Pop Wilde Intelligenz
Ein paar üble Nachreden werden Marianne Faithfull immer verfolgen: Daß sie eine Rockschlampe sei, heißt es, daß sie es mit den Rolling Stones sehr wild getrieben habe und daß sie nur deshalb ein paar Platten aufnehmen durfte. Nur wenn derlei böses Geschwätz irgend etwas betrifft, das ihr wirklich wichtig ist, dann wird Marianne Faithfull sich aufmachen und die Angelegenheit klarstellen.
So wie im vergangenen Jahr, als sie sich in New York auf den Weg machte und zu Kim Kowalke fuhr, der das Werk von Kurt Weill bewacht. Sie hatte sich hübsch gemacht, sogar einen Rock angezogen und war, wie sie sagt, reichlich nervös: »Ich hatte Angst. So wie jedesmal, wenn man etwas erbittet und ein Nein erwartet.« Trotzdem ist sie damals »wie ein Tornado« in die geheiligten Räume der »Kurt Weill Foundation« gerauscht und hat dem strengen Kim Kowalke in einem vierstündigen Gespräch klargemacht, daß sie genau die Richtige sei, um die Lieder von Kurt Weill zu singen. »Wer mich getroffen hat, weiß, daß ich kein Rock-Bimbo bin!« schnaubt die Künstlerin.
Wahrscheinlich hätte sich auch niemand beschwert, wenn sie ihre neue CD »20th Century Blues«, auf der überwiegend Weill-Kompositionen zu finden sind, einfach ohne den Segen der Copyright-Verwalter aufgenommen hätte. Immerhin schwärmt der große irische Musiker Van Morrison, daß jedes Lied, das Marianne Faithfull singt, sowieso wie ein Song von Kurt Weill klinge. Das hat sie ihrer Stimme zu verdanken, über die so seltsame Dinge geschrieben wurden wie: daß sie kratzig sei, geschmirgelt und geborsten, jedenfalls das Resultat eines wüsten und gefährlichen Lebens.
Als die Sängerin Marianne Faithfull 1964 erstmals in den Zeitungen auftauchte, war ihre Stimme noch jungfräulich und ihr Leben geordnet. Die Tochter einer Wiener Baronesse aus dem Hause Sacher-Masoch (deren Großonkel Ritter Leopold für den Begriff »Masochismus« verantwortlich ist) und des britischen Geheimdienstlers Major Glynn Faithfull war so hübsch, daß sie mit 17 auf einer Londoner Party dem Manager der Rolling Stones auffiel.
Der erkannte in ihr »einen Engel mit großen Titten«, fragte, ob sie singen könne, und organisierte ihr einen Plattenvertrag. Mick Jagger, vom ersten Anblick an schwer beeindruckt, schrieb ihr mit Keith Richards den Hit »As Tears Go By«. Damit wurde der Engel über Nacht zum Star, bekam eine Hauptrolle in einem Kinofilm und machte sogar am Theater eine gute Figur in Tschechows »Drei Schwestern«.
Alles hätte wunderbar werden können; sie sah gut aus, und sie hatte Talent, aber sie kam Mick Jagger zu nah. Das war ein Fehler. Auf einen kurzen Ausflug in den Rock'n'Roll-Himmel folgte jener Rock'n'Roll-Alptraum, vor dem brave Eltern ihre Kinder warnen. Und als Mick Anfang der Siebziger Bianca heiratete, blieb Marianne nur ein Trümmerhaufen.
Ihr Gefühlsleben war so zerrüttet wie ihre Gesundheit, und von ihrer Karriere sprach schon lange keiner mehr. Das wenige, was übrig war, zerstörte Marianne Faithfull fast ein Jahrzehnt lang mit Heroin und anderen Substanzen. So staunte die Popwelt, als sich der Engel 1979 mit einem triumphalen Comeback zurückmeldete und das Album »Broken English« veröffentlichte. Begeistert schrieb der amerikanische Star-Kritiker Greil Marcus damals: »Faithfull singt, als wolle sie jede Nadel, jede Junkie-Panik, jede leere Pillendose und jedes verschmutzte Zimmer in ihre Stimme zwingen«, und er attestierte ihr obendrein »großes Können und eine wilde Intelligenz«. So feierte sie Wiederauferstehung als »jedermanns liebster intellektueller Popstar« (International Herald Tribune). Seitdem erscheinen sporadisch Platten mit düsteren Balladen, die allesamt so klingen, als seien sie nicht weit weg vom Fegefeuer geschrieben und gesungen worden.
Die Kompositionen von Kurt Weill habe sie schon immer geliebt, sagt Faithfull. Das liege auch daran, daß die Weimarer Republik, in der Weill mit Bertolt Brecht die meisten seiner Klassiker verfaßte, eine Menge mit den sechziger Jahren gemeinsam habe: »Es waren beides außergewöhnliche Zeiten, in denen sich aufwühlende Dinge ereigneten, Zeiten, die ungewöhnlich kreativ waren und sehr dekadent.«
Daß die Lieder des deutschen Komponisten bis heute nicht an Popularität verloren haben, findet sie nur logisch, weil sie »lustig und herzzerreißend sind«. Sie kann auch lange und leidenschaftlich über die Dauerhaftigkeit von Liedern wie »Mack the Knife« referieren; über Mack als Sinnbild des Bösen, in dem man Nazi-Gauleiter ebenso wiedererkennen könne wie belgische Kinderschänder.
Längst ist Kurt Weill eine Art Lieblingskomponist für Pop-Helden, die nach Höherem streben. Frank Sinatra hat »Mack The Knife« großartig dargeboten, die Doors haben den »Alabama Song« aufgenommen, und Sting hat sich des »Dreigroschenoper«-Repertoires genauso angenommen wie Lou Reed.
Das Weill-Programm, mit dem Marianne Faithfull derzeit durch Europa tourt, hatte sie zuvor in den USA in Rock-Klubs ausprobiert. Und sie ist von Seattle bis New York sehr gut damit davongekommen - »faszinierend«, urteilte die New York Times.
Nicht jeder könne diese Lieder bewältigen, sagt sie. Für das Lied der Seeräuber-Jenny etwa müsse man auch Piraten-Jenny sein: »Du mußt verletzt worden sein; so schwer und so tief, daß du jeden einzelnen, der dir in deinem Leben übel mitgespielt hat, töten möchtest! Ein großartiges Lied.«
Neulich schickte Marianne Faithfull ihre neue CD an Kim Kowalke. Dabei lag ein Brief, in dem steht, wie froh sie sei, daß einer gut auf diese Musik achtgibt.