Frauen Wieder daheim
Gayle Sand erwischte es im Fitneß-Klub. Die Kalifornierin mit Diana-Ross-Frisur preßte ihren Rücken gerade aufs Parkett und stieß die Beine in die Luft, als sie ein hitziger Schweißausbruch überkam. Erst schrieb sie die Wallung der erotischen Ausstrahlung ihres Lehrers zu, dann dämmerte es ihr: Das Klimakterium kündigte sich an, jahrelanges Leiden folgte.
Maggie Thatcher, 67, dagegen brachte die Wechseljahre, so wissen es ihre Biographen, binnen eines Monats, im Februar 1972, hinter sich. Und Germaine Greer, 54, die graue Eminenz des englischen Feminismus, ging die Sache mental an: Sie ließ sich von der Midlife-crisis zu einer mehrjährigen Forschungsarbeit über die Menopause hinreißen.
Im vergangenen Jahr zählten die Ergebnisse, die Greer zu einem grimmigen Opus verdichtet hat, und eine Studie der Journalistin und Gorbatschow-Biographin Gail Sheehy, 55, in den USA zu den meist beachteten Sachbüchern*. Mit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe von Sheehys Ratgeber liefert die Menopause jetzt auch in Deutschland Diskussionsstoff.
Alice Schwarzers Emma - die Herausgeberin wurde kürzlich 50 Jahre alt - will die Wechseljahre nicht länger »stiefmütterlich« behandeln, Springers Bild der Frau ist schon da: »Wechseljahre - Was wirklich passiert«.
In diesem Juni plant die »Menopausengesellschaft deutschsprachiger Länder«, ein Zusammenschluß von Medizinern, auf Rügen ein Symposium, und mindestens sechs Verlage suchen in diesem Frühjahr Titel wie »Älter werden wir später« oder »Wechseljahre - Der andere Weg« an die Frau zu bringen.
Sheehys Menopausen-Schmöker hält sich seit 36 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Ihm wird nachgesagt, das Aussetzen der Monatsblutung zu einem selbst für Männerohren tauglichen Partythema gemacht zu haben. Es gibt bereits Selbsthilfegruppen wie die Red Hot Mamas in San Francisco, hingerissene Frauen haben Menopausen-Fanklubs gegründet. _(* Germaine Greer: »Wechseljahre«. Econ ) _(Verlag, Düsseldorf; 488 Seiten; 44 Mark. ) _(Gail Sheehy: »Wechseljahre - Na und?« ) _(List Verlag, München; 200 Seiten; 29,80 ) _(Mark. )
In diesem Jahrzehnt kommen in den USA Jahr für Jahr eine halbe Million Frauen der Babyboomer-Jahrgänge ins kritische Alter. »Das ist die Generation von Frauen, die den Feminismus neu erfunden hat, ,Our Bodies, Ourselves'' schrieb und den Gebärmutterhals mit Spekulum zu untersuchen lernte«, diagnostizierte Time.
Dran sind jene Jahrgänge, welche die Diskussion über die Pille, die Abtreibung und die sanfte Geburt den meist männlichen Autoritäten entzogen haben. Nicht wenige aber, die 1970 für Women''s Lib ohne BH in der ersten Reihe marschierten, orientieren sich im Alter an Joan Collins und liebäugeln damit, sich mit Hormonen die Haut straffer, den Busen voller und die Vagina feuchter zu halten.
Germaine Greers Menopause dagegen ist eindeutig lila getönt. Den Verlockungen künstlich verlängerter Attraktivität setzt sie den Rückzug aus der Sexualität in die Sphären der Spiritualität entgegen: keinen Sex, keine Drogen, kein Silikon. Die Feministin hält die Wechseljahre für eine Chance, den »Menschen mit Penis« endlich nicht mehr gefallen zu müssen.
Greer, vor 20 Jahren Propagandistin der freien Liebe, zielt auf jene leidende Mehrheit von Klimaktierenden, der es nicht gegeben ist, sich in nimmeralte Diven zu wandeln und im reifen Alter Partner für den letzten Tango zu finden. Frau wolle das gar nicht, meint die Autorin, die einst Norman Mailer und etliche andere becircte. Frau wolle Trauer tragen, den Garten umgraben und ihre Weisheit mehren.
Germaine Greer fühlt sich heute besser als damals, da sie »in den Armen junger Männer lag, die mich liebten«. Sie empfindet den Hormonmangel der Wechseljahre als Gewinn. Denn: Östrogen sei das »Hormon der Fügsamkeit«, es zwinge die Henne unter den Hahn, sein Ersatz produziere nur das »Zufriedene-Kuh-Syndrom«.
Greer setzt auf ein völlig neues weibliches Selbstverständnis. Sie preist die Wechseljahre als Einübung in den Tod und verlangt Frauen aufwendige natürliche Behandlungsmethoden zwischen Müslis und Meditation sowie unerbittliche Selbstdisziplin ab. Gail Sheehy geht dagegen programmatisch mit dem Thema um. Sie hat sich Hormontherapien unterzogen.
Anfangs fühlte sie sich, als läge ihr Körper »die Hälfte jeden Monats mit sich selbst im Krieg«. Erst nach Jahren fand Sheehy zu einer auf sie zugeschnittenen Hormonkombination: Sie fühlte sich »ausgeglichen, vital und wieder in meinem Körper daheim«.
Unter Medizinern gilt als gesichert, daß die Zufuhr von Östrogen Klimakteriumssymptome besänftigt sowie Osteoporose, Herz- und Gefäßkrankheiten vorbeugt, aber die Krebsgefahr erhöht. Östrogen-Gestagen-Kombinationen können dagegen, davon gehen zumindest deutsche Ärzte aus, das Risiko sogar senken. Für Sheehy jedenfalls ist ein Eingriff in die »natürlichen« Vorgänge nicht an sich fragwürdig.
Weder in Greers noch in Sheehys Version wirken die Wechseljahre besonders verlockend. Wer diese Phase des Lebens aber durchsteht, darf mit Belohnung rechnen. »Es gibt keine größere Macht«, schrieb die US-Ethnologin Margaret Mead, »als die Lebensfreude einer Frau, die die Wechseljahre hinter sich hat.« _(* Claire Bretecher: »Die Frustrierten«; ) _(Band 4. )
Wechseljahre-Forscherin Sheehy »Ausgeglichen und vital«
Frauen-Comic*: Kein Sex, keine Drogen, kein Silikon
* Germaine Greer: »Wechseljahre«. Econ Verlag, Düsseldorf; 488Seiten; 44 Mark. Gail Sheehy: »Wechseljahre - Na und?« List Verlag,München; 200 Seiten; 29,80 Mark.* Claire Bretecher: »Die Frustrierten«; Band 4.