Yeah, Yeah, Yeah - DER SPIEGEL
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POPMUSIK Yeah, Yeah, Yeah

Teenager fallen wieder in Ohnmacht: Mit Platten-Wiederveröffentlichungen, Musicals, Film-Reprisen, Hit-Remakes und Souvenir-Basaren ist ein neuer Beatles-Boom ausgebrochen. Die Wiedervereinigung bleibt aus.
• aus DER SPIEGEL 10/1975
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Daß irgendwann eine Beatles-Nostalgie anheben würde, war zu erwarten, nicht aber, daß es so schnell geschieht. Neun Jahre nach dem letzten Bühnenauftritt der glorreichen Vier, fünf Jahre nach ihrer letzten Plattenproduktion, verzeichnen Unterhaltungsmedien und Musikmarkt einen neuen, mächtigen Beatles-Boom.

Als das ZDF unlängst die alten Beatles-Spielfilme »Yeah, Yeah, Yeah« und »Hi-Hi-Hilfe« zeigte, waren etwa 40 Prozent der TV-Geräte in Betrieb. Das Lichtspiel »Yellow Submarine« soll demnächst auf den Bildschirm kommen; Funk-Jockeys holen die beliebten Oldies von »I Want To Hold Your Hand« (1963) bis »Let lt Re« (1970) wieder aus dem Archiv.

1974 führten die Beatles in der Kategorie Popgruppen abermals die westdeutsche Plattenbörse an: Von ihren beiden 1973 veröffentlichten Doppelalben mit früheren Bestsellern wurden in der Bundesrepublik eine Million Exemplare abgesetzt; die 19 zu Lebzeiten der Gruppe erschienenen LP-Titel erreichten dagegen nur eine deutsche Gesamtauflage von acht Millionen. Und als Rock-Star Elton John kürzlich mit ein bißchen Hilfe seines Freundes John Lennon den Hit »Lucy In The Sky With Diamonds« auffrischte, rangierte die Remake-Single binnen kurzem in den amerikanischen »Hot 100« auf Platz eins.

Gleich zwei Bühnenstücke um die Karriere der Beatles und mit Musik von ihnen wurden im vergangenen Jahr uraufgeführt. In Liverpool, Heimat der einstigen Pilzköpfe, war das Musical »John, Paul, George, Ringo... and Bert« derart erfolgreich, daß es seit dem 15. August, neunmal pro Woche, auch im ständig ausverkauften Londoner Lyric Theatre gegeben wird.

Halbdokumentarisch, mit projizierten Schlagzeilen und Photos von der historischen Beatles-Hysterie, erzählt Autor Willy Russell die Story des Quartetts als Paraphrase auf den Aufstieg und Niedergang des Römischen Imperiums: ein beispielloses Anwachsen von Ruhm und Reichtum bis zum Kollaps, bis zum Abgleiten in »Drogendekadenz, Mystizismus und Kommerzialismus«.

Kurz vor Weihnachten hatte in New York ein noch spektakuläreres Beatles-Musical Premiere. In der von ihm seit »Hair« und »Jesus Christ Superstar« gewohnten Knockout-Dramaturgie ließ Regisseur Tom O'Horgan unter dem Titel »Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band on the Road« überdimensionale Puppen tanzen: Plastikballons in Menschenform. Aus 25 Songs von John Lennon und Paul McCartney hat er ein obskures Märchen konstruiert.

Rock-Star Billy Shears alias Mr. Nowhere Man, so das Libretto, liebt zum Mißvergnügen seiner Manager, der Maxwell's Silver Hammermen, eine Miss Strawberry Fields. Um ihn an sich zu binden, liefern ihn die Hammermen der Sex-Künstlerin Lucy in the Sky sowie mittels einer magischen Brille phantastischen Halluzinationen aus. Erst dann findet er zur Realität zurück, als das liebe Fräulein Erdbeerfeld von den Managern ermordet und vom großen Sergeant Pepper wiedererweckt worden ist.

New Yorks Theaterkritiker ließen an der Show, mit der O'Horgan seit Anfang Januar in der US-Provinz gastiert, kein gutes Haar. Sie zeige, urteilt »Time«, daß vom infantilen Jugend-Kult der sechziger Jahre mit seiner Drogen-Verherrlichung und seinen vielen Mini-Revolutionen nichts mehr zurückgeblieben sei als eine Serie von schlechten Träumen. Die neue Popularität der Beatles-Songs zeigt aber auch, daß ein Großteil der heutigen Jugend die Träume von damals weiterträumen möchte.

Weit über die Hälfte der 8000 Besucher eines riesigen Beatles-Basars, der vergangenen September an zwei Tagen im New Yorker Commodore-Hotel abgehalten wurde, ging zur Zeit der ersten Beatles-Konzerte in den USA 1964 noch in den Kindergarten. Aber die Stimmung erinnerte an damals: Schon die Nennung der Namen John Lennon und Paul McCartney löste Schreie und Ohnmachtsanfälle aus.

Beatles-Souvenirs erzielten im Commodore, wie zwei Monate davor bei einer ähnlichen »Beatle Convention« in Boston, Rekorderlöse. Für ein Fan-Magazin von 1964 wurden 20 Dollar, für einen nicht verwendeten Plattencover-Entwurf 225 Dollar, für seltene Photos von 1961 bis zu 750 Dollar angelegt.

Verwirrt fragte die Zeitschrift » Rolling Stone« mit einer Beatles-Songzeile (aus »Eleanor Rigby"): »All the lovely people, where do they all come from?« Der Londoner »Melody Maker« versuchte in einer auf drei Zeitungsseiten abgedruckten Diskussion zwischen Rockmusikern und Kritikern die Motivation »all dieser einsamen Teenager« herauszufinden. Übereinstimmende Meinung der Disputanten: Das Publikum verlange nach Leitbildern, die das ausgelaugte Pop-Business heute kaum mehr anzubieten hat.

Sicher ist, daß dieses im Schaugewerbe einzigartige Quartett alle Normen des Tourneegeschäfts sprengen würde, könnten sich die vier Musiker zu einer gemeinsamen Rückkehr auf die Konzertbühne entschließen. Impresario Shep Gordon, der eine USA-Tournee der Beatles vor zwei Millionen Fans bei Eintrittspreisen von zehn Dollar kalkuliert hat, rechnete sich einen Bruttoerlös aus allen Rechten und Nebenrechten von rund 50 Millionen Dollar aus.

Aber die Chancen der Wiedervereinigung sind geringer denn je. Anfang Januar wurde die Gemeinschaft vor einem Londoner Gericht auch juristisch aufgelöst und die Eintragung »Beatles and Company« im Handelsregister getilgt. Dennoch verdient jeder Ex-Beatle aus alten Rechten und neuen Solo-Aktivitäten mehr Geld als zur Ensemble-Blütezeit »Warum sollte ich mich denn wieder in die Sklaverei begeben?« fragte George Harrison. John Lennon bekräftigte: »Dieser Traum ist endgültig vorbei.«

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