Wie ein VW - DER SPIEGEL
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LITERATUR / GRASS-ECHO Wie ein VW

• aus DER SPIEGEL 19/1970
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Der Export-Erfolg der zeitgenössischen deutschen Literatur -- er kam erst nach dem Wirtschafts- und dem Fräuleinwunder -- ist zweigeteilt: Der Osten, vor allem die Sowjet-Union, schätzt Heinrich Böll über alles; im Westen, in diesen Tagen vor allem in den USA, gilt Günter Graß als Größter.

»Mit 42«, so schrieb jetzt »Time«, »sieht Graß wohl nicht so aus wie der größte lebende Romancier der Welt oder Deutschlands, aber er mag beides durchaus sein.«

Das US-Nachrichten-Magazin hat dem deutschen Schriftsteller eine Titelgeschichte gewidmet -- die erste für einen Autor der deutschen Nachkriegsliteratur. Anlaß ist das Erscheinen der amerikanischen Übersetzung von »Örtlich betäubt« -- dem 1969 in Deutschland publizierten dritten Graß-Roman, der dem Verfasser in Deutschland zum erstenmal überwiegend negative Kritiken eingetragen hat und der auch schon vor Ablauf eines Jahres von der Bestsellerliste wieder abgestiegen ist.

In Amerika wurde »Örtlich betäubt« dagegen vorwiegend positiv, zum Teil enthusiastisch besprochen. Der Kritiker Maxwell Geismar nannte aus diesem Anlaß Deutschlands Nachkriegsautoren (er nannte auch Jakov Lind, dessen jüngstes Buch nicht in Deutschland, sondern in den USA erschienen ist) die »beste Einzelgruppe zeitgenössischer Schriftsteller": wegen ihrer »enormen Vielfalt formaler Möglichkeiten« und wegen ihres »nachdrücklichen moralischen Engagements« Die »New York Times Book Review« fand, »Örtlich betäubt« sei so »ökonomisch und effektvoll proportioniert wie ein Volkswagen«.

Weniger freundlich urteilte ein amerikanischer Graß-Kollege. Im »New Yorker« bemängelte John Updike ("Ehepaare"), die Prosa des deutschen Autors sei »schwerfällig, klotzig, sperrig«; Graß verwende zuviel Worte auf die Beschreibung von Details, und sein »Szenen-Hin-und-Her« wirke schließlich »ermüdend und irritierend«; verglichen mit »Meistern des europäischen Humanismus wie Proust und Thomas Mann« sei Graß »schwer lesbar«.

Der amerikanische Erfolg von »Örtlich betäubt« liegt wesentlich wohl auch im politischen Thema des Romans begründet: in dem, was Updike einen »gut durchdachten, wenn auch abgehackt vorgetragenen Dialog über den Generationenkonflikt« nennt.

Und das mag schließlich auch noch anderswo ankommen: Die »New York Times« jedenfalls hat schon den Tag ins Auge gefaßt, »wenn man endlich Günter Graß seinen Nobelpreis verleiht«.

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