KUNST Welle der Wollust
Wieso die auf dem Wellenkamm ausgestreckte Nackte nicht untergeht, sollten Besucher der Pariser Salon-Ausstellung von 1863 gar nicht erst fragen; schon der Titel des Gemäldes von Alexandre Cabanel, »Die Geburt der Venus«, verwies ins Mythisch-Übernatürliche. Doch zugleich schien der porzellanweiße Leib handfeste irdische Lust zu versprechen. Das gefiel, auch dem Kaiser Napoleon III., der das Bild prompt für den Elysée-Palast erwarb. Mit diesem Spätprodukt einer gloriosen, schließlich ins Kitschige abgesunkenen Kunst-Thematik beschließt das Kölner Wallraf-Richartz-Museum nun einen Rückblick auf die »Faszination Venus«. Die so betitelte Ausstellung (14. Oktober bis 7. Januar) zeigt über 150 malerische, grafische und plastische Werke aus fünf Jahrhunderten - in allen möglichen Stellungen darf die Göttin der Liebe deren Freud und Leid verkörpern, vor allem aber: symbolische Vorwände für üppig-sinnliche Aktmalerei liefern. Der koketten Kindfrau des alten Lucas Cranach ist noch eine moralische Inschrift über »vergängliche Wollust« beigegeben, Jacopo Tintoretto zeigt Venus wohlwollend als ertappte Ehebrecherin. Auch wenn die Schöne sich in idyllische Natur zurückzieht, liegt sie unverkennbar zur Schau - für Voyeure auf der Szene und allemal für den perspektivisch einbezogenen Bild-Betrachter.