HOROWITZ Wieder da
Ist das hier Beatle-Zeug?« fragte ein
junger Mann vor New Yorks ehrwürdigem Konzerthaus, der Carnegie Hall, als er die 150Oköpfige Menschenschlange sah, die zur Kasse kroch. Freundlich belehrte ihn ein Polizist, es sei »Horowitz-Zeug«.
Nach einer zwölf Jahre langen Konzert-Pause hatte sich Amerikas Wunderpianist Vladimir Horowitz, 60 - ein Russe aus Kiew, der seit 1933 mit Arturo Toscaninis Tochter Wanda verheiratet ist -, zum Comeback entschlossen. »Eine Legende würde wieder lebendig«, kommentierte die »New York Herald Tribune«.
Geduldig warteten Musiker und Platten-Fans, Studenten und Prominente - so der Dirigentensohn und Horowitz -Schwager Walter Toscanini - fast 24 Stunden lang, in Nacht und Regen auf 2000 Vorverkaufs-Karten (von drei bis 12,50 Dollar), die dann innerhalb von zwei Stunden vergriffen waren. Zweimal ließ Wanda Horowitz Kaffee ausschenken - die wartende Pianisten-Gemeinde dankte ihr in einem Telegramm.
Am Sonntag, dem 9. Mai, gegen 15.45 Uhr New Yorker Zeit, erschien vor überfülltem Auditorium (2760 Sitzplätze, 100 Stehplätze) und zahlreich versammelter Prominenz - darunter die Dirigenten Leopold Stokowski und Leonard Bernstein, der Pianist Van Cliburn, Metropolitan-Operndirektor Rudolf Bing, Ballett-Tatar Rudolf Nurejew und Partnerin Margot Fonteyn - die noch immer vertraute, schmalgliedrige Gestalt des slawischen Tastenvirtuosen mit dem Gesicht eines träumenden Asketen. Zwei Stunden, angefüllt mit Werken von Bach-Busoni, Schumann, Chopin und Skrjabin, genügten, und abermals war Horowitz zum frenetisch gefeierten Idol der Klavierkunst erhoben.
Die New Yorker Kritiker, eine gefürchtete und selten einmütige Kaste, lobten einhellig.
Musik-Papst Harold C. Schonberg, Chefkritiker der »New York Times«, erinnerte sich: »Es war wie in alten Zeiten. Die Zuhörer lauschten, als seien sie hypnotisiert.« Die »New York Herald Tribune« begeisterte sich: »Zweifellos nahm er nach wenigen Sekunden wieder seinen Platz unter den größten Musikern aller Zeiten ein.« Und die »Daily News« schrieb: »Entscheidend war, daß ein Genius uns alle versklavte.« .
Der scheue, schlanke Mann indes, dem die Kritiker-Ekstase galt und der sich vor seinem jubilierenden Publikum ("New York World-Telegram and Sun": »Die größte Ovation der Gegenwart In der Carnegie Hall") immer wieder mit der für ihn typischen Geste (hilfloses Händeheben und Achselzucken) verbeugte und vier Zugaben spielte, war sich vor dem Konzert seiner Sache nicht so sicher gewesen.
»Im Konzert ist es mir gleich, ob ich fünf falsche Töne spiele«, sagte der einstige Perfektions-Fanatiker. »Was kümmern sich die Menschen darum? Das geht vorbei. Sie wollen die Musik. Irren ist menschlich. Falsche Töne sind menschlich. Warum muß denn alles vollkommen sein. Während der ersten paar Takte werde ich nervös sein. Dann, so hoffe ich, werde ich ganz in die Musik hineinkommen ... Die Leute wissen immer Bescheid, ob es nun drei oder 3000 sind. Ich weiß nicht, warum, aber es ist so.«
Überzeugt von den kritischen Fähigkeiten seines-Publikums, war Horowitz 1953, auf dem Höhepunkt einer steilen Karriere, vom Konzertpodium abgetreten. Er fürchtete die Routine, die Reisen, den eigenen Weltruhm, und er befürchtete, daß dieser Ruhm nicht dauern würde.
Seit seinem Debüt in New Yorks Carnegie Hall vor 26 Jahren hatten die Kritiker - wie jetzt wieder Schonberg - seine »Klangfülle« gerühmt, »die in der Geschichte des Klavierspiels unvergleichlich ist«. Sie hatten seinen Anschlag bewundert, der alle Stimmen präzis hörbar machte. Sie hatten an seinem Spiel schlechthin alles gelobt, sogar die Horowitz-Bearbeitung des Sousa -Marsches »The Stars and Stripes Forever«, die er oft als Zugabe aus dem Klavier gedonnert hatte.
Trotz der weltweiten Anerkennung schränkte Horowitz seine Konzerttätigkeit immer mehr ein. Er gab im Winter 1924/25 in Rußland ein letztes Konzert, 1926 spielte er zum letztenmal in Deutschland. Nach Abschiedsabenden in Paris und London ging er nach New York. Die Bekanntschaft mit dem Dirigenten Arturo Toscanini (1867 bis 1957), einem Künstler von gleicher Unerbittlichkeit, und die Ehe mit dessen Tochter Wanda veranlaßten ihn, in Amerika zu bleiben.
Mit seinem Schwiegervater nahm Horowitz 1941 eine der berühmtesten Platten auf, das Klavierkonzert b-Moll von Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840
bis 1893), das beim deutschen Plattenhandel ebensowenig zu haben ist wie das zweite Brahms-Konzert mit Dirigent Toscanini.
Andere Aufnahmen* zeigen Horowitz unübertrefflich, wo es um schiere Brillanz (Czerny, Moszkowsky, Saint-Saens' Liszt), um dramatische Konflikte (Chopin-Scherzi), um melancholische Besessenheit (Skrjabin) geht. Kleinere Stücke (Schumann, Chopin-Nocturnes) verlieren sich in nervös-gespannter Unruhe: Der Pianist spielte gehemmt, er litt unter der eigenen Supertechnik. Eben das schien der Grund für den Rückzug aus dem Konzertsaal, den Horowitz sich vor zwölf Jahren selbst auferlegte.
Bei seinem zweiten Debüt in der Carnegie Hall attestierte ihm die Kritik »eine neue Reife«, ein Spiel, das »emotional ausgeglichener, mehr aus einem Guß, weniger gejagt und nervös« war. Sie fand am bemerkenswertesten, daß Horowitz nunmehr bewies, wie subtil er »einen einfachen lyrischen Gedanken zu gestalten wußte«.
Entspannt und mit sich selbst im reinen war Horowitz während des Konzerts, aber auch schon vorher: »Mitten in der Weltkrise«, gluckste er, »bin ich wieder da.«
Pianist Horowitz, Ehefrau
In der Weltkrise neue Reife