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VARTAN-HALLYDAY Yeah, yeah, yeah

• aus DER SPIEGEL 18/1965
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Loconville (Oise), 53 Kilometer nördlich von Paris, prügelten sich 150 Polizisten mit 200 Photographen und 1500 kreischenden Fans. Vom Tumult nur durch Mauern getrennt, traute der Ortsgeistliche von Loconville, Abbé Sironval, das Paar Sylvie Vartan, 20, und Johnny Hallyday, 21, Frankreichs zur Zeit populärster U-Musik -Sänger. Als die Braut auf die übliche entscheidende Frage ihr Ja hauchte, errötete sie photogen, obwohl sie mit ihrem Johnny Hallyday, der, in der Kirche angekommen, sich zunächst einmal die Schuhe mit einem weißen Taschentuch geputzt hatte, bereits seit drei Jahren verlobt war.

Sylvie Vartan trägt vor dem Gesetz jetzt den bürgerlichen Familiennamen Hallydays (Jean-Philippe Smet), wird aber aus gutem Grund bei ihrem publicityträchtigen Mädchen- und Markennamen bleiben: Mit bislang mehr als fünf Millionen verkauften Schallplatten hat das semmelblonde, meist Liebeslieder schluchzende Teenagervorbild ihre französischen Konkurrentinnen Francoise Hardy und Sheila auf die Plätze verwiesen.

Hallydays massenwirksames Kapital ist anatomisch bedingt. »Big Johnny« kann besser mit den Hüften wackeln als weiland Elvis ("The Pelvis") Presley, besser mit den Beinen schlenkern als einst Peter Kraus und intimer mit dem Mikrophon umgehen als Chubby Checker ("Let's twist again"). Da er außerdem eine Elektrogitarre virtuos handhaben kann, haben seine Verehrer bislang mehr als zwanzig Millionen Platten und (allein in Paris) 200 000 Gitarren gekauft.

Das singende Ehepaar ist nicht nur in der Unterhaltungsbranche eine wirtschaftliche Großmacht, es vergrößert das französische Brutto-Sozialprodukt auch auf Umwegen: Weil Johnny Hallyday Motorräder liebt, kaufen seine Fans Motorräder; weil Sylvie Vartan Bluejeans trägt und Pullover - »mit nichts drunter« ("New York Herald Tribune") - und ihr Haar wuschelig, mußte die Mode-Industrie umdisponieren. Seit anderthalb Jahren werden die Pariser Champs-Elyées nicht mehr von Brigitte -Bardot-Imitationen und Amerikanern bevölkert, sondern von Amerikanern und Sylvie-Vartan-Abziehbildern.

Ehe und Erfolg der Vartan und des Hallyday (der sein Künstlerpseudonym einer amerikanischen Ziehtante verdankt) wären nicht möglich gewesen ohne Daniel Filipacchi.

Der Franzose mit dem italienischen Namen hatte im Sommer 1959 beim Sender »Europa I«, der unweit der französischen Grenze auf saarländischem Territorium ausschließlich Schlager, Rock-'n'-Roll, Twist, Hully-Gully und alle neuen Modetanzrhythmen ausstrahlt, eine wöchentliche Sendung mit dem Titel »Salut les Copains« (Hallo, Kumpels) begonnen.

Die neue Ätherwelle hatte bei Copains und Kumpels ein so starkes Echo, daß Filipacchi vom 19. Oktober 1959 an seinen Weckruf täglich rundfunken mußte. Im August 1962 schließlich gründete er ein Druck-Pendant, die Monatszeitschrift »Salut les Copains«, deren verkaufte Auflage bereits auf mehr als anderthalb Millionen Exemplare gestiegen ist.

Smet-Hallyday, vordem nur als schlaksiger 18jähriger 180-Zentimeter -Mann beim Publikum der Pariser Nachwuchskneipe »Golf Drouot« bekannt, war einer der ersten Jungfranzosen, die in Filipacchis Sendung singen durften. Als die Zeitschrift erschien, war Hallyday bereits so bekannt, daß Filipacchi ihm in der ersten Nummer eine Kolumne reservierte. Im Oktober 1962 teilte Hallyday seinen Lesern mit: »Ein wichtiges Datum in meinem Leben: Ich rasiere mich zum erstenmal.«

In der ersten Ausgabe des Copain -Blattes wurde auch die Karriere der in Bulgarien geborenen Sylvie Vartan signalisiert. Ihr Debüt hatte sie damals schon hinter sich; sie war im Dezember 1961 zum erstenmal im Pariser »Olympia« aufgetreten, in jener Halle, durch die jeder gegangen sein muß, der das Gold seiner Kehle schürfen will.

»Olympia« und »Salut les Copains« arbeiten zusammen: Wer in der Singarena reüssiert, wird fürderhin von Filipacchi publizistisch betreut - darf in seinen Sendungen singen und in seinem Blatt schreiben. Obwohl die Vartan nach ihrem erfolgreichen »Olympia«-Start von mißgestimmten Fans noch so manches Mal mit faulen Tomaten beworfen wurde (weil die Verstärkeranlage ausfiel oder weil Sylvie Vartan ihren Kollegen Hallyday allzu offen anschwärmte), konnte sie nicht mehr in der Anonymität verschwinden, seit die Copains sie als Vedette« (Star) feierten. Frankreichs Chansonnier Charles Aznavour schrieb daraufhin für die Vartan sogar einige Lieder.

Sylvie Vartans Leitbild und Liebhaber »Big Johnny« wurde von Filipacchi am 22. Juni 1963, in der »Nacht der Nation« ("L'Express"), auf den bislang höchsten Erfolgsgipfel gehievt: Mehr als 150 000 Copains hatten an jenem Abend Filipacchis Aufforderung befolgt und sich auf dem Pariser »Platz der Nation« versammelt, um ihr Idol singen zu hören. Geführt von Ordensschwestern, waren ganze Mädcheninternate neben den »Blousons noirs« (Frankreichs Halbstarken) aufgezogen - und alle kreischten im Takt den Schlachtruf aller Beatles: Yeah, yeah, yeah! Rund um den Platz brach der Verkehr zusammen.

Der Aufstand der Massen beeindruckte sogar den Staatspräsidenten de Gaulle: »Diese Jungen sind voller Vitalität, schickt sie zum Straßenbau.«

Über diesen Ausspruch erregten sich postwendend Frankreichs Kommunisten: »Der Gaullismus«, so eiferten sie, »entfesselt da eine Offensive mit folgendem Ziel: Die Erwachsenen sollen in jedem Jungen einen Wilden sehen, der auf dem Sprung ist zu beißen.«

Kommentierte Daniel Filipacchi: »Die sind ja beide nur eifersüchtig, weil heute kein Politiker so viele Menschen auf die Beine bringt wie Johnny und Sylvie.«

Die französische Industrie schätzt den Markt auf rund 18 Millionen Teenager, die jährlich mehr als fünf Milliarden Mark ausgeben und die fast alle ihr eigenes Transistorgerät und ihren eigenen Plattenspieler besitzen. 1966 wird die französische Nation zu 39,8 Prozent aus Teenagern bestehen.

Sylvie Vartan und Johnny Hallyday begnügen sich zudem nicht mit Frankreich, zur Zeit stoßen sie auf deutsches Terrain vor. Sylvie Vartan besingt Teldec-Platten ("Mister Moonlight', »Ja oder nein«, »La, la, la"), Johnny Hallyday, der ein eigenes Unternehmen hat (sieben Musiker, zwei Sekretäre, ein Texter, ein Verwalter, ein Beleuchter, ein Toningenieur, ein Manager und ein Vetter), wurde von der deutschen Philips geheuert. Seine jüngste Platte ("Laß die Leute doch reden") ist, ehe sie auf den Markt kam, vom Handel 12 000mal geordert worden.

Nach der ehelichen Verbindung der beiden Jung-Unterhalter hoffen Hallyday und sein Manager Johnny Stark, daß die Ehepartner ebenso beliebt bleiben wie vor der Hochzeit - daß es ihnen nicht wie den verheirateten Beatles ergehe, die mit Protesten überhäuft wurden.

Der Publicity wegen mußte Hallyday, der augenblicklich im badischen Offenburg in der französischen Armee dient, bereits während der Verlobungszeit öffentlich als Damenbegleiter auftreten: Er attachierte das Filmsternchen Catherine Deneuve und das Photomodell Patricia Viterbo. In Hallydays Vertrag mit Stark steht, daß der Sänger seinem Manager für eventuell durch die Heirat entstehende Finanzschäden Ersatz leisten muß.

Sänger-Ehepaar Smet: Wirtschaftliche Großmacht

Teenagerblatt »Salut les Copains«

De Gaulle war beeindruckt

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