STRAHLUNGSSCHÄDEN Weh dir, Enkel
Über eine sensationelle Entdeckung, die ihm 19 Jahre später den Nobelpreis für Medizin eintrug, referierte der amerikanische Zoologe Hermann Joseph Muller vor den Gelehrten, die sich 1927 zu einem internationalen Kongreß für Vererbungsforschung in Berlin versammelt hatten. Es sei ihm gelungen, berichtete Muller, durch Röntgenbestrahlung bei Versuchstieren die Erbanlagen zu verändern. Die Nachkommen seiner Labor-Tiere seien mit Mißbildungen geboren worden.
Seitdem gilt als Lehrmeinung der Genetiker, daß radioaktive oder Röntgenstrahlung selbst in winziger Dosis bei den bestrahlten Lebewesen Änderungen der Erbmasse (Mutationen) bewirken, die nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Bei Tierexperimenten zeigte sich sogar, daß sich die verhängnisvollen Mutationen während vieler Generationen addieren. Der Titel, den die britische Vererbungsforscherin Charlotte Auerbach auf eines ihrer Bücher setzte, umriß die Vererbungsleiden mit einem effektvollen Ausruf: »Weh' dir, daß du ein Enkel bist!«
Mullers nobelpreisgekrönter Entdeckung entsprossen auch die düsteren Zukunftsbilder, die Wissenschaftler über die Folgen eines Atomkriegs malten. Atomphysiker, Mediziner und Biologen sahen in schauervoller Vision die Erde nach einem dritten (Atom-)Weltkrieg mit den mißgestalteten Nachkommen der strahlungsgeschädigten Kriegsteilnehmer bevölkert.
»Die ganze Verheerung, welche die radioaktive Strahlung in den Nachkommen anrichtet«, ließ sich im April 1957 auch Albert Schweitzer über 150 Radiosender aus dem Busch vernehmen, »wird erst nach 100 oder 200 Jahren offenbar.«
Der Alarmruf aus dem Urwald, mit dem Wohltäter Schweitzer die Menschheit vor den Gefahren der A- und H-Bomben warnen wollte, hatte indes ein unerwartetes Nachspiel: Schweitzer wurde attackiert. In einer Diskussion des Stockholmer Rundfunks über den Appell des Friedensnobelpreisträgers, die Atomversuche einzustellen, bezichtigte Karl Gustav Lüning, ein junger schwedischer Dozent für Vererbungslehre, den Buschdoktor, in Fragen der Erbforschung nicht besonders gut orientiert zu sein. Lüning »Er benutzte veraltete wissenschaftliche Unterlagen.«
Lüning verschwieg damals allerdings, daß revolutionäre Erkenntnisse ihn zu so dreistem Widerspruch ermutigten. Erst vor kurzem ist bekanntgeworden, welche verblüffenden Entdeckungen der heute 36jährige Vererbungsforscher Lüning gemacht hat. Sie stehen in schroffem Kontrast zu den unheilschwangeren Zukunftsbildern einer durch Strahlenschäden dem biologischen Niedergang geweihten Menschheit.
Lüning, seit 1958 Direktor des Genetischen Instituts der Universität Stockholm, hat nämlich entdeckt,
- daß Änderungen des Erbguts, die durch Strahlen bewirkt worden sind, unter bestimmten Bedingungen geheilt werden können;
- daß ein Stamm von Versuchstieren, der Generationen hindurch einer beträchtlichen Strahlendosis ausgesetzt wird und durch Strahlenschäden fast bis zum Aussterben degeneriert, schließlich trotz weiterer Bestrahlung wieder so lebenskräftig werden kann wie zu Beginn des Versuchs.
Lüning hatte mit Taufliegen der Art Drosophila melanogaster, die wegen ihrer kurzen Lebensdauer das bevorzugte Labor-Tier der Vererbungsforscher sind, in langen Versuchsreihen experimentiert. Unter verschiedenen Bedingungen setzte er die Tiere einer Röntgenbestrahlung aus. Als er die Drosophila -Fliegen in einer Atmosphäre von reinem Stickstoff bestrahlte, machte er eine frappierende Beobachtung. Die Zahl der Mutationen war geringer als bei der Bestrahlung der Tiere in einer Luftatmosphäre.
Ein weiteres Experiment ermöglichte ihm dieses merkwürdige Ergebnis zu deuten. Er verabreichte den Fliegen eine Strahlendosis in reiner Stickstoff-Atmosphäre; anschließend setzte er sie in ein Gefäß mit Sauerstoff und bestrahlte sie weiter. Ergebnis: Lagen zwischen beiden Bestrahlungen weniger als 30 Minuten, zeigten sich genauso viele Mutationen, als hätte die ganze Bestrahlung in Sauerstoff stattgefunden. Wartete Lüning jedoch 30 bis 40 Minuten, bevor er die Bestrahlung in Sauerstoff fortsetzte, so entstanden wieder weniger Mutationen. Offenbar heilten in der Spanne von 30 bis 40 Minuten, so folgerte Lüning, einige der Mutationen, die durch die Bestrahlung in Stickstoff bewirkt worden waren. In weiteren Überlegungen suchte der Experimentator zu ergründen, wie diese seltsame Heilung zustande kommt.
Lüning vermutet, daß sich bei der Bestrahlung in den Geschlechtszellen der Tiere Substanzen bilden, die sich schließlich mit dem Sauerstoff der Luft chemisch verbinden - dann sei eine Heilung der Mutationen nicht mehr möglich. Ließe sich dagegen verhindern, daß diese Substanzen der Luft ausgesetzt werden, so könne eine Heilung eintreten. Lüning: »Der nächste Schritt in der Forschung wäre nun natürlich, zu untersuchen, ob man diesen Heilungsprozeß nicht auch aktiv fördern kann.«
Indes: Ein Medikament zu finden, das Strahlenschädigungen der Erbmasse zu beheben vermag, fühlt sich Lüning nicht berufen. Sein Forschungsstab, gesteht er freimütig, verfüge nicht über die dazu nötige chemische Sachkenntnis. Außerdem sei er mit anderen Problemen beschäftigt.
Besonders einem Problem haben sich Lüning und seine Mitarbeiter, unter ihnen vor allem Lünings Vorgänger am Stockholmer Genetischen Institut, Professor Gert Bonnier vordringlich gewidmet: den Erbdefekten strahlungsgeschädigter Tiervölker. Wieder experimentierte der Stockholmer Forscherstab mit der Taufliege Drosophila. Zunächst beobachteten die Wissenschaftler bei ihren Versuchen, was andere Gelehrte bereits vor ihnen vermerkt hatten: Die Drosophila-Kulturen, die mehrere Generationen hindurch einer starken Dosis Röntgenstrahlen ausgesetzt wurden, verloren zusehends an Lebenskraft.
Die Forscher sammelten aus jeder Fliegen-Generation 6000 Larven ein, die aus den Eiern bestrahlter Fliegen geschlüpft waren. Auch die Fliegen, die sich daraus entwickelten, bestrahlten sie mit der gleichen Dosis. Lüning: »Das Resultat war, wie erwartet, daß die Fliegen von Mal zu Mal schlechter wurden. Wir hatten es zeitweise schwer, überhaupt die 6000 Larven einzusammeln, die die nächste Generation bilden sollten.«
Dann aber trat unversehens das Phänomen auf, das allen anderen Experimentatoren entgangen war. Nach acht Generationen erholten sich die Fliegen auf einmal, obwohl stets jede Generation der Röntgenbestrahlung ausgesetzt worden war. Lüning »Es wurde immer leichter, die Population in Gang zu halten, und nach einigen weiteren Generationen war es sogar leichter als zu Anfang ...«
Dieses unerwartete Ergebnis führt Lüning auf seine besondere Versuchsanordnung zurück. Im Gegensatz zu dem Entdecker der genetischen Strahlenschäden, Hermann J. Muller, und anderen Forschern kreuzt Lüning niemals die Nachkommen ein und derselben bestrahlten Fliege miteinander, die naturgemäß von den gleichen Erbschäden betroffen sein müssen. Vielmehr arbeitet er »mit realistischeren Verhältnissen, wenn man an eine menschliche Bevölkerung denkt": Er läßt die Fliegen eines großen Stammes sich frei miteinander paaren.
Die Wahrscheinlichkeit, daß dabei zwei Fliegen mit den gleichen verborgenen Mutationen zusammentreffen, ist nach Lüning gering. Die Folge: Diese Mutationen treten nicht als Mißbildungen in Erscheinung, obgleich sie im Erbgut vorhanden sind.
Weshalb Lünings Fliegen jedoch zunächst so stark unter Strahlenschäden litten und sich erst nach mehreren Generationen plötzlich erholten, weiß Lüning nicht zu sagen. »Das ist ein Problem«, erklärte er, »das nur schwer endgültig zu lösen sein wird.«
Angesichts der Unmöglichkeit derartige Strahlenversuche mit Menschen anzustellen, ist es in der Genetik legitimer Brauch, die Resultate von Tierversuchen auch auf Menschen anzuwenden, denn »die Grundvorgänge der Vererbung und der Mutation sind derart einheitlich«, erläuterten etwa die deutschen Strahlenforscher Marquardt und Schubert, »daß (es) gleichgültig (ist), ob es sich um Pflanzen, Tiere oder um den Menschen handelt«.
Lüning dagegen scheut sich, die verblüffenden Ergebnisse der Versuche, die er und seine Mitarbeiter in zehnjähriger Arbeit an Millionen Taufliegen gemacht haben, auf Menschen zu übertragen. Er möchte seine Fliegen-Daten vorerst an Organismen erhärten, die dem Menschen näherstehen: Seit einiger Zeit hat Lüning ein Laboratorium mit Mäusen bevölkert, an denen er seine Versuche wiederholen will.
Als er kürzlich wieder in der Öffentlichkeit bedrängt wurde, endlich zu erklären, ob die Ergebnisse seiner Versuche auch für die Menschheit Gültigkeit hätten, entwand er sich einer eindeutigen Stellungnahme. Seine Arbeiten, erklärte er, seien »wegweisend": »Welche Folgerungen man daraus ziehen will, ist jedermanns eigene Sache.
Alarmrufer Schweitzer Schauervolle Visionen ...
Vererbungsforscher Lüning ... aus veralteten Unterlagen