INTELLEKTUELLE Wut im Land des Lächelns
Die üblichen Verdächtigen sind schwer zu fassen. Elfriede Jelinek hat sich krank gemeldet, Robert Schindel macht Urlaub auf Kuba, und André Heller ist ohne Handy in der Welt unterwegs. Dabei kommt es grade jetzt auf jeden an. Die »Demokratische Offensive«, eine Ad-hoc-Formation von »Künstlern, Menschenrechtsorganisationen und Intellektuellen dieses Landes« ("News"), rief für den 19. Februar zu einer Kundgebung gegen die schwarz-blaue Koalitionsregierung auf. Hunderttausende wurden am Heldenplatz hinter der Hofburg erwartet, sie sollten »gegen Rechtsextremismus« und »für ein Europa ohne Rassismus« demonstrieren. Bei der letzten Kundgebung am 12. November 1999 ging es noch darum, eine Koalition unter Beteiligung der FPÖ zu verhindern, nun sollte der schwarz-blauen Regierung, die trotz des Einspruchs gebildet wurde, die rot-grüne Karte gezeigt werden.
Doron Rabinovici, 38, Historiker und Schriftsteller ("Suche nach M.") und in Wien so bekannt wie Prinz Orlofsky in der »Fledermaus«, sitzt im »Café Bräunerhof«, hat Eiernockerln bestellt und telefoniert. »Nein, heute gehe ich nicht auf eine Demo, heute gehe ich ins Kino.« Tatsächlich hat der Dichter und Agitator in den letzten Wochen mehr Demos mitorganisiert und auf mehr Kundgebungen gesprochen als Filme gesehen. Doron, sagen seine Freunde, ist ein »Organisationsgenie«. Immer unterwegs, immer sehr verbindlich und immer bestens informiert, hat er das »networking« zu einer Ganztagsbeschäftigung entwickelt.
»Die Situation ist prekär«, sagt Rabinovici, nachdem er das Telefonat beendet hat, »das Klima ist so, dass du nicht mehr normal Kunst machen kannst, weil du dauernd auf Politik zurückgeworfen wirst.« Auch seine eigene Arbeit leide unter den Umständen, er komme in den letzten Wochen kaum noch zum Schreiben, andererseits ließen sich grade jetzt wichtige Erfahrungen sammeln. »Es ist wie in einem Labor: Man kann sehen, wie Rassismus zur politischen Bewegung wird.«
Diese Erfahrung hat Rabinovici schon zu Anfang seiner politischen Sozialisation gemacht, vor 14 Jahren bei der Waldheim-Affäre. »Aber das war etwas ganz anderes. Waldheim hatte mit der Vergangenheit zu tun, er war ein Auslaufmodell, ein Witz. Haider ist ein Prototyp für die Zukunft, bei dem gefriert einem das Lachen.« Der Kärntner brauche keine Gesetze zu ändern. »Wenn die FPÖ an der Macht ist, ändert sich das Klima ganz von alleine.«
Rabinovici greift hinter sich, holt die »Neue Kronen-Zeitung« vom Nebentisch, ignoriert die Schlagzeile auf der Titelseite ("75 Prozent glauben, dass Ausland einlenkt!") und schlägt das Blatt auf. »Ich zeig dir was.« Die letzte Meinungsumfrage gibt der ÖVP-FPÖ-Koalition nur noch 47 Prozent, während SPÖ und Grüne zusammen auf 50 Prozent kommen. »So gesehen hat unser Protest einen Sinn. Wir machen Stimmung für eine Neuwahl.«
Dorons Handy meldet sich aus der Innentasche seines Nino-Danieli-Sakkos. Er muss ganz schnell rüber ins »Hawelka«, eine junge Französin treffen, die nach Wien gekommen ist, weil sie eine Doktorarbeit über sein literarisches Werk schreiben möchte, »obwohl ich erst zwei Bücher veröffentlicht habe«, einen Roman und einen Band mit Kurzgeschichten. Gott sei Dank, es gibt noch ein Leben jenseits von FPÖ und Jörg Haider.
Kaum hat Rabinovici den »Bräunerhof« verlassen, kommt Silvio Lehmann, 55, durch die Tür, Sekretär des »Republikanischen Clubs - Neues Österreich«; er wird vom Ober mit dem ortsüblichen »Grüß Gott, Herr Doktor« begrüßt, bestellt einen
»großen Braunen« und einen Fernet Branca, weil er erkältet ist, und macht sich über die Zeitungen her. »Die Skandalführerschaft in Europa liegt bei uns!«. »Libération«, »London Times«, »Süddeutsche« - alle haben Haider auf der Titelseite. »Österreich verwandelt ganz Europa in eine Operette. Vor allem die Franzosen geben uns ein Gefühl der Bedeutung.«
Lehmann vermutet, die »Präokkupation mit Österreich« komme daher, dass es »mit Deutschland nicht mehr geht«, da biete sich die kleine Alpenrepublik »als Ausweichziel« an. Natürlich nicht ganz unverschuldet. »Wir erleben ein klärendes Gewitter. Bis jetzt war alles latent. Nun kommen die Probleme auf den Tisch.« Was auch seine guten Seiten habe, unter anderem eine Wiederbelebung des Republikanischen Clubs, der letztens nur noch vor sich hindämmerte. »Wir sind ein antizyklisches Gewerbe. Die vergangenen Jahre waren schrecklich langweilig.«
Jetzt ist auch Lehmann »gefordert«, er muss organisieren, mobilisieren, die große Demo mit vorbereiten. »Ich stehe total unter Endorphin durch den Stress.« Nach dem zweiten Fernet Branca wird er etwas ruhiger. »Die ganze Welt fürchtet sich vor Haider, dabei ist er nur ein Provinzdressman, sein Problem ist nicht Nazismus, sondern Narzissmus, er wechselt dreimal täglich seine Garderobe, wir achten auf solche Sachen. Mit Haider ist ein maoistischer Alptraum wahr geworden: Die Dörfer haben die Städte erobert.«
Wenn das alles wäre, müsste sich Max Koch keine großen Sorgen machen. Der Sozialtherapeut, 1943 als Kind kommunistischer Exilanten im Moskauer Hotel Lux geboren, ist Sprecher der Initiative »SOS Mitmensch«, die 1993 zu einem »Lichtermeer« gegen Haiders Ausländervolksbegehren aufrief. Damals gingen 200 000 Österreicher auf die Straße. Heute, sagt Koch, stehen 20 000 Sympathisanten hinter »SOS Mitmensch«, die den Verein unterstützen. »Die Frage ist: Wollen wir eine Zivilgesellschaft oder eine Volksgemeinschaft? Bis jetzt waren wir eine unterentwickelte Zivilgesellschaft, mit Haider bewegen wir uns auf eine Volksgemeinschaft zu. Er macht eine faschistoide Stimmung, vor allem gegen Künstler und Intellektuelle.«
Da muss »Widerstand gegen die Regierungsmissbildung« aktiviert werden, denn Haider und seine Helfer sind »Ungustln, von denen wir uns nicht vertreten lassen möchten«, furchtbare Gestalten, »ungustiös und grauslich«, dass einem nur vom Hinschauen schlecht wird. »Die österreichische Form des Faschismus ist der Feschismus, dem Haider ist langweilig, er will was anzetteln.«
Ungustln, ungustiös, Feschismus. Wer die österreichische Politik verstehen will, braucht einen Übersetzer und sollte zumindest Anton Kuh gelesen haben. Dessen Frage »Warum denn sachlich, wenn''s auch persönlich geht?« war überhaupt nicht rhetorisch gemeint und wird noch immer mit simpler Bravour beantwortet. »Net mit denen!«, sagt Max Koch, das reicht, wer es genauer wissen möchte, zeigt nur, dass es ihm an Gespür mangelt. »Des gfoalt ma net!«, das gefällt mir nicht, sagt auch Klaus Maria Brandauer.
Der Burgschauspieler kann Haider und dessen Truppe nicht ausstehen ("Eine Katastrophe!"), ist allerdings privat mit Franz Morak, dem neuen Staatssekretär für Kultur, befreundet. Morak war, bevor er in die Politik ging, Schauspieler am Burgtheater und Ensemble-Sprecher. Jetzt spricht er von der »Normalisierung des politischen Systems«, die mit dem Regierungswechsel fällig gewesen wäre, und dass er, Franz Morak, »keine Koalition mit Haider« habe. »Ich möchte ihn auch nicht verteidigen. Ich bin ein Kulturschaffender in einem öffentlichen Amt. Das Gefährliche ist nicht der Haider, es ist der Haider in uns.« Er wolle »etwas erleben und gestalten, nicht kommentieren«, das sei »wie ein Abenteuerurlaub«.
Für das Abenteuer seines Lebens ist Franz Morak freilich nicht gut genug gerüstet. Bei einer öffentlichen Diskussion im Burgtheater, sonntags um elf Uhr morgens, sitzt er wie ein Bündel Elend auf der Bühne und biedert sich bei den Mitdiskutanten und dem Publikum an: »Wenn es nicht Vormittag wäre, wäre es ein toller Theaterabend.« Dann fleht er, man möge ihn erst mal machen lassen, er habe sich Großes vorgenommen: Die Einführung der Sozialversicherung für Künstler und die Digitalisierung der Nationalbibliothek. Da vergisst Brandauer kurz seine Freundschaft zu Morak und spielt den Kollegen mit einem Appell zum Widerstand an die Wand. »Ein Mensch wie Haider hat in der österreichischen Politik nichts verloren!«
Die Diskussion mit acht Herren und einer Dame aus dem österreichischen Kulturbetrieb ("Gehen oder bleiben - Ist die Freiheit der Kunst in Gefahr?") war als Beitrag des Burgtheaters zur aktuellen Lage gedacht, zeigte aber erst mal, wie gnadenlos unerwartet der Regierungswechsel die Kulturschaffenden an der Donau erwischt hat. Als wären sie von einem Sturm entwurzelt oder nächtens im Wald ausgesetzt worden, klagten sie einander ihr Schicksal und überlegten, welche Alternative die bessere wäre: auswandern oder die Stellung halten. Dass die Diskussion dennoch streckenweise sehr unterhaltsam war, lag weniger an den Diskutanten als an den Umständen. Herbert Fux, der alte Krawallo, pöbelte aus dem Zuschauerraum, und ein junger Mann mit einem Rucksack auf dem Rücken und einem Stapel Flugblätter in der Hand stieg auf die Bühne und ließ seine Hosen und Unterhosen runter - was dazu führte, dass sich die Debattierer die Provokation auf der Stelle verbaten ("So geht es nicht!") und Burg-Direktor Bachler den Störer eigenhändig von der Bühne manövrierte, bevor der etwas sagen oder seine Flugblätter loswerden konnte.
Denn wo es um die Freiheit der Kunst geht, können keine unautorisierten Eingriffe geduldet werden. »Die Intellektuellen sind wieder da!«, sagt Peter Huemer, 58, ORF-Kulturredakteur und Mitbegründer des legendären »Club 2«, der ersten politischen Talkrunde im österreichischen Fernsehen, »ohne den Protest der Künstler stünden wir schlechter da.« Während das amtliche Österreich sich »wie ein Geisterfahrer« verhalte - »wir gegen den Rest der Welt« -, würden die Künstler in dieser Situation »vernünftig reagieren«.
Als hätten sie nur darauf gewartet, das andere, das bessere Österreich zu repräsentieren, melden sie sich massenhaft zu Wort, werden gefragt und endlich ernst genommen. Die Vorstellung findet im Foyer und auf der Straße statt, und gespielt wird en suite. Unerhörtes, noch nie Dagewesenes zeigt sich in aller Öffentlichkeit.
Maskierte Demonstranten stürmen das Burgtheater, besetzen die Bühne, und der Hausherr holt nicht die Polizei. Über dem Schauspielhaus weht eine schwarze Fahne, und Studenten der Hochschule für Angewandte Kunst verkleiden das Gebäude am Stubenring mit einem Riesentransparent: »Die Kunst der Stunde ist Widerstand«.
Es ist freilich eine sehr österreichische Form des Widerstands, die da praktiziert wird, ein bisschen Tante Jolesch, ein wenig Graf Bobby und ganz viel G''schichten aus dem Wiener Wald. Die Dramatikerin Elfriede Jelinek ("Ich sage jetzt schon immer dasselbe, wie ein Papagei") kündigt an, sie werde das Land verlassen, überlegt es sich dann anders ("Ich muss da bleiben, wegen meiner alten Mutter") und schickt ihre Stücke in die Emigration. »Da ich also nicht gehen kann, können wenigstens meine Stücke weggehen.« Sie habe ihren Verlag bereits angewiesen, an Österreich keine Rechte mehr zu vergeben.
Die Aktionskünstlerin Valie Export lehnt die Annahme des Oskar-Kokoschka-Preises zuerst ab, erklärt sich dann aber doch bereit, die mit 250 000 Schilling dotierte Ehre zu akzeptieren, wenn ihr der Preis nicht von einem Mitglied der Regierung übergeben werde. Der Sänger Rainhard Fendrich sagt dem Magazin »News«, er werde gehen, »wenn Blau-Schwarz kommt«, und erklärt danach dem Magazin »profil«, wie er es gemeint hat: »Das ist wie in einer Beziehung, wo man sagt: Wenn das und das passiert, gehe ich - aber dann geht man doch nicht. Ich glaube, es wäre jetzt der falsche Moment, das Land zu verlassen«, denn nun müsse endlich »Vergangenheitsbewältigung und Trauerarbeit« geleistet werden.
Österreichs Widerständler haben, wie Fendrich, ein echtes Beziehungsproblem. Bei einem Treffen von Journalisten, Künstlern und frustrierten SPÖ-Wählern klagen die Teilnehmer, sie wären »von der Macht abgeschnitten«, weil sie keinen Minister mehr direkt anrufen könnten, und überlegen, ob sie ein »Schattenkabinett« bilden oder »rassismusfreie Zonen« ausrufen sollten. Vermutlich rund um die Cafés »Prückl« und »Landtmann«, wo sich die fortschrittlichen Kreise gern versammeln.
Auch Exil-Österreicher greifen in die Kämpfe ein, um die Heimatfront zu stärken. Robert Fleck, ehemaliger »Bundeskunstkurator« und heute Direktor der Kunsthochschule von Nantes, teilt aus Frankreich mit, Haiders FPÖ sei »die direkte Fortsetzung der Nationalsozialistischen Partei«, man müsse sich »darüber im Klaren sein, dass man in einem Land, in dem die Nazis wieder Regierungsverantwortung tragen, nicht mehr ausstellen kann«. Er breche »alle Vorhaben in Österreich ab« und »suche um eine andere Staatsbürgerschaft an«. Denn: »Ich bin kein Österreicher mehr.«
Aus New York meldet sich der gebürtige Tiroler und Architekt Raimund Abraham, der seit 35 Jahren in den USA lebt. Er baut gerade das neue Österreichische Kulturinstitut, das 2001 eröffnet werden soll.
Er wolle den Bau fertig stellen, »das bin ich der Architektur schuldig«, allerdings werde er »an der Eröffnung nicht teilnehmen«. Um der Drohung Nachdruck zu verleihen, kündigt Abraham sofortige Sanktionen an, er »lege seinen österreichischen Pass zurück und werde US-Bürger, so lange, bis Österreich wieder eine akzeptable Regierung hat«.
Widerstand, wohin man schaut. Wer keinen leisten will oder kann, fühlt sich verpflichtet, sein Verhalten öffentlich zu begründen. Wie der Schriftsteller Franzobel, der auf den Vorwurf, ihn würden die Ereignisse wohl nicht erschüttern, erwidert, seine zurzeit in Klagenfurt gespielte »Zauberposse samt Striptease ''Olympia''« lasse sich »ganz eindeutig als Parabel auf die gegenwärtigen politischen Geschehnisse verstehen«. Und anders als Elfriede Jelinek könne er sich »einen Österreich-Boykott schon finanziell nicht leisten«, er habe »zehn Jahre lang« an seinem neuen Roman gearbeitet, »den ich schon aus Eitelkeit nicht opfern will«.
Wer in diesen Tagen die österreichische Hauptstadt besucht, glaubt sich in eine Operette versetzt, die auf einer Freilichtbühne am Rande eines Abgrunds aufgeführt wird. Einerseits war die anspruchsvoll verschnarchte Stadt lange nicht mehr so aufgekratzt. Zum ersten Mal seit Waldheim gibt es wieder einen öffentlichen Diskurs, lohnt es sich, die Zeitungen zu lesen. Andererseits ist das ständige Gerede vom »Widerstand« kaum auszuhalten, der Rekurs auf
den einzigen Satz von Karl Kraus, den sogar die Leser der »Neuen Kronen-Zeitung« kennen - »Wien - die Versuchsstation für den Weltuntergang« -, eine selbstgefällige Verrenkung. »Die Intellektuellen haben sich verschlissen, sie produzieren nur noch Stehsätze«, sagt Ossi Bronner, 57, Herausgeber des »Standard«, der einzigen linksliberalen Tageszeitung Wiens, »was immer an Widerstand stattfindet oder stattfinden wird, es ist niemand in Lebensgefahr oder in existenzieller Gefahr, der Vergleich Haider-Hitler vollkommen absurd und die Analogie zur Nazi-Zeit albern.«
Mit dieser Ansicht steht Bronner nicht allein da, aber es sind nicht allzu viele, die ihm zustimmen würden. Die Haltung zu Haider ist für etliche Intellektuelle ein Lackmustest auf die eigene Anständigkeit und auch eine schöne Gelegenheit, endlich »Wir als Österreicher ...« sagen zu können, natürlich mit einem kritischen Unterton, nicht so affirmativ wie die dumpfen Haider-Wähler. Die Frage, wer die guten und wer die besseren Österreicher sind, kann leider nicht beim Heurigen entschieden werden.
»Ich hab das nicht notwendig, ich war schon immer in der Opposition«, sagt der Bildhauer Alfred Hrdlicka, 71, und gießt sich einen »Stolichnaya«-Wodka ein. Ausgerechnet Österreichs dienstältester Poltergeist verweigert jede Aufregung. »Ich verstehe diese ganze Hysterie überhaupt nicht.« Er habe bei den letzten Wahlen als »Spitzenkandidat der KPÖ« in Kärnten kandidiert und den Stimmenanteil der Partei »glatt verdoppelt«. Das reichte zwar nicht für ein Mandat, war aber ein moralischer Sieg gegen Haider. Den habe er vor Jahren »bei einer Fernsehdiskussion« kennen gelernt. »Da hat er zu mir gesagt: ''Sie sind ein Stalinist.'' Da hab ich zu ihm gesagt: ''Sie sind ein Nazi.'' Und damit war der Fall erledigt zwischen uns beiden.«
Haider, sagt Hrdlicka, ist »ein kluger Opportunist« und »Schüssel ein Schweinehund, der unbedingt Kanzler werden wollte«, aber »eine Katastrophe ist das alles nicht«. Der Rücktritt von Lafontaine war »eine viel schlimmere Sache als das, was sich hier in Österreich abspielt«. Es gehe nicht um Politik, sondern um Privilegien. »Die Intellektuellen in diesem Österreich sind total verweichlichte Leute. Nun haben sie plötzlich Angst, dass es ihnen nicht mehr so gut geht. Und der Herr Klima ist beleidigt, dass er nicht mehr Kanzler ist. Da kann ich ihm auch nicht helfen.«
Zu den intellektuellen Weicheiern, von denen Hrdlicka spricht, gehört Robert Menasse, 45, ganz gewiss nicht. Seine Gegner schimpfen ihn »Haiders Lieblingsphilosoph«, obwohl er bei den letzten Wahlen grün gewählt hat und den Kärntner Landeshauptmann »extrem widerlich und abstoßend« findet. Aber Menasse, der sich mit Romanen und Essays einen Namen gemacht hat, sagt auch: »Haider ist die demokratische Folge der demokratischen Unreife Österreichs« und »Haider ist die Chance zu einer Katharsis«. Es habe keinen Rechtsruck gegeben. »Wenn etwas nach rechts gezogen wurde, dann der Vorhang, der den Blick freigibt.«
Mehr als 40 Jahre habe es eine Regierung ohne Opposition gegeben, ein Parlament ohne freie Parlamentarier, ein System der Absprachen und Kungeleien. »Man konnte die Verfassung nahtlos ersetzen durch den Satz: Österreich ist eine demokratische Republik. Alle Macht geht von der Gewohnheit aus.«
Menasse lacht über die Pointe und bereitet die nächste mit dem Satz vor: »Wissen Sie, was noch komisch ist?« Dies: »30, 40 Jahre lang haben die linken Intellektuellen versucht, das Problem zu thematisieren, vergeblich, dann kommt einer wie Haider und hat damit Erfolg. Und jetzt verteidigen sie den Status quo, den sie früher bekämpft haben. Die kritische Intelligenz hat auch ihre Gewohnheiten, die sie nicht aufgeben will.«
Und ein kurzes Gedächtnis obendrein. Als Adolf Schärf in den fünfziger Jahren für das Amt des Präsidenten kandidierte, tat er dies mit dem Slogan: »Wer einmal schon für Adolf war, wählt Adolf auch in diesem Jahr.« Und kein Mensch regte sich auf, denn Schärf war ein SPÖ-Mann.
»Es ist ewig bei allem nur gegrinst worden. Man hat sich lächelnd verständigt. Nun erleben wir das Ende vom Land des Lächelns.«
Dafür müssten die Österreicher »dem Haider dankbar sein«, ebenso wie die Europäische Union, die »an einem kleinen Land die Errichtung eines europäischen Überbaus« übt. Deswegen sollte in Brüssel ein Denkmal für Haider errichtet werden: »Dem nützlichen Idioten!«
Möglicherweise unterschätzt Robert Menasse Haiders Qualitäten, sein Talent, sich auf wechselnde Situationen einzustellen. Peter Turrini, 55, neben Elfriede Jelinek Österreichs bekanntester Dramatiker, hat vor kurzem erlebt, wie Haider ihn zum nützlichen Idioten machen wollte.
Anfang des Jahres fragte die Kärntner Landesregierung bei Turrini nach, ob er bereit wäre, einen hohen Orden des Landes Kärnten anzunehmen. »Es hätte eine Ehrenpension auf Lebenszeit und ein Ehrengrab in Klagenfurt bedeutet«, sagt Turrini, dessen Vater, ein Kunsttischler, in den dreißiger Jahren aus Italien nach Österreich einwanderte. Turrini lehnte dankend ab. »Die einzige Ehre, die einem Schriftsteller zukommt, ist die Beschäftigung mit seinem Werk.« Außerdem, ließ er die Landesregierung wissen, gebe es für die Ablehnung noch einen zweiten Grund:
Der Landeshauptmann von Kärnten stehe einer Partei vor, »die mich seit Jahren in der österreichischen Öffentlichkeit diffamiert«.
Daraufhin bat der Landeshauptmann den Dramatiker um ein Gespräch. Turrini antwortete, er sei von Haiders Partei kontinuierlich verleumdet worden, und nannte konkrete Beispiele. »Und jetzt kommen Sie und wollen ein persönliches Gespräch führen, gerade so, als sei nichts gewesen. Aber es ist zu viel gewesen.«
Haider ließ nicht locker. Er schrieb Turrini einen Brief, in dem von »Misshelligkeiten« die Rede war, »die sich in den zurückliegenden Jahren angesammelt haben«, und bat Turrini, »zu bedenken, dass auch ich nicht ''ungeschoren'' geblieben bin«. Es gehe ihm darum, »die unguten Konfrontationen der Vergangenheit schrittweise abzubauen« und »einen neuen Anfang zu wagen«. Er werde sich deswegen »erlauben, gelegentlich wieder an Sie heranzutreten«.
Haiders Brief an Turrini ist ein Paradebeispiel diplomatischer Eleganz und verbaler Unverbindlichkeit. Ohne irgendetwas zurückzunehmen, entfaltet er wolkigen Charme und stellt Fallen auf. Hätte Turrini die Einladung und die Auszeichnung angenommen, wäre Haider der Nutz-nießer der Umarmung gewesen: ein liberaler Landesvater, großzügiger Förderer der Künste, dem die Ressentiments seiner Parteibasis gegenüber sperrigen Kopfarbeitern egal sind.
»Wir werden es noch erleben«, prophezeit Turrini, »dass Haider nach Mauthausen fährt und die Opfer der Nazis ehrt, ohne sich dafür zu schämen, dass er die Konzentrationslager einmal Straflager genannt hat.« Turrini seinerseits denkt nicht daran, das Land zu verlassen oder seine Stücke nur noch im Ausland spielen zu lassen. »Ich verteidige mein Österreich gegen Haiders Österreich.«
Es könnte eine längere Strecke werden. Und erst am Ende wird man wissen, ob es eine Operette, eine Farce oder eine Tragödie war.
* Mit Klaus Bachler, Luc Bondy (1. u. 2. v. l.) am 13. Februar.* Mit Luc Bondy (v.) am 2. Februar in Wien.