Wilde Mainächte - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN / BAAL Wilde Mainächte

• aus DER SPIEGEL 17/1970
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»Ach, so eine Baalade«, urteilte der Kritiker Alfred Kerr 1823 in seinem Premieren-Bericht, »hat nur als posthumes Fragment wirklich Aussichten.« Kerr hatte Bertolt Brechts Bühnenerstling »Baal« gesehen, den der Dichter später selbst nicht mehr schätzte: »Dem Stück fehlt Weisheit.«

Eine posthume Aufführung des bislang nur 15mal inszenierten Stückes bringt nun das Deutsche Fernsehen (am Dienstag, 21. April, 21.05 Uhr). Der Münchner Regisseur Volker Schlöndorff 31, in Literatur-Verfilmungen wohl geübt ("Der junge Törless«, »Michael Kohlhaas"), hat sie inszeniert und sich dabei streng an Brechts Anweisung gehalten: Der Baal »entstammt der Zeit, die dieses Stück aufführen wird«.

In seiner Montage aus den vier verschiedenen Baal-Texten, die Brecht hinterlassen hat, ist der saufende, hurende und mordende Dichter Baal ein zeitgemäßer drop-out: Er flegelt auf Partys beim Establishment herum, läuft an Autobahnen entlang und kriecht auf Lkw-Rastplätzen unter.

Auch Schlöndorffs Stilmittel sind durchaus modern: »Von seinem ersten Auftauchen unter gesitteten Menschen bis zu seinem entsetzlichen Ende, mit seinem ungeheuerlichen Verbrauch von Damen der besten Gesellschaft« (Brecht) verfolgt der Regisseur seine Hauptfigur mit beweglichen Handkameras und bringt knallbunte, bisweilen am Rand verschwommene Manns-Bilder auf den Fernsehschirm.

Brechts spätexpressionistische Sprache vom »Ächzen der Kornfelder« und vom »Geruch der wilden Mainächte« hat er jedoch absichtlich nicht angetastet. Denn nur durch »diese Konfrontation von künstlichem Text mit ungebrochener Wirklichkeit« (Schlöndorff) kann er jene »Spannung zwischen einer Landschaft oder einem Gesicht und dem Text« erreichen, auf die es ihm ankam.

Mit dem Resultat der »poetischen Dokumentation« (Schlöndorff) ist der Baal-Darsteller Rainer Werner Fassbinder (Leiter des Münchner »antiteaters") dennoch nicht einverstanden. Weil er dagegen ist, daß »alle vorhandene Brutalität durch Poesie verbrämt und entkräftet wird«, will er »Baal« demnächst selbst herausbringen.

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