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Artikel 27 / 68

PETRONIUS Wumm!

• aus DER SPIEGEL 41/1960
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die alte Bäuerin schlurft in den Stall und hängt ihrer mageren Kuh einen Kartoffelsack vor die Augen. Während das Rindvieh aufbrüllt, hebt die Bäuerin ein Beil und wuchtet es gegen den Kopf des Tieres. Die Kuh bricht zusammen.

An dieser rustikalen Szene sollen Kinogänger ermessen können, mit welcher Verbitterung das mitteldeutsche Landvolk auf die Kolchosierungsmaßnahmen des SED-Chefs Walter Ulbricht reagiert. Die Bildfolge ist Bestandteil eines neuen deutschen Films, der seit Ende vergangenen Monats gedreht wird und die Forderungen bundesrepublikanischer Kritiker nach zeitgeschichtlich bedeutsamen Leinwandthemen erfüllen soll.

Autor, Regisseur und Produzent des Lichtspiels ist ein Mann, der sich bislang weniger als Pionier des Problemfilms eine Reputation verschaffen konnte als durch detaillierte Enthüllungen aus der Intimsphäre deutscher Filmschaffender: Will ("Petronius") Tremper, 32, Verfasser der Schlüsselloch-Serie »Deutschland, deine Sternchen« in dem Bilderheft »Stern«.

Weil er »vom deutschen Film die Nase voll« und überdies herausgefunden hatte, daß »doch alles Scheiße ist, was unsere Autoren in Ascona an Zeitstoffen machen«, erdachte er den - nach seinem Dafürhalten-»aktuellsten Film des Jahres": »Flucht nach Berlin«, ein Sujet über die Spaltung Deutschlands.

Illustrierten-Schreiber Tremper nahm sich damit einer in der Tat wenig bevorzugten Kino-Thematik ah, deren Möglichkeiten der Berliner Starkritiker Friedrich Luft unlängst so skizzierte: »Eine Grenze - ritschratsch! quer durch den Leib eines Volkes geschnitten... Was für Stoffe! Was für Möglichkeiten! Nimmt unser Film sie wahr? Nein, er tut es nicht. Diesen gang zen Strom von Schicksal rührt er nicht an...«

Die westdeutsche Film-Industrie brachte erst drei Kinostücke zustande, in denen das Thema der Spaltung Deutschlands angeschnitten wird:

- »Postlagernd Turteltaube« (1952), der

Versuch einer zeitkritischen Komödie über die Angst in der DDR und die Saturiertheit in der Bundesrepublik;

- »Weg ohne Umkehr« (1953), die Geschichte eines Sowjetrussen, der von Ost nach Westberlin flüchtet;

- »Himmel ohne Sterne« (1955), das von Helmut Käutner gedrehte Liebesdrama eines oberfränkischen Grenzjägers und einer thüringischen Fabrikarbeiterin.

»Der letzte ist auch schon wieder an die fünf Jahre alt«, schimpfte Kritiker Luft. »Ist das nicht eine Unterlassung, die fast skandalös zu nennen ist?« Die Unterlassung hatte einen simplen Grund: Da das Käutner-Opus nicht sonderlich reüssierte, galt derartiger Filmstoff fortan als »Kassengift«. Verleiher und Produzenten beschränkten die kinematographische Zeitkritik auf erfahrungsgemäß publikumswirksame Themen, die vornehmlich im Halbstarken- oder Callgirl-Milieu angesiedelt waren.

»Man muß eben mit der internationalen Schlagzeile Berlin operieren«, fand der rheinische Gastwirtssohn Tremper. »Als Chruschtschow im November 1958 sein Berlin-Ultimatum

stellte, ging ich zu (dem Westberliner Filmproduzenten) Wenzel Lüdecke und sagte: 'Jetzt einen Film über Berlin!'«

Doch Lüdecke, bei dem Tremper einst mit dem Drehbuch »Die Halbstarken« sein Filmdebüt gefeiert hatte, vermochte den Eifer seines Autors nach anfänglichem Interesse nicht zu teilen. So schrieb Tremper seine Eingebungen zunächst als »Roman einer Flucht« für den »Stern« nieder. Später erfüllte ihn gänzlich seine Enthüllungs-Serie »Deutschland, deine Sternchen«. Tremper: »Ich schrieb mir erst mal in der Redaktion einen Bauch an.«

Die »Stern«-Redaktion war die vorerst letzte Station einer wechselvollen Karriere, zu der Tremper unmittelbar nach dem - Krieg Anlauf genommen hatte. 1946 versuchte er sich als Polizei-Reporter für den Westberliner »Tagesspiegel«. Ein Jahr später wurde ihm seine schon damals drängende Phantasie vorübergehend zum Verhängnis, als er erfundene Nachrichten an die Amerikaner verhökerte: Er mußte für einige

Monate in die Strafanstalt Plötzensee übersiedeln.

Dann arbeitete er sechs Jahre lang mit dem Serien-Konfektionär - Curt Riess zusammen, diente, ein Jahr bei dem Ullstein-Boulevardblatt »B.Z. und spürte schließlich, daß er zum Film-Autor berufen sei. Dem Produzenten Lüdecke lieferte er die Drehbücher für »Die Halbstarken«, »Endstation Liebe« und »Nasser Asphalt«.

Indes, die filmische Aufbereitung seiner »Asphalt«-Arbeit durch den Regisseur Frank Wisbar, den Tremper »die ostelbische Märchentante« nennt, verdroß den Autor gründlich. Er entdeckte: »Kein Regisseur dreht einen Film so, wie ich ihn als Autor sehe. Viel mehr Autoren sollten auch als Regisseure arbeiten.«

Sich selbst als Regisseur erproben zu können; durfte Tremper mittlerweile kaum noch hoffen. Seine »Petronius«-Geschichten** im »Stern« waren wenig

angetan, westdeutsche Filmfirmen zur Vergabe eines Regie-Auftrags zu bewegen. In dieser Situation kam Tremper der Umstand zustatten, daß seine dritte Ehefrau - seine erste Frau war die Tochter eines SS-Offiziers, die zweite eine Jüdin - mit einem finanzstarken Amerikaner bekannt war, dem Emigranten Michael E. Schwabacher. Es gelang Tremper, dem für die amerikanische Wirtschaftsgruppe »Unexcelled Chemical Corporation« tätigen Geschäftsmann das Filmprojekt »Flucht nach Berlin« aufzuschwatzen.

Nachdem sich Tremper anheischig gemacht hatte, für »100 000 Dollar eine deutsche und eine englische Premierenkopie« zu liefern, übernahm Schwabacher das Projekt in die Züricher Niederlassung der »Unexcelled International« und gründete für die. Herstellung des Films eigens eine Produktionsfirma.

Tremper: »Wie wollen wir sie nennen?«

Schwabacher: »Nennen wir sie Nuts'.« (Der aamerikanische Slang-Ausdruck »nuts« bedeutet soviel wie »Blödsinn«, »Quatsch«, »irre«.)

Tremper: »Das geht doch nicht, das ist doch albern.«

Schwabacher: »Na, dann von hinten, also 'Stun'.«

Somit wurde »Flucht nach Berlin« eine »Will Tremper-Produktion der-Stun Films Company im Weltverleih der Unexcelled International, Zürich«.

Von dem Produktionsleiter Heinz Karchow ließ Tremper sich eine extrem niedrige Kalkulation machen: 298 000 Mark und 74 Pfennig. Freilich sind das nur die Kosten für 48 Drehtage mit ungewöhnlich kleinem Schauspieler-Aufgebot, bei Verzicht auf Atelier und Stars. Der gesamte Gagen-Etat (drei Hauptrollen und 35 weitere Sprechrollen) beträgt 42 000 Mark. Rechte, Drehbuch und Regie, also die Tremper-Gagen, sind darin ebensowenig berücksichtigt wie Synchronisation und Reklame. Filmschaffender Tremper: »Ich will erst was haben, wenn es an der Kasse klingelt.«

Die Film-Story, die Tremper nach seinem »Stern«-Roman »Komm mit nach Berlin« zusammenfügte, schildert die Flucht dreier Menschen nach Westberlin. Jeder hat ein anderes Motiv:

Der Bauer Güden verläßt sein Dorf in Sachsen-Anhalt, nachdem offenkundig geworden ist, daß er sich der Zwangskollektivierung nicht mehr widersetzen kann. Er schickt Frau und Kind voraus nach Westberlin, vertrimmt den SED-Genossen Baade und macht sich selbst davon.

Auf einem Autobahn-Rastplatz kann er die Schweizer Modejournalistin Doris Lange überreden, ihn im offenen Alfa Romeo ein Stückchen weiterzutransportieren. Als sie einen Unfallort passieren und ein Volkspolizist die Stopp-Kelle hebt, verliert der Bauer die Nerven, fällt der Eidgenossin ins Lenkrad und gibt Gas. Doch motorisierte VopoVer folger kommen näher. Die Alfa-Romeo-Fahrer lassen den Sportwagen stehen und entfliehen in den märkischen Wald. (Tremper: »Nun ist sie mitverstrickt!")

Unterdessen ist dem verprügelten SEDMann Baade in Sachsen-Anhalt weiteres Mißgeschick widerfahren. Die Partei hat ihn ausgestoßen, um die frisch kollektivierten Bauern zu beruhigen. So macht sich auch Baade auf den Weg, allerdings nach Ostberlin: Er möchte sich »bei Ulbricht persönlich« um die Rehabilitierung bemühen. Indes, er wird unversehens als »republikflüchtig« verdächtigt und muß sich nun tatsächlich nach Westberlin durchschlagen.

Autor Tremper wußte die Filmhandlung so einzurichten, daß die drei Flüchtlinge am Havel-Ufer aufeinandertreffen. Westberlin in Sicht, tauscht Baade mit dem Bauern Güden Schläge aus.

An dieser Stelle endet vorläufig Trempers Drehbuch. »Der Schluß ist geheim«, behauptet der Verfasser, »nicht mal die Hauptdarsteller kennen ihn.« Die Akteure wiederum vermuten, daß auch der Verfasser Tremper ihn noch nicht genau kennt.

»Der Film zerfällt in drei Teile«, doziert der Autor-Regisseur: Dorf - Flucht durch die Zone - Szenen an der Havel. »Die ersten beiden Drittel sind grau, dunstig, regnerisch. Im letzten Drittel, dem BerlinerTeil, scheint plötzlich die Sonne. Es ist Sonntag.« Sein Drehbuch schreibt für den Beginn dieser Passage einen »akustisch gravierenden Effekt« vor: »die absolute Stille des Friedens, die bei Aufblenden auch dem Ortsunkundigen sofort den Eindruck vermittelt - das ist Westberlin!

Tremper will die Frontstadt-Friedensstille mit einem Kameraschwenk von 270 Grad verdeutlichen, einer Totale über die Havel. Dann soll die Kamera bei einem eleganten Hausboot verharren, dem noch die Spuren einer nächtlichen Party anhaften. »Es ist Sonnenaufgang.« Vögel zwitschern. Eine Blondine ("Häschen") hüpft im Nachthemd ("enthüllt alle Formen") von Bord. Ein Jüngling ("Bübchen") blinzelt ins Morgenlicht. Ein »älterer Viveur in seidenem Morgenrock« torkelt krächzend aus der Kabine und klemmt sich ein Monokel ins Auge.

Tremper: »Wumm! Ein kurzer heftiger Schlag haut in die Stille. Und nun springt die Kamera blitzschnell ans andere Ufer. Was ist geschehen? Ein Vopo-Fähnrich ist auf eine Mine gelaufen.«

In rasch wechselnden Kontrastaufnahmen will Tremper dann das tote Ufer der Sowjetzone und den belebten Badestrand auf Westberliner Territorium zeigen. Welcher Art von Effekten er sich dabei bedient, verrät

eine Drehbuch-Szene, die von einem verirrten Vopo-Hund am Westberliner Bade-Ufer handelt. Stimmen von Badegästen: »Jetzt schicken se schon Hunde rüber! Schmeißt ihn ins Wasser! Kommunistenhund!«

So drastisch wie die Drehbuchvorschriften des Autors Tremper sind auch die Anweisungen des Regisseurs Tremper. Mit Vorliebe benutzt er ein lautmalendes Vokabular, wie »Bruch-bruch«, »Krach-krach, oder »Wumm!«. Als der Darsteller Christian Doermer (SEDMann Baade) an einem der ersten Drehtage ausdruckslos im Schlamm umherkroch - die Wasser-Szenen werden auf der Westberliner Pfaueninsel gekurbelt -, brüllte Tremper: »Also, noch mal, Christian! Mmrräääh ... Rum jetzt ... mmrräääh, Christian ... mmrräääh ...«

Und Tremper prophezeit: Hier werden Sie einen Film sehen, der vielleicht hinten und vorne nicht stimmt - aber eins garantiere ich Ihnen: Tempo! Der Film wird die Leute nicht zum Atmen kommen lassen!«

Auf anspruchsvollere Art läßt Tremper sein noch unvollendetes Werk in einem Reklame-Aufsatz feiern, den er mittlerweile herumreicht. Sein »Wummkrach-krach«-Opus wird darin als »neuer Ansatz zur gesamtdeutschen Selbstkritik« gepriesen.

** Petronius: römischer Schriftsteller, der, am Hofe Neros als »Schiedsrichter in gutem Geschmacks fungierte und einen freimütigen satirischen Sittenroman verfaßte.

Regie-Debütant Tremper* (r.) Stimmt vielleicht hinten und vorne nicht

Schwabacher

Bei Dreharbeiten auf der Westberliner Pfauinsel. Links: Kameramann Günter Haase, Mitte: Darsteller Christian Doermer.

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