»Was gebraucht wird« - DER SPIEGEL
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»Was gebraucht wird«

• aus DER SPIEGEL 8/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die DDR war eigentlich ganz anders. Hinter der Mauer wurde nicht nur Trübsal geblasen und für die Stasi geforscht; es gab auch heitere Geschichten. Eine erzählt, in seinen Memoiren »Krieg ohne Schlacht«, der Dramatiker Heiner Müller, in Stasi-Kreisen bekannt als IM »Heiner«.

Eines Tages bat ihn sein Freund, der Komponist Paul Dessau: »Lenin hat Geburtstag. Schreib mir einen Text.« Müller, der bei Dessau »Schulden hatte«, schrieb ein »Lenin-Lied«, das im März 1970 im Neuen Deutschland erschien. Memoiren-Müller: »Vor dem Text sträuben sich mir heute noch die Haare.«

Das Sträuben, falls noch möglich, kann weitergehen. Also steht es handgeschrieben auf dem Widmungsblatt einer Partitur: »Chormusik Nr. 5 mit grossem Orchester und Bass-Solo nach einer Rede unseres Ersten Sekretärs Erich Honecker gedichtet von Heiner Müller komponiert von Paul Dessau«. Anlaß der Ton-Dichtung: »Zum IX. Parteitag der SED im Mai 1976«. Im Druck* heißt es dann, würdevoller: »Aus einer Rede des Generalsekretärs« und: »eingerichtet von Heiner Müller«. Die strengen Verse, nach oder aus dem Munde Honeckers geschmiedet, lauten so: _____« 1 GROSSES WURDE VOLLBRACHT Mit der Kraft des Volkes » _____« und zum Wohl des Volkes Im Bruderbund mit der Sowjetunion » _____« NIEMALS WURDE SO VIEL GETAN In der Gemeinschaft der » _____« sozialistischen Staaten Für Frieden und Sicherheit Für » _____« die Freiheit der Völker » _____« VIELES BLEIBT ZU TUN Auf kommunistische Weise Jahr für » _____« Jahr » _____« 2 WIR VERGESSEN NICHT Der Frieden für die Völker unseres » _____« Kontinents ist schwer errungen Der Imperialismus hat sein » _____« Wesen nicht verändert Der Frieden wird uns nicht » _____« geschenkt » _____« WIR VERGESSEN NICHT Die Verbundenheit mit allen Kämpfern » _(* y C. F. Peters Frankfurt, Leipzig. ) für Demokratie und Fortschritt in der Welt des Kapitals _____« WIR VERGESSEN NICHT Jeder Erfolg des Sozialismus ist » _____« ein Beitrag für die große weltrevolutionäre Bewegung » _____« unserer Zeit » _____« 3 UNSER KAMPFBUND IST GESCHLOS-SEN HEUTE KANN JEDER » _____« ERKENNEN: DER IMPERIALISMUS IST IN DER DEFEN-SIVE DER » _____« FORTSCHRITT IST AUF DEM VOR-MARSCH MIT DER KRAFT DES » _____« GANZEN VOLKES AUS DER GEGENWART DES SOZIALIS-MUS IN DIE » _____« ZUKUNFT DES KOMMUNISMUS »

Das wuchtige Wortwerk mit »epochalem Gewicht« (Neues Deutschland) verfehlte nicht die Öffentlichkeit. Feierliche Radio-Uraufführung (Motto: »Gruß an die Partei") widerfuhr ihm am 16. Mai 1976 im Großen Sendesaal des Funkhauses in der Nalepastraße, exekutiert von Chor und Sinfonieorchester des Rundfunks; nochmals groß gesendet wurde es im Rahmen der hochoffiziellen »DDR-Musiktage« 1984 aus der Deutschen Staatsoper.

Höchste Weihen beträufelten dann das Müller-Lied im Jahre 1987. Als einziger Fremdbeitrag zierte es ein bibliophiles Bändchen mit gesammelten Honecker-Worten zu »Kunst und Kultur«, das in einer Nomenklatura-Auflage von 333 Exemplaren gedruckt und dem Generalsekretär zum 75. Geburtstag dargeboten wurde. Honecker-Sentenz im Büchlein: Die DDR sei ein Land, »in dem sich das humanistische Ideal der Einheit von Geist und Macht erfüllt hat«. Sehr wahr, in diesem Falle; möge Nero so willige Staatspoeten gehabt haben.

»Er hielt für lernbar, was gebraucht wird«, lobte Müller sein Vorbild Dessau; der hatte die »Tonformel ,S-E-D''« (Es-E-D) in die Müller-Kantate gewoben. Und Dessau, so Müller, habe gearbeitet, »ohne die Todsünden des sozialistischen Künstlers, deren Namen Kompromiß und Hochmut sind, häufiger als unbedingt notwendig zu begehen«.

Not oder wendig, das ist hier die Frage.

* y C. F. Peters Frankfurt, Leipzig.

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