WEST-ÖSTLICHER BILDERSTREIT - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 105 / 133

Belletristik: Die SPIEGEL-Redaktion empfiehlt Romane und Erzählungen aus der Herbstproduktion: verzwickte Familiendramen, melancholische Verlustbilanzen und Beschwörungen historischer Kriminalfälle - Unterhaltsames, Spannendes und Anspruchsvolles für die Zeit nach dem Messetrubel. WEST-ÖSTLICHER BILDERSTREIT

Der Türke Orhan Pamuk schildert einen blutigen historischen Glaubenskonflikt.
• aus DER SPIEGEL 41/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Orhan Pamuk lebt in Istanbul, an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident. Der große türkische Gegenwartsautor verachtet die Spaltung in Ost und West, Tradition und Moderne. Ebendeshalb kombiniert Pamuk, 49, in seinen hoch gelobten Werken beide Welten so kunstvoll. Sein sechster Roman »Rot ist mein Name« erzählt die Geschichte eines Bilderstreits. Auf dem Grund eines Brunnens liegt ein Toter. Seine Knochen gebrochen, sein Schädel zerquetscht, sein Leib Verwesung ausdünstend. Er schreit nach Rache: »Hinter meinem Tod steht eine widerwärtige Verschwörung gegen unseren Glauben, unsere Tradition und unsere Art, die Welt zu sehen.«

Es ist das Jahr 1591, die Künstler der Istanbuler Buchmalerschule sollen ein kostbares Buch verzieren - als Geschenk für den Dogen von Venedig und Demonstration islamischer Herrschaft. Doch Gerüchte machen die Runde. Der Meistermaler und seine Schüler seien verzaubert von der abendländischen Malweise, die Allah spotte: Sie kennt die Perspektive, das menschliche Porträt und die Signatur. Für seinen Verstoß gegen das Bilderverbot muss der Meister sterben. Binnen neun Tagen, nachdem 21 Erzähler zu Wort gekommen sind, unter ihnen der Mörder, zwei Liebende und die gemalten Dinge, wird Kara, des Meisters Ziehsohn, dessen Mörder erkennen: damit er glücklich sein kann mit Seküre, der schönen Tochter des Meisters. Die Farbe Rot hat auch eine Stimme - sie gibt dem betörenden Roman-Puzzle den Namen. Denn wahr ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Rot ist die Farbe des Blutes. FIONA EHLERS

Zur Ausgabe
Artikel 105 / 133

Mehr lesen über