FASSBINDER »Wehrt Euch!«
Nichts scheint Frankfurter Juden beim Thema Fassbinder dringlicher, als Außenstehenden ihre Verletztheit klarzumachen.
»Ich fühle mich mißachtet, entwürdigt und verhöhnt«, sagt Elli Kaminer. Sie sagt aber auch, daß sie sich »irgendwie erleichtert« fühle. Denn, »endlich«, hat sie im Streit um das »Müll«-Stück »den Mund aufgemacht« und gegen Deutschlands »virulenten Antisemitismus« offen und selbstbewußt protestiert - nach Jahren der verhuschten Verdrängung.
Elli Kaminer ist 30 Jahre alt. Sie will in Frankfurt eine Familie gründen und Kinder haben, was nicht ganz selbstverständlich ist für jemanden, dessen Familie in den Lagern umkam. Erst spät hat sie gemerkt, daß sie »die Koffer eigentlich längst ausgepackt« hat. Im Bewußtsein vieler Juden in Deutschland nämlich sind immer noch die Koffer zur Flucht gepackt.
Angst und Furcht der Juden: Das waren die beherrschenden Themen noch jeder Veranstaltung der letzten Monate. Da wurde auf die Gefahren der selbst auferlegten Opferrolle hingewiesen. Da wurde diese Erwartungshaltung kritisiert (so das Stadtmagazin »Pflasterstrand"): »Der Staat, die Parteien oder die Gewerkschaften, also irgendwelche offiziellen Körperschaften müßten als Verteidiger der Juden auftreten«.
Das alles ist jetzt anders geworden. Als am vorigen Donnerstag Angehörige der Frankfurter Jüdischen Gemeinde die geplante Uraufführung des Fassbinder-Stücks verhinderten, als vor dem Theater eine selbstbewußte Demonstration
stattfand, als diese bislang politisch so manierliche Minderheit auch mal gegen den guten Geschmack verstieß - da mögen manche ein Gefühl von Selbstbefreiung und Stolz empfunden haben.
»Wenn euch einer Saujud nennt, geht still weiter«, rief einer per Magaphon den Demonstranten zu. Aber etliche riefen zurück: »Nein. Wehrt euch.«
Dabei fing der Emanzipationsprozeß, weg von der Rolle des ewigen Bittstellers und Schutzsuchenden, womöglich lange vorher an: als die Bonner Trümpel im Mai zu den Bitburger SS-Gräbern pilgerten (und vorher verschämt nach Bergen-Belsen geeilt waren).
Seit Bitburg, vermutet etwa der Heidelberger Pädagogikprofessor Micha Brumlik, hat sich sogar beim Establishment der jüdischen Institutionen »die Erkenntnis, mindestens aber der Verdacht« durchgesetzt, daß die Adenauer-Enkel »die Belange der Holocaust-Opfer politisch nicht mehr berücksichtigen«. Seither wächst der Wille zur Eigeninitiative in der Gemeinde (im weitesten Sinn). Seither wächst aber auch der Zusammenhalt der Juden in der Bundesrepublik.
Gelegentlich mit paradoxen Folgen. Vor dem Frankfurter Schauspielhaus fühlte sich eine junge Sozialistin »miserabel wie noch nie«. Denn sie stand ja auf derselben Seite der Barrikade wie Teile eines Establishment, gegen das sie beim Frankfurter Häuserkampf auf die Straße gegangen war.
Es waren die Jahre, als in Frankfurt wieder vom »Jud« geredet wurde: Im Westend rissen Bauunternehmer Häuser ab, und es fügte sich, daß eine Handvoll von ihnen Juden waren. Im Bahnhofsviertel etablierte sich, neben anderen, ein von Israelis bestimmter Rauschgiftring.
Den latenten Antisemitismus der Stammtische, sagen viele, haben sie verkraften können, oft auch nicht wahrhaben wollen. Mit dem geplanten Fassbinder-Stück aber, und nur so läßt sich die Gereiztheit der Juden verstehen, will eine öffentliche, eine kommunale Institution, etwas (subjektiv) Antisemitisches starten.
Je hysterischer »das Gespräch mit dem jüdischen Mitbürger« gesucht wird, wie das in elendem Goodwill-Deutsch heißt, desto heftiger reden Juden und Deutsche aneinander vorbei. Wiederholt hat Intendant Günther Rühle große Diskussionsrunden in seinem Haus ausrichten lassen. Mit jedem Mal wurde die Kluft tiefer: »Wir sind nicht Ihr Eigentum, Herr Doktor«, schleuderte der KZ-Überlebende Joseph Schupack dem Intendanten entgegen.
Mit jedem Mal wuchs die Erkenntnis, daß es Punkte gibt, über die Deutsche und Juden nicht sprechen können. Elli Kaminer ist bestürzt über mangelnde Sensibilität der Deutschen. Und sie resümiert: »Wir reden über unsere Gefühle. Ihr redet über eure Kunst.«