Gestorben Wolf Schneider, 97
Müller-Stauffenberg / IMAGO
Als er zum Star auf TikTok wurde, war er schon deutlich über 90 – und man darf vermuten, dass er dabei gar nicht so genau wusste, was TikTok eigentlich ist. Wolf Schneider, Journalist, Sachbuchautor, Moderator und 16 Jahre lang Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule, hatte einige Regeln für lebendiges Deutsch in eine Kamera gesprochen, die Clips erreichten mehr als zwei Millionen Aufrufe. Starke Verben nutzen, Adjektive meiden, einen interessanten ersten Satz bauen – das hörte sich bei ihm stets einfach und selbstverständlich an. Aber Generationen von Journalistenschülern und -schülerinnen merkten schnell, dass es ganz so dann doch nicht war. Schneider korrigierte ohne Rücksicht: »Bäh«, stand unter den Manuskripten oder auch: »Gequirlter Mist«. Wer einen langweiligen Einstieg schrieb, bekam mitunter seinen Text zurück, versehen mit nur einer Anmerkung, direkt neben dem ersten Satz: »Sie haben gerade Ihren einzigen Leser verloren: mich.« Ein strenger Schulmeister war Schneider, aber mit Betonung auf »Meister«. Die typische SPIEGEL-Sprache in den Siebziger- und Achtzigerjahren war ihm zuwider: Wenn der SPIEGEL »Präside« schrieb (statt »Präsidiumsmitglied«), dann gab es montags einen Extra-Vortrag über die Sprachverhunzer aus Hamburg. Dass im SPIEGEL heute niemand mehr »Präside» schreibt, hat viel damit zu tun, dass von den Absolventen und Absolventinnen seiner Schule etliche in der Redaktion arbeiten und Schneiders Lehren beherzigen. Wolf Schneider starb in der Nacht zum 11. November in Starnberg.