VERKEHR / REISE-TEMPO Was für Kerle
Für »ein neues Gesellschaftsspiel«, mit dem die Stuttgarter Motorzeitschrift »Auto, Motor und Sport« vor kurzem ihre Leser bekannt machte, hat die Aachener Reifenfirma Uniroyal Englebert rund 200 000 Mark aufgewendet. Nach Ansicht Heinz-Ulrich Wieselmanns, Chefredakteur der Zeitschrift, investierten die Aachener ihr Geld in »einen sagenhaften Mumpitz«.
Die Reifen-Leute untersuchen seit zwei Jahren den Fluß des Langstreckenverkehrs« »um dem Durchschnitts-Automobilisten Fahrtips zu geben«, wie ihr Public-Relations-Manager Klaus Banzhaf erläuterte. Aus mehreren Testfahrten, bei denen sie jeweils einen »im Verkehrsstrom mitschwimmenden Fahrer« und einen scharfen Kilometerfresser zum gleichen fernen Ziel starten ließen, gewannen sie die Erkenntnis: »Tempobolzerei bringt bei der heutigen Verkehrsdichte keinen nennenswerten Zeitgewinn mehr ein.«
So organisierten die Aachener beispielsweise eine Verkehrstestfahrt über rund 1500 Kilometer von Hamburg nach Rimini. Die Firma Kienzle installierte dem dabei verwendeten BMW-Mittelklassewagen die erforderlichen Geräte wie Fahrtschreiber und Apparaturen zum Zählen der Bremsvorgänge. Die Illustrierte »Stern« stellte Fahrer und konnte dafür ihren Lesern das Ereignis später als »Vergleichsfahrt zwischen einem Wilden und einem Zahmen« verkaufen.
Der Zahme sollte sich »zügig« der Verkehrslage anpassen, auf der Autobahn um 110 Stundenkilometer, auf der Landstraße um 80 Stundenkilometer einhalten. Der Wilde hatte laut »Stern« »mit Bleisohle ... nach dem Motto »Frechheit siegt"« zu fahren.
Nach 20 Stunden und 43 Minuten Fahrzeit kam der Zahme an. Er hatte 645mal überholt und 652mal gebremst. Der Wilde war nur 31 Minuten früher am Ziel, hatte aber 40,4 Liter mehr Benzin verbraucht, 2004 Wagen überholt, 1334 Bremsungen ausgeführt und war, wie fünf »Notbremsungen« auf dem Fahrtschreiber auswiesen, mehrfach in »haarige Situationen« geraten. Der Mann war offenbar im Stil des von Ausländern so gefürchteten deutschen Auto.-Rüpels gefahren.
Zum Groll des Chefredakteurs Wieselmann, eines Schnellfahrers aus Überzeugung an der Spitze einer Schnellfahrer-Redaktion, nahmen sogar Motorzeitschriften wie die VW-Fahrer-Gazette »Gute Fahrt« und die ADAC-»Motorwelt« das Spiel der Schnell-Langsam-Vergleiche auf. Die Resultate, nachgedruckt in über 100 Tageszeitungen, waren immer die gleichen. Die »Auto«-Redakteure beschlossen, das Gegenteil zu beweisen.
»Wir wehren uns dagegen, daß von gewisser Seite aus gesagt wird, es sei vorbei mit dem schnellen Fahren«, wetterte Wieselmann. »Wenn wir alle, wie die Engländer, nur noch 110 fahren sollen, dann müßten wir verrückt sein, einen BMW oder Mercedes zu kaufen.«
Die Stuttgarter testeten die Testfahrten. Um vier Uhr morgens ließen sie einen Mercedes-Benz 250 SE in Hamburg lospreschen gen Rimini. Er war besetzt mit den Testfahrern Gert Hack und Manfred Jantke. Sie gelten innerhalb der Schnellfahrer-Redaktion wegen ihres Fahrstils als »unsere beiden Räuber«. Bei dem Versuch, eine mit höchstens 70 Stundenkilometer befahrbare Kurve mit 90 zu meistern, hatten sie einen schon früher unternommenen Rimini-Test an einer fränkischen Leitplanke vorzeitig beenden müssen. Auf einem weiteren 250 SE übernahmen Fahrer »von ruhiger Gemütsart« den zahmen Part des Aachener Vorbilds.
Der Erfolg schien verblüffend. Die Schnellfahrer aus Stuttgart überholten 309 Wagen weniger, waren aber sechseinhalb Stunden früher in Rimini als damals der wilde Mann vom »Stern«. Auch das Maßhalte-Team der Stuttgarter besiegte seinen Gegner, überholte 61mal weniger als er und kam zwei Stunden früher an. Bei näherem Hinsehen zeigte sich allerdings, daß der ungewöhnlich große Zeitunterschied zwischen den beiden Rimini-Konkurrenten nicht nur vom Einsatz schnellerer Wagen durch die Stuttgarter herrührte. »Auto, Motor und Sport« nennt den Hauptgrund selber: »Weil wir nicht in den verkehrsreichsten Urlaubstagen ... fuhren.« Das Blatt verkündete: Hohes Reisetempo sei auch heute noch jedem Fahrer möglich, sofern er »überlastete Strecken meidet oder »antizyklisch«, also außerhalb der Stoßbeanspruchungszeiten fährt«. Eine Warnung an weniger befähigte Nachahmer schien den Rekordfahrern gleichwohl angebracht: Die Fahrzeiten seien »nicht als Normen für künftige Fahrten ... gedacht«.
»Das ist ja gerade der Humbug -- wem hilft das?«, ereiferte sich der Aachener Test-Master Banzhaf. Seine Testwagen waren mitten im Urlauberstrom gefahren, die Testfahrt-Tester hingegen außerhalb der Ferienzeit.
Nützlich scheint freilich weder der eine noch der andere Test. Beide suchen im Grunde nur Binsenwahrheiten zu beweisen. Das kommentierte treffend die VW-Fahrer-Zeitschrift »Gute Fahrt«, deren Tester bei starkem Verkehr für die Strecke von Stuttgart nach Ludwigshafen 35 Minuten mehr benötigt hatte als »Auto, Motor und Sport« bei nur schwachem Verkehr: »Wir haben bewiesen, daß man auf verkehrsreichen Straßen nur langsam vorankommt, und Sie haben bewiesen, daß man auf verkehrsarmen Straßen schnell sein kann«, schrieb »Gute Fahrt« an Wieselmann. Und: »Was sind wir doch für Kerle.«