So abgelegen und idyllisch möchte mancher wohnen, in einem Holzhaus am Waldrand, nahe dem Titisee. Bücher im Wohnzimmer, Bücher selbst im Hausflur, Gelehrten-Heimeligkeit pur. Doch seinem Gast schwärmt der Professor nichts vor.
»Die Leitungen sind das Problem«, sagt Günter Dux. »Ein Sägewerksbesitzer hat sich das Haus hier gebaut, in den dreißiger Jahren, als es noch kein Plastik gab.« Hinter der Vertäfelung lägen nackte Drähte, die könnten brüchig werden oder seien es schon. »Für eine Renovierung müßte man das Haus abreißen.«
An dem will der Professor aber nicht rütteln; er hat genug mit einem anderen Sanierungsfall zu tun, mit der Soziologie, seinem Fach. Wenn Dux, 60, loslegt, dann geht es immer ums ganz Große, um »Die Logik der Weltbilder« oder »Die Zeit in der Geschichte«. Und stets rät der Freiburger Forscher seinen Kollegen, von vorn anzufangen, buchstäblich bei Adam und Eva.
Er macht es ihnen sogar vor. Sein jüngstes Werk, demnächst im Buchhandel, soll die »historisch-genetische Theorie«, der sich Dux verschrieben hat, um ein neues Beispiel erweitern - diesmal ein besonders gewaltiges. Es soll erklären, was »Geschlecht und Gesellschaft« miteinander zu tun haben. Oder, laut Untertitel: »Warum wir lieben"*.
Muß man das denn erklären? »Natürlich nicht, wenn es dabei bloß um Sex ginge«, sagt der Gelehrte lächelnd. »Aber ich bin ja kein Biologe. Wenn ich von den Grundlagen des Geschlechterverhältnisses rede, meine ich zum Beispiel, daß Menschen fast ausnahmslos überall auf der Welt in Familien leben - Sex und Fortpflanzung wären auch ohne solche Bindungen denkbar.« Oder warum es eben kein purer Zufall sei, daß Liebesbriefe in allen Kulturen verblüffend ähnlich klingen.
Auf den ersten Blick scheint auch das kaum verwunderlich: So sind Menschinnen und Menschen nun mal. Aber _(* Günter Dux: »Geschlecht und ) _(Gesellschaft - Warum wir lieben. Die ) _(romantische Liebe nach dem Verlust der ) _(Welt«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am ) _(Main; 504 Seiten; 64 Mark. ) dem Wissenschaftler sind »anthropologische Konstanten«, die ein Phänomen einfach zum feststehenden Merkmal ernennen, nicht genug. Solchen Eigenschaften habe bereits sein Lehrer, der Soziologe und Philosoph Helmuth Plessner, nachgespürt. »Plessner zeigte, daß wir schon in der biologischen Organisation auf geistige Welten hin angelegt sind.« Dux hingegen interessiert sich für den nächsten Schritt: »Wie kommen kulturelle Welten, biologisch, kognitiv, moralisch, ästhetisch, überhaupt zustande?«
Eine merkwürdige Frage, auch innerhalb der Zunft. Kritiker haben Dux vorgeworfen, was er herausfinde, sei »tautologisch«, selbstverständlich und banal. Tatsächlich mag es für viele so klingen - weil Naturwissenschaftler den geistigen Bereich gern ausklammern, während Geisteswissenschaftler ihn gleich voraussetzen. Grenzgänger Dux hingegen möchte klären, wie ebendies »spezifisch Menschliche« sich entwickelt hat.
Was andere dazu sagen, findet der bedächtige Realist kaum hilfreich. »Nehmen Sie Niklas Luhmann. Für ihn ist Liebe ein Code innerhalb eines gesellschaftlichen Systems, und die Individuen hasten dann hinter diesem Code her. Von Subjekten, ihrer Entwicklung und ihren Bedürfnissen ist nicht die Rede.«
Dux zieht der Brillanz immer die Wahrheit vor, so hausbacken sie daherkommen mag. Etwa über den Ursprung der Liebe: Zuerst sei da jene Intimität zwischen Mutter und Kind, die in neuer Form wiederzugewinnen fast allen Menschen ein Bedürfnis bleibe. Eine Partnerbeziehung, Sex inbegriffen, biete dafür schlicht die »vorzügliche Chance«.
Genauso wichtig sei der gemeinsame Umgang. »Als Menschen bilden wir uns dauernd eigene Geisteswelten. Zugleich aber brauchen wir Bestätigung, daß wir uns in der realen Umwelt akzeptabel verhalten. Wortwechsel unter Fremden reichen da nicht. Nötig ist - beinahe die Quadratur des Kreises - Kommunikation über Individuelles.«
Und noch etwas schaffe nur die Liebe: »Körperlichkeit unterbringen«, das biologische System, das sonst nur für sich selber sorgte, für einen anderen dasein zu lassen. »Der Körper ist eigentlich akommunikativ«, sagt Dux etwas gestelzt. Erst Liebe bringe es fertig, daß er »in der Körperzone des anderen« gleichsam zum Sprechen komme.
Doch der Soziologe liefert kein statisches Bild. Er will eine Fortschrittslinie nachweisen, vom Triebleben der Jäger und Sammler bis zur romantischen Liebe, dem jüngsten Beziehungsmuster, und zum »offenen Subjekt« von heute. Eine »Entwicklungslogik« gar sieht er am Werk, die er »rekonstruieren« möchte.
Daß dabei nicht immer hehrer Tiefsinn herauskommt, ist ihm egal. »Von einem Freund bekomme ich manchmal zu hören: Also deine Diktion, die geht mir einfach auf den Geist.« Dem entgegnet er dann nur: »Es ist einfach so.« Und wenn ihm wieder mal einer vorhält, auch er könne doch nur Theoriekonstrukte liefern, dann zitiert er gern ein ethnologisches Fallbeispiel, etwa über das ruppige Sozialleben der Eskimos: »Leute, was ich sage, ist überprüfbar.«
Solange es um die Geschichte der Liebe, um gleichberechtigte Wesen und ihre Zuwendung geht, wird das kaum einen erbittern. Anders beim ersten Band seines Projekts, in dem der glücklich verheiratete Professor recht unsentimental die »Spur der Macht im Verhältnis der Geschlechter« untersucht hat.
Frauen, so die These, seien zwangsläufig ins Hintertreffen geraten - »nicht wegen der Versorgung oder wegen der Kinder, sondern weil ihnen Macht fehlte. Sie konnten sich gegenüber einem Mann rein physisch nicht verteidigen.« Männern also blieb fürderhin die Aufgabe vorbehalten, um Macht zu kämpfen. Verzweifelt schloß eine Rezensentin: »Als Frau möchte man sich am liebsten einen Strick nehmen.«
»Sie hat es einfach nicht ertragen, ihre eigene Geschichte nachlesen zu müssen. Das schrieb sie mir später auch«, erzählt Dux, der sich bestätigt fühlte.
»Daß es noch immer Ungleichheit gibt, ist in unserer Gesellschaft ein Atavismus«, sagt er. »Aber schon in den frühesten Gemeinschaften wurden Frauen in ihrer Entwicklung ganz klar behindert, wirklich systematisch.« Dieses geschichtliche »Verhängnis« wolle er nachzeichnen, damit es begriffen und überwunden werde. Denn »neue Mythen über Geschlechtscharaktere«, Eisenhans-Seminare oder Urmutter-Ideologien richteten gegen das schon vor der Kultur angelegte Übel gewiß nichts aus.
Bei allem Elan: Auch diese Studie betrachtet Dux zunächst als ein Beispiel, wie Kultur- und Naturgeschichte aneinandergekoppelt werden müßten, was alles erklärbar würde, wenn nur die Kollegen ihre Theoriedrähte zwischen beiden Reichen des Wissens neu und besser verlegten. »Wir müssen«, so lautet der Grundparagraph, den er seinen Studenten eintrichtert, »aus der Geschichte heraus vor die Geschichte zurückdenken, um die Bedingungen zu klären, unter denen es möglich war, in die Geschichte hineinzugehen - und dann dieser Geschichte so lange folgen, bis wir uns selbst einholen.«
Ein stolzes Programm, ein sehr deutsches auch. Dabei sammelt Dux die vielen Fakten gerade, um sich von der deutschen Denktradition abzugrenzen. Auf keinen Fall will er sich den Vorwurf einhandeln, er präsentiere Hegelsche Weltgeistlichkeit im neuen Aufguß.
Zweifel sind da durchaus möglich: Formulierungen wie »Es gibt diese Entwicklungslogik; man muß sie nur aufzudecken wissen« erinnern fatal an jene Geschichtsphilosophie, die im Lauf der Dinge die Entfaltung eines ursprünglichen Sinnes zu entdecken glaubte.
Aber Dux bleibt hart: Er sei Empiriker, wolle nur plausibel machen, was ohnehin zu ermitteln sei. Entsprechend wenig hält er vom Traumdeuter Sigmund Freud und dessen »Mythos« (Dux) vom Ödipuskomplex.
Weniger noch freilich beeindrucken ihn postmoderne Theoretiker, die Geschichte von vornherein für beliebig erklären und sich bei Sinnfragen auf einen gefälligen Pluralismus zurückziehen - »in Weltanschauungen vagabundieren«, wie Dux es nennt. »Die können nicht einmal mehr die Neuzeit von früheren Epochen unterscheiden.« Dabei laute die Frage doch stets: »Wie sind wir denn hier angekommen?«
Romantische Liebe ist in seiner Diagnose die fortgeschrittenste Variante im Umgang der Geschlechter - aber auch die am meisten gefährdete. »Sich von der Existenz des anderen überwältigen zu lassen«, wie er ihr Wesen definiert, das werde immer schwerer, so wenig die Bedürfnisse sich verändert hätten.
»Friedrich Schlegel konnte um 1800 noch von zwei Liebenden sagen: ,Sie waren einer dem anderen das Universum.'' Aber wenn keiner seinem Partner mehr eine Welt, seine Welt anzubieten hat, wie soll das dann noch gehen?« fragt Dux. »Früher bildete das Subjekt sich Lebensformen, Handlungszusammenhänge. Heute gehört keine der früheren festen Umwelten noch irgend jemandem. Die Identität wird fließend.«
Nach dem Sinn des Lebens zu fragen, das sei, wenn kein Absolutes diesen Sinn mehr garantiere, unsinnig. Beziehungen drohe deswegen ja noch nicht der Untergang. »Man kann sich nicht mehr über alles mögliche verständigen. Wenn aber beide das wissen, kann es gutgehen.« Und wenn nicht, wo soll dann der Halt in der Liebe herkommen?
»Ach wissen Sie«, meint der Soziologe, »das kann vieles sein. Gemeinsame Tätigkeit, Politik, Sektiererei.« Er blickt hinaus. »Ich wundere mich zum Beispiel manchmal, wenn ich Mann und Frau sehe, jung, die hier mit dem Fahrrad den Feldberg hinauf asten. Was muß dazu gehören, daß zwei so ein Hobby entwickeln«, sagt er nachdenklich. »Die verbringen doch die Hälfte ihrer Freizeit auf Rädern. Nähme man ihnen die, sie hätten vielleicht erhebliche Schwierigkeiten, ihr Sozialleben zu gestalten.« Y
* Günter Dux: »Geschlecht und Gesellschaft - Warum wir lieben. Dieromantische Liebe nach dem Verlust der Welt«. Suhrkamp Verlag,Frankfurt am Main; 504 Seiten; 64 Mark.