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Kirche Wozu eigentlich

3,2 Millionen deutsche Katholiken haben »schon ernsthaft daran gedacht, aus der Kirche auszutreten«. Solche Ergebnisse brachten vier von der Kirche finanzierte Umfragen.
• aus DER SPIEGEL 28/1972
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Selbst frommen Katholiken fällt zuallererst die Pille ein, wenn sie an ihren Papst denken.

Nichts stört die meisten katholischen Christen mehr an ihrer Kirche als deren »Einstellung zu Fragen der Empfängnisverhütung«.

Folge des Pillenverbots: »Die Autorität des Papstes, die man normalerweise dem Faktor Glaubensfragen zuordnen würde, ist eindeutig in den Faktor Sexualität eingegliedert.«

So formulierte es der Soziologe und Sozialpsychologe Professor Gerhard Schmidtchen, 47 (Universität Zürich). Er schrieb einen Forschungsbericht »Zwischen Kirche und Gesellschaft«, der in der vergangenen Woche an die katholischen Spitzen in der Bundesrepublik verteilt wurde und demnächst auf dem katholischen Buchmarkt erscheint

Forschungs-Gegenstand des Züricher Gelehrten, der seit langem eng mit dem Allensbacher Institut für Demoskopie zusammenarbeitet, ist nach seinen eigenen Worten »das größte religionssoziologische Projekt, das auf der Welt durchgeführt wurde«.

Gemeint sind vier Umfragen zwischen Mai 1970 und März 1971, die von den deutschen katholischen Bischöfen

* Gerhard Schmidtchen: »Zwischen Kirche und Gesellschaft«, Verlag Herder, Freiburg; XVI und 304 Seiten: 24 Mark.

mit etwa 5,4 Millionen Mark (größtenteils aus der Kirchensteuer) finanziert und gemeinsam mit dem Allensbacher Institut durchgeführt wurden:

* eine Total-Erhebung, die sich an alle deutschen Katholiken richtete und einschließlich Computer-Auswertung allein etwa 4,9 Millionen Mark kostete; von 21 Millionen Fragebögen wurden 4,4 Millionen zurückgeschickt;

* eine Repräsentativ-Umfrage zur Kontrolle mit denselben Fragen und 4500 Befragten:

* eine weitere Repräsentativ-Umfrage mit detaillierten Fragen und 4000 Befragten sowie

* eine Total-Erhebung unter allen deutschen Priestern; von 26 206 Fragebögen wurden 20 055 zurückgeschickt,

Schmidtchens Analyse zeigt deutlicher noch als die bislang veröffentlichten Gesamtergebnisse, daß die meisten deutschen Katholiken anders denken, als die deutschen Bischöfe sich bei der Finanzierung der Umfragen erhofft hatten.

Der Züricher Professor bemühte sich darum, auf dem Weg über moderne Auswertungs-Techniken »gleichsam Bewegunqsgesetze des Bewußtseins« aufzudecken. So differenzierte er unter anderem nach Alter, Kirchgang und den eigenen Angaben der Befragten über ihre Glaubenstreue,

Für solche wissenschaftliche Arbeit erweisen sich allerdings die Total-Umfrage unter allen deutschen Katholiken und die dazugehörige Kontroll-Umfrage nahezu als nutzlos, an denen das Allensbacher Institut zwar gut verdient. mit denen es sich aber keine Verdienste erworben hat.

Gegen die Umfrage, die sich per Brief an alle deutschen Katholiken richtete, sprachen von vornherein methodische Bedenken. Nur ein Teil der katholischen Bundesbürger würde die Fragebögen zurückschicken. Und weil nicht zu klären sein würde, warum die meisten Formulare in den Papierkorb geworfen wurden, konnten die Ergebnisse nicht repräsentativ und deshalb wissenschaftlich kaum von Wert sein.

Hinzu kam, daß die Fragen, ausgearbeitet von Allensbacher Demoskopen unter tätiger Aufsicht eines kirchlichen »Lenkungsausschusses« eher fromm als forsch waren. Wer etwa eine negative Ansicht über den Zölibat oder über das Pillenverbot Pauls Vi. zum Ausdruck bringen wollte, fand dazu keine Gelegenheit. Durch möglichst positive Fragen ("Was ist für Sie an der heiligen Messe besonders wichtig?") wurde auf möglichst positive Antworten abgezielt. Schmidtchen räumt denn auch jetzt ein, daß die Total-Umfrage »ein für einen Sozialforscher ungewöhnlicher Gedanke« sei und daß sie als »Instrument der innerkirchlichen Bewußtseinsbildung zu verstehen« sei.

Wie wenig repräsentativ dementsprechend die Zahlen sind, ist Schmidtchens Forschungsbericht zu entnehmen: Es gaben an, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen,

* 60,9 Prozent der Befragten bei der Brief-Umfrage, bei der die Bischöfe ganz offiziell als Auftraggeber fungierten:

* 43,9 Prozent bei der sogenannten Kontroll-Umfrage, die dieselben Fragen hatte und ihren kirchlichen Ursprung auch nicht verbergen konnte;

* 35,6 Prozent bei der dritten Umfrage, bei der die Bischöfe dem Allensbacher Institut mehr Freiheit für kritische Fragen gelassen hatten;

* 30,3 Prozent hei einer Mehrthemen-Umfrage, bei der es im übrigen nicht um religiöse Themen ging. Zwar behauptet der Soziologe Schmidtchen gleichwohl, anhand der Total-Umfrage könne man »das Verhalten kleinster spezifischer Gruppen verfolgen, wobei die Ergebnisse zuverlässig bleiben«. Doch den Beweis bleibt er in seinem Forschungsbericht schuldig. Er beschränkt sich fast ganz auf die Auswertung der Umfrage, deren Fragen das Allensbacher Institut nahezu unabhängig vom kirchlichen Lenkungsausschuß formulieren durfte.

Die Ergebnisse sind dementsprechend aufschlußreich. Die meisten Katholiken wünschen sich eine andere Kirche, als sie besitzen. Daß sie für Gerechtigkeit sorgt, ist ihnen weit wichtiger, als daß sie Gottes Wort verkündet. Nur Religionsunterricht und die Unterhaltung von Kindergärten werden noch von der Mehrheit der Katholiken als Aufgabe ihrer Kirche akzeptiert.

Schmidtchen: »Die Kirche steht hier einem Säkularisierungsanspruch gegenüber, der Aufforderung zu einem weltlichen Engagement, gleichermaßen von Kirchentreuen und Kirchenfernen vorgebracht.«

Selbst als Trost-Spenderin hat die Kirche für die meisten Katholiken keine Funktion mehr. Daß die Kirche dafür geeignet ist, meinen 73 Prozent. Daß sie selbst jetzt oder je des Trostes bedürftig sind, glauben aber nur 28 Prozent. Ähnlich belanglos sind selbst zentrale Glaubensfragen geworden. Ob Christus von den Toten auferstanden ist, kommt nur für jeden siebenten Katholiken noch als Gesprächs-Thema in Betracht.

Und auf die Deutschen unter 30 können die katholischen Bischöfe fast gar keine Hoffnung mehr setzen. Jeder fünfte Jung-Katholik gab sogar an, daß er »schon ernsthaft daran gedacht hat, aus der Kirche auszutreten«.

Nimmt man die anderen Altersgruppen hinzu, so sind es insgesamt elf Prozent der Befragten, repräsentativ für 3,2 Millionen deutsche Katholiken, die den Kirchenaustritt schon erwogen haben. Unter Männern ist dieser Gedanke weiter verbreitet als unter Frauen, unter Katholiken mit Abitur populärer als unter denen mit Volksschulbildung. Meistgenannte Motive sind die Kirchensteuer und die Rückständigkeit der Kirche.

Schmidtchen über diese Katholiken: »Wenn alle Motive, die für eine Kirchenmitgliedschaft sprechen könnten, längst abgebaut worden sind, dann bleibt am Schluß so etwas stehen wie ein finanzielles Motiv. Man bezahlt Kirchensteuern wozu eigentlich?«

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