Wer verdient am Bauhaus? - DER SPIEGEL
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DESIGN Wer verdient am Bauhaus?

Ein bizarres Pokern um Rechte an Bauhaus-Produkten hat begonnen: Ein Dessauer Trio versucht, mit bislang unbekannten Dokumenten das berühmte Label für die Stadt zurückzugewinnen.
• aus DER SPIEGEL 8/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für das Bauhaus lassen sich die gegensätzlichsten Bezeichnungen finden: Hort der schönen Künste, aber auch Krawallbude. Das Bauhaus hat jede Menge exquisiter Dinge und Gedanken hervorgebracht, aber auch jede Menge Ärger. In den zwanziger und frühen dreißiger Jahren war es eine Design- und Kunstschule mit wechselndem Sitz: kurz Weimar, vor allem Dessau, ganz kurz Berlin. Sie hat die berühmtesten Namen hervorgebracht - Kandinsky, Klee, Feininger, Breuer, Gropius, Mies van der Rohe -, und ihr Ende ist mit den bittersten Umständen verbunden: Auf Druck der Nazis wurde das Bauhaus geschlossen, die meisten Lehrer gingen ins Exil.

Nach dieser ersten Ära brach die Zeit der Konfusion an: Die Dozenten, die mal dieses, mal jenes unter dem Bauhaus verstanden, trugen mal diese, mal jene Idee ins Ausland. In Deutschland blieb nicht viel: Im Osten (Dessau) gab es nach dem Krieg ein wenig beachtetes Nachfolge-Institut, im Westen (Berlin) wurde ein Bauhaus-Archiv gegründet. Verschiedene Firmen stellen Bauhaus-Produkte in Serie her, aber wer die Rechte an den Originalentwürfen besaß, das ist bis heute reichlich verworren.

Der Streit um diese Rechte wird aber in diesen Tagen so kontrovers geführt wie nie zuvor. Wem gehört was und warum: ein Rechtskrimi mit offenem Ende. Es geht um Geld, um Einfluss, letztlich darum, wer das Bauhaus in Zukunft repräsentieren, wer an den Bauhaus-Produkten verdienen darf.

Am Spiel sind beteiligt: Peter Hahn, seit 1984 Direktor des Bauhaus-Archivs in Berlin. Er gilt schon aus Gründen der Tradition und Anciennität als Mr. Bauhaus und hat einigen Einfluss. Die Bauhaus-Archiv GmbH vergibt das Warenzeichen »original bauhaus modell«.

Die neuen Mitspieler: drei Wessis im Osten, mit unterschiedlichen Interessen, aber gemeinsamem Ziel: das Bauhaus für die Stadt Dessau zurückzugewinnen.

Da ist Marion Diwo, Geschäftsführerin des Designzentrums Sachsen-Anhalt (Sitz Dessau). Sie ist eine forsche, pragmatische Rheinländerin, die die Herstellung von Designprodukten im ostdeutschen Bundesland wieder ankurbeln will und daher verkündet: »Design, Bauhaus und Dessau gehören einfach zusammen.«

Da ist Omar Akbar, der erst kürzlich berufene Direktor der Dessauer Bauhaus-Stiftung. Ihm gelang es, das zuvor verschlafene Institut wieder der öffentlichen Aufmerksamkeit zuzuführen. Er ist ein temperamentvoller Architekturphilosoph aus West-Berlin, der die Stiftung zum Forum internationaler Urbanistik-Diskussionen machen will.

Und da ist Holger Platz aus Ludwigshafen, inzwischen Bürgermeister und Rechtsdezernent der Stadt Dessau - ein spitzfindiger Jurist, der das Image der Stadt schärfen will und dafür gern und beherzt darauf verweist, dass die Blütezeit des Bauhauses nun mal mit Dessau und nur mit Dessau verbunden sei.

Diwo, Akbar und Platz haben sich verbündet. Vor kurzem ließen sie die Marke »bauhausdessau« schützen, sie haben Ehrgeiziges vor: Sie wollen sachsen-anhaltinische Designfirmen beauftragen, unter dem Namen »bauhausdessau-edition« neue Produkte »im Geiste des Bauhauses« (Diwo) zu entwickeln.

Zugleich sollen Wissenschaftler in die Archive steigen und nach Entwürfen der Bauhaus-Gründergeneration suchen, um diese unter dem neuen Markennamen »bauhausdessau« zu vertreiben. Ein erstes Möbel trägt bereits dieses Label: ein von Marcel Breuer 1926 entworfener Hocker.

Bei den Recherchen wollen die Dessauer 135 bisher unbekannte Entwürfe »für Prototypen wie Möbel oder Lampen« (Diwo) gefunden haben. Diese Zahl versetzt nicht nur die gesamte Designbranche in Aufregung, aufgestört ist vor allem Peter Hahn vom Berliner Bauhaus-Archiv.

Er protestiert - auch weil er das Warenzeichen seines Archivs gefährdet sieht - gegen die Dessauer Pläne. Hahn beargwöhnt sowohl die historischen Forschungen als auch die Idee einer völlig neuen Bauhaus-Produktlinie. Seine Argumentation: Er kenne die Archivbestände zum Bauhaus beinahe in- und auswendig: »Sensationelle Neuentdeckungen sind nicht zu erwarten.«

Und außerdem: Eine völlig neue Produktlinie mit dem Label »Bauhaus« zu vermarkten sei das Allerletzte. »Dies beschwört eine bedenkliche Verwechslungsgefahr mit historisch verbürgtem Bauhaus-Design herauf, der unbedingt begegnet werden muss: Plagiate und Fälschungen gibt es auf diesem Gebiet bereits heute mehr als genug. Der kulturelle Welterfolg des Bauhauses hat offenkundig kommerzielle Trittbrettfahrer in Hülle und Fülle gezeitigt.«

Trittbrettfahrer? Auf dieses öffentlich geäußerte Wort reagieren nun die Dessauer säuerlich. Denn gerade was den Ursprung des Bauhauses und damit die Rechte an historischen Entwürfen betrifft, fühlen sie sich ganz und gar auf der sicheren Seite. Zwar geben sie zu, dass ihre kühn als sensationell herausposaunten Archivfunde noch nicht hinreichend ausgewertet sind - aber Trittbrettfahrer, darauf besteht vor allem Marion Diwo, seien, wenn überhaupt, alle anderen.

Denn: Die Gründerväter des Bauhauses, so trumpft sie auf, seien während ihrer Dessauer Schaffenszeit Angestellte der Stadt gewesen, das Bauhaus war eine städtische Anstalt. Gut möglich, so Diwo, dass somit die Verwertungsrechte für historische Produkte nach wie vor bei der Stadt Dessau liegen.

Ein anderes historisches Faktum stört die Argumentation allerdings: 1932 haben die Dessauer die Bauhaus-Lehrer verjagt. Damals sind mit den einzelnen Professoren Auflösungsverträge vereinbart worden. Was dabei mit den Verwertungsrechten für die in den Jahren zuvor entstandenen Objekte geschah, weiß niemand so recht.

Und auch der Joker, mit dem das Dessauer Trio in den vergangenen Tagen an die Presse ging, hilft da wenig: Eine Dokumentenserie sei aufgetaucht, so hatte Marion Diwo verkündet, und diese Serie, von der selbst Fachleute bislang nichts gewusst hätten, belege Großartiges: 1932 habe die Stadt Dessau alle Rechte an den letzten Bauhausdirektor Ludwig Mies van der Rohe abgetreten. 1934 aber habe Mies van der Rohe

besagte Rechte wieder an die Stadt zurückgegeben.

»Eine Sensation«, jubelt Diwo. Und tatsächlich verblüfft diese Nachricht selbst den Berliner Kontrahenten Peter Hahn.

Doch diese geheimnisvollen Verträge belegen nicht viel. Der SPIEGEL konnte vergangene Woche die Aktenvorgänge einsehen - und sie taugen allenfalls dazu, das Ausmaß der Zerrüttung zwischen Bauhaus-Direktor und der Stadt Dessau zu belegen.

Im ersten Dokument von 1932 überträgt die Stadt tatsächlich Rechte an Mies van der Rohe, aparterweise handelt es sich dabei aber nur um die Rechte für Patent- und Gebrauchsmuster. Und hier liegt der Haken: Diese Rechte verfallen nach einigen Jahren und betreffen nur technische Neuerungen. Schöpfungen von Bauhaus-Meistern fallen somit gar nicht unters Patent- und Gebrauchsmusterrecht, denn sie sind eher als Kunstgegenstände zu bewerten, sind also allein vom Urheberrecht tangiert.

Das Anschluss-Dokument von 1934, auf das die Dessauer heute so stolz sind, erweist sich als ebenso schwach. Mies van der Rohes Anwalt gibt wieder nur die Patent- und Gebrauchsmusterrechte zurück, wieder ist von Urheber- und Verwertungsrechten keine Rede.

Zudem: Aus dem Schreiben geht eindeutig hervor, dass ein schlimmer Streit zwischen Mies van der Rohe und Vertretern der Stadt Dessau vorangegangen sein muss.

In deutlich enerviertem Ton schreibt der Anwalt des Architekten, sein Mandant hoffe, dass endlich die Akten geschlossen werden könnten. Er erwarte, dass in »Zukunft auch jede persönliche Verunglimpfung des Professor Ludwig Mies van der Rohe unterbleibt«. Der Magistrat der Stadt möge es unterlassen, Mies weiterhin »als Kulturbolschewisten« zu bezichtigen.

Die letzten Worte vor der Unterschrift belegen, in welchem Klima diese Vereinbarungen entstanden sind: »Heil Hitler« prangt da deutlich abgesetzt.

All die Hin- und Rückübertragungen stehen - das verdeutlicht vor allem der Vorwurf des Kulturbolschewismus - in unheilvoller Verbindung zum Nazi-Terror. Das macht zumindest das Dokument aus dem Jahr 1934 zwar nicht unbedingt juristisch, aber doch moralisch angreifbar.

Fazit: Die Dokumente sind in einer Unzeit entstanden und berühren überdies gar nicht den entscheidenden Punkt des Urheber- und Verwertungsrechts.

Sollten sich also die aktuellen Dessauer Archiv-Funde mit historischen Entwürfen für Lampen, Stühle und allerlei andere Möbel als brauchbar erweisen, muss - so lästig es auch ist - in jedem Einzelfall geprüft werden, wo die Rechte dafür liegen.

Für einzelne Produkte aus der Schaffenszeit von 1926 bis 1932 mögen die Chancen für die Dessauer gar nicht so schlecht liegen: Dass die Bauhaus-Lehrkräfte zu der Zeit Angestellte der Stadt waren, ist eine Tatsache, an der erst mal nicht zu rütteln ist.

Die andere Idee des Trios, völlig neue Produkte im Geiste des Bauhauses entwerfen zu lassen, wirft noch grundsätzlichere Fragen auf: Soll das Bauhaus - wie es Peter Hahn will - besser im Museum bleiben, auf die Zeit beschränkt, in der die alten Heroen wirkten? Oder soll es leben und weiterentwickelt werden - mit allen Risiken des Missbrauchs?

»Es soll leben und überhaupt: Schon die letzten Wochen zeigen doch, wie vital es ist«, verkündet Omar Akbar.

Und da hat der Mann wohl Recht. SUSANNE BEYER

* Oben: in Dessau, um 1931; unten: Wagenfeld/ Jucker-Lampe(Entwurf 1923/24), Breuer-Hocker (Entwurf 1926).

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