Thriller Zar und Hintermann
Im Sommer 1999 stand Rußland auf der Kippe zum totalen Chaos. Alle Gewalt ging von Mafia-Banden aus, der Rubel rollte ins Wesenlose, Mißernten und Arbeitslosigkeit überzogen das Land mit Hunger und Elend. Und Rußlands Präsident, seit langem ein kranker Mann, starb am Herzinfarkt.
Wann wird der Retter kommen diesem Lande (Schiller, »Wilhelm Tell")? Er ist schon da. Der britische Schafzüchter und Hochseefischer Frederick Forsyth, 58, reich und weltberühmt geworden mit Polit-Thrillern wie »Der Schakal« und »Die Akte Odessa«, reißt das Steuer herum: Die Russen kriegen wieder einen Zaren.
Vorerst mal nur in Forsyths jüngstem Hochspannungsthriller mit dem Titel »Das Schwarze Manifest"*. Und weil in Old England mehr stellungslose Royals Tee trinken als im Rest der Welt, hat Forsyth unter ihnen tatsächlich einen potentiellen Herrscher aller Reussen ausbaldowert: einen Adelsmann aus dem Hause Windsor, Prince Michael of Kent, 54; er ist bart- und blutsmäßig (zu fünf Achteln) mit der alten Zarendynastie verwandt, jenen Romanows, die Lenin hatte meucheln lassen.
Prince Michael, berichtet Forsyth, habe »Das Schwarze Manifest« gelesen, und die Berufsaussichten hätten ihm »geschmeichelt«. Noch ist es drei Jahre hin bis zur vom Dichter visionierten Wende; man wird sehen. Mitunter freilich trifft wirklich ein, was Forsyth sich so ausdenkt.
Der Mann hat nämlich nicht nur eine große, sondern auch eine feine Nase. Als jüngst aufkam, daß die Nazis ihr geraubtes Gold in Schweizer Bankverliesen versenkt hatten, zog Forsyth triumphierend seine alte »Akte Odessa« (1972) hervor: Da stand schon alles drin über Gold, SS und Schweiz. Und mit der Abgeklärtheit, die das Leben auf dem Lande mit sich bringt, kommentierte er: »Als Bauer weiß ich, daß es manchmal sehr lange dauert, bis man die Ernte einfahren kann.«
Zurück ins Jahr 1999 und unter Mütterchen Rußlands Röcke. In jenem Sommer, wenige Monate vor der Präsidentenwahl im Januar 2000, machen ein Mann und seine Partei, die »Union Patriotischer Kräfte«, gewaltig Furore. Der Mann, ein »leidenschaftlicher und charismatischer Volksredner« mit »hypnotischen haselnußbraunen Augen«, will Rußland erwecken und retten.
Den Arbeitslosen verspricht er Arbeit, den Alten Wohlstand, den Soldaten neue Ehren. Er beschwört die »glorreiche Vergangenheit« der Nation, er wütet gegen Ausländer und die Handlanger des ausländischen Kapitals, er hält sich eine schwerbewaffnete »Schwarze Garde«, wird zuweilen zu einem »kreischenden, tobenden Dämon« und kann zu ausländischen Staatsmännern sehr nett sein. Er heißt nicht Adolf Hitler, sondern Igor Komarow.
Keiner weiß, ob da ein Messias oder ein Miststück die Macht ergreifen will; denn ein »Mein Kampf« des Igor Komarow, ein Credo seiner letzten Ziele, liegt nicht vor. Ein Top-secret-Papier des Komarow liegt aber auf dem Schreibtisch eines seiner Kumpane; dort findet es ein alter Putzmann, dem wird beim Lesen schwarz vor Augen, und so schmuggelt er das »Schwarze Manifest« in die Hände des Britischen Botschafters.
Den Briten gehen die Augen über. Denn Komarow plant einen Einparteienstaat, Arbeitslager für Dissidenten, eine »Endlösung der Judenfrage«, nukleare Wiederaufrüstung, Expansion zu einem Großreich, Aufstocken der »Schwarzen Garde« zu einem 200 000-Mann-Heer. Und diesem Trupp der »Herrenrasse« obliegt es, »die Sonderbehandlung von Asozialen« zu übernehmen, »Liberale, Journalisten, Geistliche, Homosexuelle und Juden«. Sponsor ist ein Gangstersyndikat.
Wer greift da dem Schicksal in die Speichen, fällt dem Unhold in die Zügel, wirft sich vor den Zug? Ein alter Fuchs aus Britanniens Bond-Kontor, dem MI 6; und als dessen langer Arm ein alter Haudegen der amerikanischen CIA, schön biblisch Jason Monk genannt. Die beiden leben schon im Ruhestand, der eine hackt Kartoffeln, der andere fischt auf hoher See.
Forsyth, seit jeher kein psychologischer Innendekorateur, zieht den Kampf gegen Komarow wie ein gigantisches Geländespiel auf, mit Finten, Volten, falschen Fährten und geheimnisvollen Hintermännern; auch mit gewaltigen Rückblenden in die gute alte Zeit, als die Welt noch übersichtlich und Spionage prima war, im Kalten Krieg.
Er hat wieder mächtig recherchiert, vor Ort in Moskaus Straßen wie in Englands genealogischen Archiven; jedes Stück Eisen, ob zum Knallen oder zum Fahren, trägt den authentischen Namen; und selbst beim blutigen Showdown in Moskaus Kreml, im Museumssaal der historischen Kutschen, schießt Jason Monk, mit seiner »Sig Sauer«, von gesicherten Tatsachen aus: von der »Staatskarosse, die Elisabeth I. von England im Jahr 1600 Boris Godunow zum Geschenk gemacht hatte«.
Wieder mal die Welt gerettet; und neben dem Prince Michael of Kent weiß nun auch der »Patriarch von Moskau und aller Russenländer«, der gegenwärtig amtierende Kirchenfürst Alexij II., was auf ihn zukommen kann: Auf dem Flughafen Wnukowo wird er, am 1. März 2000, den neuen Zaren begrüßen, und unter Zwiebeltürmen ertönt frommer Gesang.
Weltgeschichte im voraus geschrieben: Das wäre, ums Jahr 1930, auch spannend gewesen. Damals lag ein finsteres Manifest, »Mein Kampf«, längst vor; und der Autor schaffte es trotzdem.
* Frederick Forsyth: »Das Schwarze Manifest«. Aus demEnglischen von Wulf Bergner, Peter Pfaffinger und Bernhard Robben.C. Bertelsmann Verlag, München; 576 Seiten; 48,80 Mark.