RAUMFAHRT / APOLLO 9 Weg frei
Am Freitag letzter Woche, dem 5. Tage von Apollo 9, schickte Gummibonbon die Spinne in eine erdferne Umlaufbahn.
Damit bestand Amerikas häßlichstes, tückischstes, kompliziertestes und wichtigstes Raumfahrzeug seinen letzten Test: Die Mondfähre hatte zum erstenmal im Weltraum fehlerlos funktioniert. Während des Apollo-11-Fluges -- voraussichtlich im Juli dieses Jahres -- soll sie zwei Astronauten vom Weltraum-Mutterschiff (das unterdessen den Mond umkreist) zur Mond-Oberfläche und wieder zurück befördern.
Damit entschwand auch die letzte Hoffnung der Sowjets, die USA im Wettlauf zum Mond kurz vor dem Ziel noch abzufangen: Nur ein Unglück könnte jetzt noch verhindern, daß im Sommer ein US-Astronaut als erster Mensch den Mond betritt.
Alle Manöver, die von der Apollo-Raumschiff-Kombination* während des Mondfluges ausgeführt werden müssen, wurden letzte Woche von Apollo 9 auf Erd-Umlaufbahnen fehlerlos exerziert:
* Kurz nach dem Start am Montag hatte Gummibonbon-Pilot David Scott die Kommando-Kapsel mit dem Haupttriebwerk von der dritten Saturn-Raketenstufe gelöst, gewendet, zurückgestoßen und das in der Raketenstufe verstaute Mondfahrzeug herausgezogen. Das
* Die in Mondnähe operierende Raumschiff-Kombination besteht aus dem Haupttriebwerk (Service Module) mit der Kommando-Kapsel (Command Module) am Bug (Funk-Rufname des Gespanns: »Gumdrop« -- »Gummibonbon") und der Mondfähre (Lunar Module); (Funk-Rufname: »Spider« -- »Spinne").
wäre das erste Manöver auch auf dem Weg zum Mond.
* Am Freitag stiegen Raumschiff-Kommandant James McDivitt und Mondfähren-Pilot Russel Schweickart in die Mondfähre um, lösten sich von der Kommando-Kapsel und entfernten sich mit Hilfe des Bremstriebwerkes bis auf 170 Kilometer. Damit simulierten sie den Abstieg von der Mond-Umlaufbahn zur Mond-Oberfläche.
* Anschließend wurde die Abstiegs-Stufe der Mondfähre abgeworfen, das darüberliegende Aufstiegs-Triebwerk kurz gezündet und damit die Mondfähre wieder in die Nähe der Kommando-Kapsel gebracht. Das war eine Simulation des Starts vom Mond: Die Brems-Rakete bleibt mit den vier Spinnenbeinen wie eine Start-Plattform stehen, und die Aufstiegs-Stufe mit den Piloten hebt vom Monde ab.
* Als nächstes gelang das schwierigste Manöver des Apollo-Fluges -- das Wieder-Ankoppeln der Mondfähre an die Kommando-Kapsel; die beiden Astronauten konnten in das Mutterschiff zurückkriechen.
Schließlich trennte sich die Kommando-Kapsel endgültig von der Mondfähre. Deren Aufstiegs-Triebwerk wurde (über Funk von der Kommando-Kapsel aus) noch einmal gezündet und schleuderte das 80-Millionen-Mark-Gefährt in eine hohe Erd-Umlaufbahn. Das sollte beweisen, daß die Schubkraft des Triebwerks für den Aufstieg vom Mond bis zur Kommando-Kapsel reicht.
Dieser letzte Test gelang am Freitagabend. Er schoß den Weg frei für Edwin Aldrin, Oberst der US-Luftwaffe, der im Juli als erster Mensch Mondboden betreten soll.
Ein Russe könnte ihm nur zuvorkommen, wenn die Sowjets bis dahin
* in der Erd-Umlaufbahn ein großes Mondfahrzeug zusammenbauen -- wozu sie nach Schätzung westlicher Experten mehr als ein Dutzend Sojus-Trägerraketen benötigen; oder
* ihre neue Super-Rakete (die um ein knappes Drittel stärker ist als die Saturn V der Amerikaner) bis zur Einsatzreife fortentwickelt haben -- aber bislang ist diese Rakete noch nicht geflogen.
Beide Möglichkeiten werden von Experten für wenig wahrscheinlich gehalten. So gibt der nun in greifbare Nähe gerückte Erfolg der Amerikaner einem Manne recht, der sein Mondfahrtkonzept gegen den Widerstand der Nasa-Offiziellen durchgesetzt hat: Die Mondfähren-Idee des Luftfahrt-Ingenieurs John Houbolt galt lange Zeit als abstruser Einfall eines Außenseiters.
Zu Beginn der sechziger Jahre lieferten sich die US-Raumflugexperten einen erbitterten Streit über den besten Weg zum Mond. Wernher von Braun, Chef des Raumflug-Zentrums Huntsville (Alabama), machte sich für ein Erdbahn-Rendezvous stark: Mindestens zwei Saturn-V-Raketen sollten die Einzelteile einer großen Mondrakete in eine Erdbahn bringen und dort koppeln. Das Mondschiff würde aus der Erdbahn starten und von der Mondoberfläche direkt zur Erde zurückkehren.
Andere Nasa-Spitzenfunktionäre waren mehr für den Direktflug einer Monster-Rakete zum Mond und zurück. Beide Projekte erwiesen sich als technisch zu aufwendig.
Wesentlich sparsamer war das Verfahren, mit dem Houbolt vor zehn Jahren bei den Nasa-Managern antichambrierte: das Mondbahn-Rendezvous. Eine große Rakete sollte zwei Raumschiffe zum Mond bringen -- eine Kommando-Kapsel mit Rückkehr-Triebwerk, die um den Mond kreist, und eine Mondfähre, die von dort absteigt und wieder zum Mutterschiff zurückkehrt.
Dieses Zwillings-Konzept würde wesentlich weniger Treibstoff kosten, so errechnete Houbolt. Denn die Mondfähre braucht nur den kurzen Weg zum kreisenden Mutterschiff zurückzulegen und kann daher sehr leicht konstruiert werden; das (mit Hitzeschild und Rückkehr-Triebwerk) sehr schwere Mutterschiff hingegen erspart sich den Aufstieg von der Mondoberfläche und kann aus der Mondbahn in Richtung Erde starten.
Doch die Nasa-Chefs -- unter ihnen auch Wernher von Braun -- mißtrauten anfangs dem revolutionären Außenseiter-Vorschlag.« Ihre Zahlen lügen«, so schrie ihn ein Funktionär an, »ich glaube kein Wort.« Und heute erinnert sich Christopher Kraft, Direktor der Nasa-Abteilung für bemannten Raumflug: »Manch einer hielt Houbolt für einen Quatschkopf.«
Erst als die Schwierigkeiten der beiden anderen Konzepte immer deutlicher wurden, holten die Raumschiff-Konstrukteure Houbolts Berechnungen wieder hervor; und im Jahre 1962 fiel die Entscheidung für das Mondbahn-Rendezvous -- wie es Apollo 9 jetzt in Erdnähe probte.
Trotz des damit gewonnenen technischen Vorsprungs vor den Sowjets trieben die Nasa-Manager ihre Astronauten-Teams in ein beispielloses Mammut-Training. Zeitweise hatten die Raumschiff-Besatzungen ein Tagesprogramm von 18 Stunden zu absolvieren. McDivitt, Scott und Schweickart etwa hatten für jede vorgesehene Raum-Stunde zehn Stunden am Boden, in der Luft oder unter Wasser zu üben.
Die Folge war, so klagte jüngst Raumarzt Charles Berry, daß bisher alle Apollo-Astronauten entweder kurz vor oder während der Flüge wegen Überanstrengung erkrankten.
Hinzu kommt ein weiterer Stress während des Fluges in der engen Kabine: Die Fäkalien-Behälter schließen nicht immer dicht -- alle Apollo-Teams beschwerten sich bislang über Geruchsbelästigung. Und Mondfähren-Pilot Schweickart mußte sich am Mittwoch letzter Woche zweimal übergeben.
Künftige Trainings-Programme müßten den Astronauten genügend Ruhepausen lassen, verlangte Berry. Andernfalls könnten sich Startverzögerungen wie bei Apollo 9 wiederholen -- und das wäre teuer.
Wegen Erkrankung der Raumfahrer hatte der Apollo-9-Start vom 28. Februar auf den 3. März verschoben werden müssen. Die Astronauten hatten Schnupfen -- den teuersten der Weltgeschichte: Die Startverschiebung kostete rund zwei Millionen Mark.