ROCKMUSIK Wie Weihnachten
In London hatten sittenstrenge Stadträte im letzten August moralische Bedenken, die Amerikanerin Wendy O. Williams auf offener Rockbühne ihre blanken Brüste zeigen zu lassen. Ein gütiges Geschick, das Verbot »aus Sicherheitsgründen«, hatte Londons Rockfans vor der trüben Show der New Yorker »Plasmatics« bewahrt.
Als »weltweit skandalträchtig« taxiert die Plattenfirma »Teldec« in der Werbung den Kurswert des »Schock'n'-Rock-Quintetts«, das in der letzten Woche, in Hamburg und Berlin, zum erstenmal das deutsche Publikum anmachen wollte.
»Silikonverdächtige straffe Brüste« ("Plasmatics«-Werbetext) sind das Pfund, mit dem die Plattenverkäufer wuchern möchten. Sie gehören zum »Porno-Girl« Wendy, 28, einer früheren Sex-Showspielerin vom New Yorker Times Square. Als offenherzige Sängerin steht das »Gruppen-Organ« einer Rockband vor, die nach dem »Chaos-Konzept« operiert: Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Fernseher und Autos werden demoliert, und dazu kracht höllisch laute und rasend schnelle Rockmusik im Pogo-Stil der frühen Punk-Jahre aus den Lautsprechern.
Die Strip- und Krachtruppe ist eine Erfindung Rod Swensons, eines Porno-Fürsten mit Expansionsdrang von Manhattans 42. Straße. Die üppige Wendy, erfahren in den darstellenden Künsten, hatte er als Front-Frau aus dem Personal seiner Sex-Shows rekrutiert.
Unternehmer Swenson versucht nun, die Radau-Kapelle mit der Topless-Sängerin und ein paar abgegriffenen visuellen Effekten ins Geschäft zu bringen, sozusagen als Punk-Ausgabe der Pink Floyd. »Wir arbeiten noch in kleinerem Maßstab, wir haben noch nicht so viel Geld wie die«, sagt Wendy, die schon miesere Jobs hinter sich hat.
»Wir möchten die lauteste Band der Welt sein«, wünscht sich Wendy, und das ist eines der wenigen Gruppen-Ziele, das die »Plasmatics« locker geschafft haben. Und das ist auch beinahe alles, was ihre Show bemerkenswert macht.
Ein weißer Gitarrist steckt in einem schwarzen Frack, ein schwarzer Bassist in einem weißen, und der hat eine blondgefärbte Irokesen-Bürste auf der Glatze. Der Lead-Gitarrist, ein spillriger Riese, tänzelt mit Nilpferd-Grazie im überkurzen Zofenkleidchen herum. Spielen kann er aber gar nicht gut.
Bevor die Sängerin barbusig auf die Bühne hastet und den Songs mit »One -- two -- want -- to -- fuck -- you« das Affentempo vorzählt, läuft erst einmal ein Werbefilm, zur Einstimmung ins Produkt.
Da schweben die »Plasmatics«, wie einst die Beatles ins New Yorker Shea-Stadion, mit dem Hubschrauber auf den Rock-Kampflatz am Hudson River. Dem Ton ist hysterisches Fangekreische beigemischt. Im Finale des Commercials besteigt die Sängerin einen weißen Luxusschlitten, fährt an und läßt sich herausfallen, bevor der Wagen ins Bühnenequipment knallt und es in die Flammen einer Dynamitexplosion reißt.
Bei ihrem neuen Versuch, den europäischen Marktplatz unter die Füße zu bekommen, jagen die »Plasmatics« keine Autos in die Luft, nur zwei Lautsprecherboxen müssen dran glauben.
Und wenn Wendy mit dem Vorschlaghammer einen Fernseher zerpulvert, wobei Wäscheklammern an den Brüsten wie Propeller kreisen, überbaut sie diese konsumkritische Aktion so: »Wir benutzen die Konsumgüter unserer Zeit. Leblose Gegenstände sind zu Göttern geworden.«
In der nächsten Abteilung demonstriert sie, wie sich aus einer Gitarre mit der Motorsäge zwei Teile machen lassen. »Das ist ein Ritual. Andere Leute stellen Kerzen auf, wir zersägen Gitarren. Das ist für uns wie Weihnachten.«
Die Go-go-Frau hat reichlich Spaß auf der Bühne, was nicht nur daran liegen mag, daß sie sich hin und wieder mit den flinken Händen im Schritt zu schaffen macht. Die Arbeit in einer Rockband ist ihr von Hause aus lieber, »als barfuß und schwanger in der Küche zu stehen«.
Wenn jemand an der künstlerischen Redlichkeit ihrer Kleinkunststücke zweifelt, beruft sich Wendy auf zwei große Kollegen, die auf dem Friedhof liegen. Jimi Hendrix, der manchmal auf der Bühne seine Gitarre angesteckt, und Jim Morrison von den »Doors«, der im Eifer mal das Glied beim Auftritt vorgezeigt hatte, »waren meine Idole«.
Ein Punk zum anderen nach dem deutschen »Plasmatics«-Debüt in Hamburg: »Das mit dem Fernseher war geil. Die Musik war tierisch Scheiße.« S.229
Fand er sie gut oder schlecht? Die Frage mag das deutsche Fernsehpublikum erregen, wenn die »Plasmatics« am 19. März in der Bremer Disco-Peepshow »Musikladen« auftreten. Bei dieser Gelegenheit wird dann auch ein Auto im Studio explodieren.