»WEH IS« MIR!« - DER SPIEGEL
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Heinrich Böll über Bernard Malamud: "Der Fixer" »WEH IS« MIR!«

Heinrich Böll, 50, hat zusammen mit seiner Frau Annemarie 1960 Bernard Malamuds früheren Roman »Der Gehilfe« ins Deutsche übertragen. -- Der amerikanisch-jüdische Romancier Bernard Malamud, 54, errang mit dem Roman »The Fixer« 1967 in den USA einen Bestseller-Erfolg.
• aus DER SPIEGEL 46/1968
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Auf den ersten Blick wirkt die Fabel einfach: Jakow Bok zieht aus seinem »Stedtl« -- das klingt wie eine bittere Variation aufs »Muß i denn, muß i denn« -- nach Kiew; dort möchte er jenes erbarmungswürdig minimale Glück finden, das darin besteht, durch seiner Hände Arbeit als »Fixer«, eine Art »Handwerksmann für alles«, seinen Lebensunterhalt, noch lieber: das Geld für die Emigration zu verdienen.

Er vergeht sich gegen zaristische Polizeivorschriften, nimmt Arbeit unter falschen Namen an, zieht in einen für arme Juden verbotenen Stadtteil. Er Ist fleißig, geschickt, zuverlässig und nahe daran zu vergessen, daß er für die Polizei immer noch ist, als was er sich gar nicht empfindet: Jude. Da er sich gegen Vorschriften vergangen hat, wird er zum idealen Sündenbock, dem man ein Verbrechen anhängen kann, das nicht nur er nicht begangen hat, das gar nicht begangen worden ist: Ritualmord,

Jakow Bok gerät in die finsterste aller Schlangengruben, in die ein Jude Anfang dieses Jahrhunderts geraten konnte, in die antisemitische Justizmaschinerie des zaristischen Rußland. Torturen, Demütigungen, Lockspitzel, Hunger, Dreck, Ungeziefer; fast zwei Jahre lang hält dieser »kleine Mann« das alles durch, ohne nachzugeben, ohne dieser korrupten, frömmlerisch triefenden Maschinerie etwas anderes als sein »Ich bin unschuldig« anzubieten.

Man versucht ihn zu verlocken, zu bestechen -- vergebens. Der einzige. der ihm beizustehen gedenkt, der Untersuchungsrichter Bibikow, erhängt sich im Gefängnis; man läßt Boks Zellentür für eine Weile offen, auf daß er das Ende seiner Hoffnungen so recht mit eigenen Augen erblicken kann.

In einem visionären Schluß verläßt er das Gefängnis, hat einen visionären Dialog mit dem traurigsten aller traurigen Zaren, der kein Blut sehen kann weil sein Sohn Bluter ist, und der doch die blutigste Justizmaschinerie seiner Zeit betreibt. Bok erschießt den traurigsten aller traurigen kleinen Zaren. Happy-End.

Auf den zweiten Blick erst wird sichtbar, was dieser Jakow Schepsowitsch Bok sonst noch alles tut und was ihm angetan wird. Schon der ukrainische Fährmann, der ihn auf dem Weg nach Kiew über den Dnjepr setzt, speit die wüstesten Antisemitismen nur so aus sich heraus -- und handelt doch an Bok, dem er seinen alten Klepper gegen einen Rubel als Fährlohn abhandelt, »typisch jüdisch«.

Boks zweite Dummheit: Er handelt menschlich an einem Mitglied der militant antisemitischen »Schwarzen Hundert«; er zieht den frommen, vom Wein wie von seiner Melancholie so trunkenen Lebedew aus der Gosse. Zur Belohnung darf er gegen gutes Geld -- unter falschem Namen -- eine Wohnung für Lebedew instand setzen; Bok wird so unjüdisch, daß er dem Glück zu trauen beginnt.

Weitere Dummheiten: Er deckt Unregelmäßigkeiten nicht nur auf, versucht auch noch, sie zu verhindern. Er vertreibt Unfug treibende Jungen vom Grundstück, darunter den Jungen, der später ermordet aufgefunden wird; er nimmt in seine Behausung einen Chossid auf, den jene Jungen mit Steinwürfen verletzt haben, pflegt den Chossid gesund, bringt ihn auf den Weg, liefert der Polizei durch seine Barmherzigkeit das »eigentliche« Beweismaterial, blutige Lappen in seiner Behausung. Alles, alles wird gegen ihn verwendet; mißglücktes Brot, das er gebacken hat, ißt er als Zwieback, und so findet man bei ihm, was gefunden werden mußte: Matzen und Blut.

Im Gefängnis besucht ihn seine Frau Raisl, die ihn verließ, ihm keine Kinder gebar, nun von einem anderen eins hat und Jakow bittet, dies Kind zu legitimieren. Er tut's. Er unterschreibt. Boks Vergehen sind seine Menschlichkeiten.

Das Neue an diesem erstaunlichen Roman ist: Er hat einen historischen Stoff zum Gegenstand und wirkt nicht einen Augenblick lang historisch. Nicht Einfall und Einfälle machen ihn zu einem großen Roman. Es ist der Stil und die Architektur. Die Übersetzung von Herta Haas entspricht beiden. Eine trockene Prosa, die mit unerbittlicher Sicherheit ihren Gegenstand festhält, keinen Fehltritt tut, auch da nicht, wo sie die banale Menschlichkeit ihres Helden liefert, seinen kindlichen Bildungshunger, seine ganz und gar unsentimentale Einschätzung der Liebe, seine Freude an ein paar redlich verdienten Hubelchen, an Büchern und Erdbeermarmelade.

Diese Prosa ist derb, wo sie derb sein muß, zart, wo sie zart sein muß; sie wird gehalten und zusammengehalten durch etwas, das hierzulande allzu leicht den Anschein von Optimismus erweckt, während es in Wahrheit das Lebenselixier der Pessimisten ist: durch bitteren Humor.

Malamud hat schon in früheren Publikationen, die hierzulande allzu nebensächlich abgetan worden sind, bewiesen, daß er die Zusammensetzung von Humor kennt: Blut, Galle, Speichel, Sperma, Schweiß, Tränen und was weiter der Mensch so an »Flüssigkeiten« in sich birgt und produziert. Diese, die einzig zulässige Art Humor, hält die gewaltige und düstere Architektur des Romans zusammen, und sie ist Sprache geworden, nicht Idee geblieben.

Schmuel möchte seinen Schwiegersohn Jakow dem jüdischen Glauben erhalten. »Jakow, vergiß nicht deinen Gott!« Und Jakow repliziert in unverbesserlich trockener Bitterkeit: »Wer vergißt da wen?«

Absurd ist Boks Existenz, der sich nicht als Jude fühlt und die ganze Last des jüdischen Schicksals aufgebürdet bekommt. Er, dessen »Nase manchmal jüdisch aussah, manchmal auch nicht«, den der Fährmann für einen »gottverdammten Polen« hält »oder vielleicht« für einen »mutterschänderischen Juden«, der aber »eher wie ein Deutscher aussieht«, woraufhin sich der verschreckte Bok schüchtern als »Lette« bezeichnet.

»Um Millionär zu werden«, würde er »sein letztes Hemd verkaufen«, weil wohlhabende Juden auch außerhalb des Ansiedlungsgebietes wohnen dürfen.

Widerwillig beginnt er im Gefängnis mit der Lektüre des Neuen Testaments, das ihm ein Wärter leiht; mit zunehmender Anteilnahme erkennt er in der Verlassenheit der Passion seine eigene, begreift nicht, daß die christliche Religion einen solchen Judenhaß hervorbringen konnte.

Malamud erlaubt seinem Helden Jakow Bok keinen Schnitzer. Nicht einmal in der finstersten Finsternis des Gefängnisses wird ihm erlaubt, was durchaus »verzeihlich« wäre: auch nur Ansätze von Sentimentalität. Der Ruf »Weh is mir« erklingt gleich am Anfang des Romans. Er erklingt oft in Malamuds Werken. Von Pleite bedrohte kleine Händler in New York stoßen ihn aus, jüdische Kleinbürger aller Art, die plötzlich merken, daß dem Glück letzten Endes doch nicht zu trauen ist.

Es ist der alte Schreckensruf osteuropäischer Juden, aus der Alten mit in die Neue Welt genommen.

Juden werden verfolgt, weil sie reich sind und weil sie arm sind; weil sie bürgerlich sind und weil sie unbürgerlich sind; sie werden verfolgt, weil sie Humor haben und weil sie humorlos sind; weil sie schmutzig sind; besonders verdächtig sind sie, wenn sie sauber sind, weil sie schmutzig zu sein haben; weil sie jüdische Nasen haben; noch schlimmer werden sie verfolgt, wenn sie keine jüdischen Nasen haben, und Jakow Bok ist ein ganz besonders Schlimmer, weil er manchmal eine jüdische Nase hat, manchmal nicht.

Er ist ein Ungeheuer, weil er ein Mensch ist: ein »gottverdammter Pole«, ein »mutterschänderischer Jude«, der aber »eher wie ein Deutscher aussieht« ...

Es ist absurd. Absurdität ist das Thema dieses großen Romans, der keinen Augenblick lang seinen Gegenstand losläßt.

Es ist keine »littéature noire«, es ist littérature humaine. Daß dem kleinen Glück nicht zu trauen ist, das darin besteht, ein paar Rubelchen zu verdienen, Mehl, Bücher, Erdbeermarmelade zu kaufen; daß diesem Glück sowenig zu trauen ist wie dem großen Glück -- worin immer es bestehen mag -, das sollte nicht als bedrückend gelten, sondern als selbstverständliche Mitteilung großer Literatur.

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