun auch die erste Schmalfilmkamera folgen lassen, die den belichteten Film sogleich in der Kamera projektionsfertig entwickelt.