FESTIVALS »Wir drehen da ein großes Rad«
Ein flottes Mundwerk hatte er ja schon immer. Aber jetzt, da ihn »ganz unverhofft« ein »völlig neues Projekt« anspitzt und ihn »das attraktivste, vielleicht auch schwierigste Unternehmen« seiner Laufbahn beflügelt, ist er überhaupt nicht mehr zu bremsen. Sein smartes, singsangelndes Parlando sprudelt und wie ein Geysir lässt Gerard Mortier, 57, Ideen, Pläne, Namen, Titel, Orte, Projekte hochsprühen, aufzischen, zerplatzen. Egal - für Deutschlands Kulturszene ist alles, was er derzeit von sich gibt, heißer Stoff.
»Wunderbar«, lächelt der kleine Herr mit den hochfliegenden Plänen, er kann mal wieder »auf ein großes Ziel hin überlegen«, »großartig«, findet er, eine Sache »bei null andenken zu können«. »Die Chance ist toll«, der Mann in seinem Element.
Gerade noch hat Mortier, nach fast zehn Jahren Salzburger Festspielintendanz, das Programm seiner letzten Sommersaison vorgelegt, da bricht er auf in Neuland, weg von Mönchsberg und Mozartkugeln, hinein ins Revier von Schalke und Schimanski: Ausgerechnet im Kohlenpott hat der feinsinnige Flame neuerdings Feuer gefangen.
Dort, in Europas bevölkerungsreichstem Industriegebiet, wird er sich, nach ersten Stippvisiten in den letzten Monaten, demnächst noch einmal »ganz ausgiebig umsehen«, oben auf den Bühnen, hinter den Kulissen und vielleicht auch unter Tage. In Begleitung eines Akustikers will er in ausgediente Schlote klettern, leere Gasometer inspizieren, stillgelegte Kokereien aufsuchen, erkaltete Stahlküchen prüfen, verfallende und restaurierte Fabrikdenkmäler besichtigen, gleichzeitig mit Theaterleuten, Orchesterleitern, Ballettdirektoren, Regisseuren, Komponisten und kommunalen Kulturverwesern diskutieren. »Diese Industrielandschaft«, schwärmt der Bäckerssohn aus dem belgischen Gent, »birgt einen riesigen Reichtum ungeahnter und ungenutzter Möglichkeiten.«
Auf Wunsch des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement und mit 40 Millionen Mark von der Landeskasse, dem Kommunalverband Ruhr und der Europäischen Union soll Mortier nun diesen Reichtum vergolden und durch Sang und Klang, Schauspiel, Tanz und Kunst das gräuliche Ruhrgebiet in ein glänzendes Kulturgebiet verwandeln: Im Jahr 2003, so der Plan des Genossen Clement, wird im Revier »ein internationales Festival-Großereignis« starten - Premiere eines künftig im festen Rhythmus wiederkehrenden Kulturgipfels unter dem Arbeitstitel »Triennale Ruhr«. Chefplaner und erster Kurator: Mortier, »der Doktor«, das jesuitisch geeichte Schlitzohr.
Der Aufsichtsrat der Projekt Ruhr GmbH und das rot-grüne Kabinett in Düsseldorf haben das ehrgeizige Unternehmen und Mortiers Nominierung inzwischen abgesegnet, Clements grüner Kultusminister Michael Vesper greift bereits in die Harfe: Es gehe nicht um einen »Paukenschlag und ein kurzzeitiges Event«, sondern um ein »kulturelles Highlight«, das »die unvergleichlichen Orte der Re-gion mit unvergleichlichen Kulturereignissen verbinden« und »ein Signal für einen wirklichen kulturellen Aufbruch« setzen werde: »Wir drehen da ein großes Rad.«
Kommt also bald richtig schöngeistiger Schwung ins Revier, die Gala an den Pütt, »Fidelio« unter den Förderturm? Treibt es die Kumpels in Zukunft eher zur »Bohème« als zur Borussia? Das Ruhrgebiet - ein klingendes Schlaraffenland?
Noch jedenfalls ist Mortiers neue Spielwiese nicht planiert, geschweige denn kultiviert, noch klingt, was kommen könnte, ebenso viel versprechend wie schleierhaft - ein Gedünst aus handfesten Plänen und himmelstürmenden Phantastereien. Die Folge: Kaum geistert Clements Luftschloss durch die Köpfe an Rhein und Ruhr, erklären - voreilige - Skeptiker und Gegner den Landesvater auch schon zum Verschwender und Mortier zum Verräter.
»Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!«, lästerte der »Kölner Stadt-Anzeiger« über Clements neue »Leuchttürme«, die offenbar die Mängel der landesweiten »Kulturstruktur« überstrahlen sollten. Werde nun auch in NRW, fragte besorgt die »Frankfurter Allgemeine«, »immer weniger Geld für lebendige städtische Kunstproduktion zu Gunsten glamouröser Internationalität« ausgegeben?
»Ein Unding«, wetterte der Christdemokrat Richard Blömer als kulturpolitischer Sprecher der Düsseldorfer Opposition: Da es »in der Kulturszene von NRW an allen Ecken und Enden« brenne, sei die geplante Triennale »völlig ungeeignet zur Kulturförderung«. Auch die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main geißelte die »Verhaltensweise des Landes, die zahlreichen städtischen Theater verarmen und in den Ruin treiben zu lassen, während unverhältnismäßig viel Geld für eine Event-Kultur ohnegleichen zur Verfügung« gestellt werde.
Besonders schrill polemisierte Dietmar N. Schmidt als Direktor des Kultursekretariats Nordrhein-Westfalen gegen die Düsseldorfer »Großmannssucht«. »Noch ein Festival, größer, breiter, teurer als irgendeines: wie wunderbar - in diesen Zeiten!«, höhnte er über die »Unverschämtheit« der rot-grünen Kulturpfleger und die »blinde Begeisterung« des »lieben, guten Mortier« - was dieser »als billige Rache« abtat: »Der sagt das bloß, weil er von mir in Salzburg niemals Pressekarten bekommen hat.«
Doch nachdem sich der Deutsche Bühnenverein lobend über Clements Initiative geäußert hatte, las Schmidt auch dessen Präside Jürgen Flimm empört die Leviten: Entweder habe Flimm, schrieb er dem »Herrn Präsidenten«, von der Zustimmung des Bühnenvereins nichts gewusst, »dann kann ich Dich weiter für vernünftig halten«; oder aber auch der »liebe, verehrte Jürgen« stecke hinter dem Lob des Vereins, »dann hast Du den falschen Posten«.
Dass Clements Weihnachtsgabe ausgerechnet bei den beschenkten Nordrhein-Westfalen als unschöne Bescherung empfunden wurde, hat - auf den ersten Blick - durchaus plausible Gründe: Kein Landstrich der Welt verfügt über eine vergleichbar dichte Kollektion aus soliden Opern-, Schauspiel- und Konzerthäusern. Wer sich etwa auf der so genannten Rhein-Ruhr-Schiene von Bonn nach Dortmund bewegt, stößt durchschnittlich alle 30 Kilometer auf ein ansehnliches Kulturetablissement. Allein 15 städtische Theater sind in NRW in Betrieb, fast jede großstädtische Kommune hat ihren eigenen Klangkörper, der Westdeutsche Rundfunk leistet, landesweit sendungsbewusst, zusätzliche Kulturarbeit.
Bonn hat zudem sein Beethovenfest reaktiviert, Köln eine vorbildliche Triennale für neue Musik; in Recklinghausen sind die angesehenen Ruhrfestspiele beheimatet, das Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch ist weltweit Spitze. Ministerpräsident Clement herrscht, keine Frage, längst über blühende Landschaften.
Doch anders als in Ländern wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, die repräsentative Kulturinstitute großzügig alimentieren, bescheidet sich Düsseldorf, alles in allem, mit gerade mal 31 Millionen Mark jährlichem Zuschuss für die Spielstätten; 90 Prozent aller Kosten müssen in NRW von den Kommunen aufgebracht werden.
Die Kämmerer der klammen Stadtkassen aber haben ihre Subventionen in den letzten Jahren zum Teil drastisch beschnitten, in vielen Häusern ist ein solider Spielbetrieb bereits ernsthaft gefährdet - nicht gerade der glücklichste Zeitpunkt, um am Kabinettstisch den Plan eines zweiten Salzburg auszuhecken.
Doch gerade den Vergleich mit seiner langjährigen Wirkungsstätte weist Gerard Mortier entrüstet von sich. »Nicht im Traum« denke er daran, »Salzburg nach Nordrhein-Westfalen zu importieren« und im Land des Zechensterbens »eine riesige, hochglanzgeleckte Gala« zu inszenieren: »Die drei Tenöre hole ich nicht.«
Aber wen und wen für was? Ach, er weiß es selbst noch nicht recht: »Ich brauche«, sagt er dem SPIEGEL, »mindestens noch ein Jahr der stillen Reflexion, um klar zu sehen und fest zu planen.«
Lange und viel hat er abgewogen, was er nach dem Ende seiner Salzburger Amtszeit machen sollte. Die Leitung des Teatro La Fenice in Venedig zu übernehmen, hat er abgelehnt, die Berliner wiederum haben weder bei den Festspielen noch beim Strukturpalaver um die drei Opernhäuser auf ihn gehört und zurückgegriffen.
Dann meldeten sich die hohen Herren aus Düsseldorf, und nachdem er im Bochumer Straßenbahndepot eine »faszinierende« Aufführung des Mozart-Requiems erlebt hatte, verspürte er »erstmals richtig Lust, hier etwas Neues anzufangen und auszuprobieren«. Nach seinem Treffen mit Wolfgang Clement habe die nordrheinwestfälische Triennale-Idee dann »richtig« gezündet. Nun wird der Schöngeist im Edelzwirn oberster Kulturkumpel.
Am 1. Mai 2003 will er sein Programm starten und das bis Ende Oktober durchziehen. Vor der sechswöchigen Sommerpause soll das Schauspiel dominieren, danach haben Musik und Musiktheater Übergewicht. Die Eintrittspreise will er, der sozialen Struktur seines künftigen Publikums angemessen, »absolut erschwinglich« kalkulieren. »Veranstaltungen zum Nulltarif« werde es sicher kaum geben, aber noch weniger die sündhaft teuren »Salzburger Verhältnisse«.
»Selbstverständlich« wolle er mit der Triennale »keine der vor Ort etablierten und bewährten Kultureinrichtungen gefährden«, im Gegenteil: Die Tanzkunst von Pina Bausch etwa möchte er »nutzen und einbeziehen«, auch die Ruhrfestspiele, denen er sogar »ein paar zusätzliche Millionen« in Aussicht stellt. Es sei schlicht »infam«, sagt er, wie ihm schon jetzt, vor seinem Arbeitsantritt, »böswillige Demontage-Gelüste unterstellt« würden.
Dass seine abgebrannten Kollegen ihn, den Krösus von Clements Gnaden, nicht gleich alle mit offenen Armen empfangen werden, kann er »verstehen«, hofft aber auf gute Zusammenarbeit und braucht sie auch: Was immer die Triennale realisieren will - als Institution ohne großen technischen Apparat und ohne eigene Werkstätten ist sie auf Co-Produktion mit den Etablierten angewiesen.
Nein, Mortier will überhaupt den Kohlenpott nicht auf den Kopf stellen, zumal 2006, bei der zweiten Triennale, vielleicht schon ein neuer Kurator an deren Spitze stehen und das Leitmotiv vorgeben wird. Doch ein Bauchladen nur mit Bonbons ist nicht sein Fall, so wenig wie »ein Festspiel aus Ruinen«, die »große nostalgische Kiste im Schatten der Schlote«. Nein, er will »Hartes, Sperriges, Anstrengendes«, »was zum Beißen«, keine Salzburger Nockerln: »Bei der Triennale müssen Sachen entstehen, die ich vorläufig und vorsichtig Kreationen nennen möchte.«
Im Oberhausener Gasometer beispielsweise, wo vor zwei Jahren Christos Montage aus 13 000 farbigen Fässern ein Publikumsrenner wurde, kann sich Mortier eine »experimentelle Video-Installation mit magischer Wirkung« ausmalen, in der Bochumer Jahrhunderthalle, die er »erst einmal richtig winterfest umbauen« will, möchte er »eine Art Musiktheater-Wettbewerb« ausrichten, bei dem ein »Orchester in residence« sechs bis acht Monate »ungestört üben« und zusammen mit avantgardesinnigen Theaterleuten »zielbewusst arbeiten« könnte.
Anfang nächsten Jahres will Mortier seine Regie-Favoriten, »den Frank Castorf, den Christoph Marthaler, den Stefan Bachmann«, zwecks Ortsbesichtigung an die Ruhr bitten. Auch Simon Rattle, den künftigen Chef von Berlins Philharmonikern, hat er schon als Gast ausgeguckt, »wenn der dann, wie jetzt in New York, so eine Hommage an Duke Ellington abzieht«.
Sogar Oper, »meine Geliebte«, will er einbeziehen, »aber möglichst neu durchdacht und experimentell verfremdet«. In der heutigen Zeit, »da die meisten Menschen anonym dahinsiechen«, stellt er sich beispielsweise für die Triennale eine Folge berühmter Sterbeszenen vor, »die durch einen modernen, literarischen Text verbunden werden und auf ganz neuartig inszenierte Weise zeigen können, wie intim und privat der Mensch früher gestorben ist«.
Doch Leben soll auch in die Bude. »So bald wie möglich« will sich Mortier jedenfalls mit dem Pott-Barden Herbert Grönemeyer treffen, der sei »phantastisch« und mit dem könne man »bestimmt was Wunderbares zusammen machen«. Glückauf denn mit der Currywurst!