Wie oder Was - DER SPIEGEL
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PFLEGHAR Wie oder Was

• aus DER SPIEGEL 24/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lieben Sie Show?« fragte Fernsehregisseur Michael Pfleghar an vier Abenden des vergangenen Winters das bundesdeutsche Fernsehvolk. Die Antwort war vernichtend für die aufwendige Unterhaltungssendung: Der Publikumstest ergab die Note »Null«.

Der 30 Jahre alte »Starregisseur des deutschen Fernsehens auf sämtlichen

Unterhaltungskanälen« ("Film-Echo") hat aus dieser Abfuhr Lehren gezogen: In seiner neuen Sendung »Die kleinste Show der Welt«, die er jetzt fertiggestellt hat und die im September im Ersten Programm ausgestrahlt werden soll, vermied er, was ihm letzthin zum Vorwurf gemacht wurde: Pfleghar verzichtete auf optische Tricks und ein Übermaß von Überraschungseffekten.

Er bediente sich zudem einer Methode, die amerikanische Musical-Produzenten seit langem anwenden: Er testete die Show auf einer Bühne, änderte sie nach den Reaktionen des Publikums und zeichnete sie erst dann für das Fernsehen auf.

»Die ganze Unterhaltung ist ein bißchen totgelaufen bei uns«, begründete Pfleghar seine Neuerungen. »Was soll man jetzt machen? Noch so 'ne Schau und noch so 'ne Schau? Das ist doch der alte Trott ... Wenn die Sache 'n Sinn haben soll, muß was Neues her ...«

»Was Neues« hatte dem ehemaligen Chef-Cutter des Süddeutschen Fernsehens in Stuttgart schon immer vorgeschwebt.

»Sie müßten selbst mal was Musikalisches machen«, ermunterte 1956 der damalige Stuttgarter Fernsehdirektor Dr. Helmut Jedele seinen Chef-Cutter, und Pfleghar fabrizierte im Alter von 23 Jahren das TV-Musical »Der Schallplattendieb«. Das matte Sujet suchte er durch originelle Kamera-Einstellungen zu beleben.

Schnell festigte er seinen Ruf als gewandter Fernsehunterhalter. Er tat sich als Regisseur von Hazy-Osterwald- und Caterina-Valente-Abenden hervor und produzierte die Sendungen »In 80 Takten um die Welt«, »Die alte Welle«, »Das verflixte erste Mal«.

Mit der Unterhaltungssendung »Zu jung, um blond zu sein« fand er erstmals internationale Beachtung. Die geschickt arrangierte Schlager-Folge errang auf dem Fernseh-Festival zu Montreux die »Bronzene Rose« - den Dritten Preis - und wurde in mehrere Länder verkauft.

Die Meinung der Fernsehverbraucher war freilich weniger einhellig: Während die einen - wie die Kritiker - Pfleghars Bildwitz lobten, fühlten sich andere durch die Anhäufung von Effekten überfordert.

Über die nächsten Pfleghar-Sendungen waren die Meinungen weniger geteilt: »Lieben Sie Show?« fiel fast überall durch.

Der junge Regie-Star hatte ein Spiel mit der Aufnahmetechnik betrieben, das Zuschauer wie Kritiker verstörte. Er häufte Schnitte und Blenden, Tricks und Montagen. Er ließ Motorroller durchs Wasser und ein Boot auf der Landstraße fahren. »Geld für Mätzchen«, schimpfte die Hamburger Film- und Fernsehkorrespondenz »Filmpress«.

1,5 Millionen Mark hatte Pfleghar für die vierteilige Sendung ausgegeben und - laut »Bild am Sonntag« - wirklich fast alles, was in Europa Rang und Namen hat« eingekauft: Unter der Prominenz waren Sacha Distel, Vico Torriani, Hazy Osterwald, Heidi Brühl, Juliette Greco, die Kessler-Zwillinge und Pfleghars Ehefrau Bibi Johns.

Diesmal fiel beim Fernseh-Festival in Montreux keine einzige Stimme auf Pfleghars ambitiöse Sendung. »Wer besitzt den Mut zu solchen Entschlüssen die der Fernsehteilnehmer als Schlag ins Gesicht empfinden muß«, bekeifte »Hör zu« den Beschluß der Rundfunkanstalten, »Lieben Sie Show?« nach Montreux zu entsenden.

Die »Goldene Rose von Montreux« wurde ausgerechnet einer Show zugesprochen, die mit keinerlei Finessen der TV-Technik ausgestattet, sondern als Bühnen-Show aus der New Yorker Carnegie Hall live gesendet worden war. Und Pfleghar gewann die Erkenntnis: »Nicht das Wie, sondern das Was macht es wohl ...«

Der Regisseur schwor den Tricks ab, doch er hatte noch mehr erkannt: Den Stars fehlte die Show-Erfahrung.

»Selbst die Routiniers sind ja Anfänger auf ihrem Gebiet«, erläuterte er, »sie haben keine Ahnung von der Show, sie trällern zwei, drei Lieder 'runter im Schallplattenstudio - und wenn sie vor die Kamera kommen, wissen sie nicht, wie sie auf und ab gehen sollen, was es ausmacht, 'ne Hand zu heben. Woher sollen sie's wissen?«

Ursache des Mangels: »Hier in Deutschland fehlt das Gewächshaus.« In Skandinavien etwa gebe es die Sommerbühnen, in England die Music-Hall, in Frankreich und den USA die Bühnen -Show. Pfleghar: »Aber in Deutschland

- in der Unterhaltung - gibt es keinen,

der Abend für Abend auf der Bühne steht ...«

So verfiel der Regisseur auf die Idee, eine TV-Show zunächst auf der Bühne zu inszenieren und entsprechend den Reaktionen des Publikums umzuarbeiten.

»Die kleinste Show der Welt« führte er den Angestellten einer Versicherungsgesellschaft vor, die zum Betriebsausflug in Baden-Baden weilten. Er registrierte Beifall und Schweigen - und baute innerhalb 36 Stunden um.

Pfleghar stellte Musiknummern, die sich als zugkräftiger erwiesen, als er angenommen hatte, aus der Mitte an den Anfang. Er ließ Dialog-Pointen weg, die er komisch gefunden, jedoch keiner seiner Testzuschauer belacht hatte.

Dem Urteil der Versicherungsangestellten fielen auch pantomimische Ballettszenen zum Opfer, die nicht die gewünschte Heiterkeit ausgelöst hatten, und eine debütierende Französin aus einem Twistkeller, der es an Beifall gemangelt hatte.

Insgesamt strich der Regisseur zehn Minuten aus der 95-Minuten-Show, bevor er sie fürs Fernsehen aufzeichnete. Er hofft, durch dieses Verfahren jetzt und künftig Pannen wie »Lieben Sie Show?« vermeiden zu können.

»Schließlich fangen auch die Amerikaner mit ihren großen Musicals so in der Provinz an, bevor sie an den Broadway gehen«, begründete er. »Wenn wir das weiter verfolgen, könnten höchstens zehn mal tausend Zuschauer gelegentlich enttäuscht sein - aber zehn Millionen Zuschauer werden schließlich zufrieden sein.«

Pfleghar räumt ein, daß seine neue Unterhaltungssendung »natürlich keine richtige TV-Show, sondern immer die Übertragung einer Bühnen-Show« sein werde. Aber: »In dieser Sendung wird eben nicht das Wie, sondern das Was entscheidend sein - ein paar optische Gags sind der erstklassigen Darbietung geopfert.« Die Kosten seiner »kleinsten Show« schätzt Pfleghar auf etwa 250 000 Mark.

Daß freilich wiederum die Routiniers vorherrschen, die Kessler-Zwillinge und das Osterwald-Sextett, erscheint dem Regisseur unumgänglich.

»Die jungen Burschen und die jungen Mädchen müßten in zehn, zwölf Tagen auf der Bühne erprobt werden«, erklärte er, »aber so eine Show muß ich leider in einer Woche 'runterhauen ... Und so bin ich notgedrungen auf die alten Kräfte angewiesen.«

Nur eine vom Deutschen Fernsehen noch nicht erprobte Kraft hat Pfleghar angeheuert: Frank Sinatras Ex-Braut Juliet Prowse.

TV-Regisseur Pfleghar, Ehefrou Bibi Johns

* Probe in der Provinz

Pfleghar-Stars Alice Kessler, Ellen Kessler*: Keine Ahnung von der Show?

* In »Zu jung, um blond zu sein«.

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