Mode Weite Riesen
»Das ist keine Mode«, empörte sich Inge Schick, Präsidentin einer New Yorker Bekleidungsfirma, in einem Leserbrief an die Fachzeitung »Women"s Wear Daily«, »das ist geschäftlicher Selbstmord.«
Der düstere Kommentar galt dem jüngsten Modetrend aus Paris, der in den Staaten »Big Droop« (auf deutsch etwa »Großer Hänger") genannt wird und auf den erstmals -- nach jahrelanger modischer Abhängigkeit von den Stilisten in Frankreich -- amerikanische Designer mit Hohngelächter und Aufruhr reagierten.
Kritik an der »Walla-Walla-Kleidung« (Branchen-Jargon) wurde inzwischen auch bei westdeutschen Experten laut. Das sei »doch alles Quatsch«, rügte Eleonore Mueller-Stindl, Fashion director des Fachblattes »Textil-Wirtschaft«, »vollkommen außerhalb dessen, was die Leute haben wollen«.
Der neue Look, programmiert für den kommenden Herbst und Winter, zeichnet sich vor allem durch Überweb ten, Überlängen und Übergrößen aus: Capes wie Zelte, voluminöse Mäntel (oft mehrere übereinander), Röcke, die so füllig sind, daß sie dem Blechtrommler Oskar Matzerath -- wie bei seiner kaschubischen Großmutter auf dem Kartoffelfeld -- als Unterschlupf dienen könnten; dazu ellenlange Schals, die mehrmals um den Körper geschlungen werden, und klobige Stiefel, wie einst bei Flüchtlingsfrauen, die ihr Hab und Gut am Leib mit sich umherschleppten, so weit die Füße trugen.
»Als ob das Gedränge in den öffentlichen Verkehrsmitteln und in den Geschäften nicht schon groß genug wäre«, erboste sich US-Modeschöpfer Willi Smith über das Zwiebel-System, bei dem »unter jeder Lage noch mal eine Lage kommt«. Für ihn ist der »Big Droop« der »letzte Beweis« dafür, »daß nicht jede kreative Idee aus Paris kommt«. »Zu schwer und zu warm«, kommentierte auch US-Designer Halston lapidar den »großen Hänger«. Und sein Kollege Clovis Ruffin fühlte sich gar an »kommunistische Straßenbahnfahrer« erinnert.
»Weniger als ein Prozent« der bundesdeutschen Käuferinnen gehört nach Meinung der Branchenkennerin Mueller-Stindl zu dem Frauentyp, der, »ohne sich zu verhäßlichen«, die weiten Riesen von Kenzo und Karl Lagerfeld tragen könne. »Selbst die spindeldürren Mannequins« hätten ausgesehen »wie Dromedare«.
»Sehr groß, sehr schlank, sehr anspruchsvoll«, meinte unterdes ein amerikanischer Modedirektor aus Philadelphia, müsse die Kundin für solche Mammut-Garderobe sein -- »sie reist rund um die Welt und kauft ihre Koffer bei Gucci«. Für solche Einzelgänger offenbar haben auch westdeutsche Boutiquen-Besitzerinnen bei den Prêt-à-porter-Schauen in Paris »ein paar verkäufliche Sachen« aus dem Walla-Walla-Angebot herausgepickt. Bei »Chippi's Bazaar« in Hamburg beispielsweise heißt es: »Der Trend ist da, er wird sich durchsetzen.« Ebenso urteilt Jil Sander, die in Hamburg-Pöseldorf residiert: »Alles wird weiter, größer, bequemer -- ich finde das fabelhaft.«
Problematisch, meint Irmgard Zeuner. in deren Münchner Boutique ausschließlich Kenzo-Modelle verkauft werden, seien »nur die Preise« -- an die Schnitte werde man sich gewöhnen.
Noch ist nicht abzusehen, wer recht behalten wird im Modestreit: die Skeptiker, die den Dolch im überweiten Gewand vermuten und befürchten, daß die Mode, »Motor des Absatzes«, »auf dem Altar der Dekadenz-Apostel geopfert wird« ("Textil-Wirtschaft"), oder jene, die an die neue Richtung glauben.
»Erinnern wir uns«, sagte Katie Murphy, Chefeinkäuferin von Bloomingdale in New York, nachdem sie 100 Kenzo-Mäntel bestellt hatte, »es hat fünf Jahre gedauert, bis alle Frauen bereit waren, den Rocksaum überm Knie zu tragen. Eines Tages werden wir mitmachen -- oder wir sind aus dem Rennen.«