LITERATUR Welt am Zaun
Mr. McCrindle hatte noch irgendetwas sagen wollen, als ihn die eiserne Drahtklemme seitlich am Kopf traf - so etwas wie »Nicht zu straff, Tam« vielleicht. Jetzt aber lehnt der Farmer an dem Spanndrahtzaun, den er bei dieser merkwürdigen schottischen Firma in Auftrag gegeben hatte. Überrascht wirkt er, seine Augen sind weit geöffnet. Doch die drei Zaunarbeiter, die da vor ihm stehen, sieht er nicht mehr. »Das wollte ich nicht«, beteuert Tam. »Was machen wir jetzt?«, fragt Richie. »Ich bin der Meinung, wir sollten ihn beerdigen«, sagt der Dritte im Bunde, und als (namenloser) Ich-Erzähler von Magnus Mills'' Roman »Die Herren der Zäune« fügt er hinzu: »Das war die erste wichtige Entscheidung, die ich als Vorarbeiter traf.« Mr. McCrindles Pech bleibt nicht das letzte Missgeschick des Trios.
Mit der Beiläufigkeit britischen Understatements beschreibt Mills, 46, die Welt der drei hilflosen Chaoten, die von Schottland nach England reisen und eigentlich nur ihren Job machen wollen. Als Behausung dient ihnen ein schrottreifer Wohnwagen, als Fluchtpunkt die nächste Absturzkneipe. Oder ein Nachtclub, in dem man schon mal einer Frau begegnet, die einem am Morgen danach - »Frühstück gab es auch nicht« - mitteilt: »Nur damit du''s weißt: Ich bin kein Zaunpfahl.«
Mills'' grandioses Debüt hat einiges Aufsehen erregt: »Busfahrer für den Bookerpreis nominiert«, staunte die englische Presse über den Newcomer, der seinen Roman während der Arbeitspausen verfasste. In den USA lobte der große Thomas Pynchon, der sich wohl seit Jahrzehnten nicht mehr über den Roman eines Kollegen geäußert hat, Mills'' »irrsinniges Wunder an Komik«. Tatsächlich nimmt dessen Groteske parabelhaft bedrohliche Züge an, als das Trio für die großmächtigen Gebrüder Hall, die selber über ein Zaunbau-Imperium verfügen, einen gewaltigen Elektrozaun errichten muss. Zudem besitzen die Auftraggeber eine gespenstische Wurstfabrik. Und aus welchem Grund auch immer: Irgendetwas wissen sie über Mr. McCrindle.
Magnus Mills: »Die Herren der Zäune«. Aus dem Englischen vonKatharina Böhmer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 216 Seiten;36 Mark.