KUNST Zauberer des Lichts
Im Jahr 1852 veröffentlichte der Illustrator Paul Nadar, der später als Fotograf berühmt werden sollte, in einem Pariser Magazin eine seltsame Karikatur. Sie zeigt, in Profilpose, einen hageren Kopf, aus dem die Augen herausquellen. In der Unterzeile heißt es, diese »merkwürdige Figur« sei ein »junger Stipendiat der niederländischen Regierung«, jemand, der »meisterhafte Seestücke« male: Gemeint ist der Künstler Johan Barthold Jongkind, damals 33 Jahre alt und in Paris stadtbekannt als Ausnahmetalent - und als trinkfreudiger Exzentriker.
Erst wenige Jahre zuvor war Jongkind (1819 bis 1891) in die flirrende Metropole gezogen und hatte es dort seither ziemlich wild getrieben. Er, der Sohn eines Steuereintreibers, verprasste das vom holländischen Königshof überwiesene Geld vorzugsweise in Cafés und Bordellen.
Irgendwann zwangen ihn die Schulden, in seine Heimat zu flüchten. Als ihn seine Künstlerkumpane auf ihre Kosten nach Paris zurückgeholt hatten, vertrauten sie ihn vorsichtshalber Josephine Fesser an, einer verheirateten Zeichenlehrerin, die ihn vor weiteren Exzessen bewahren sollte. Ihre treue Fürsorge erwies sich als Glück für die Entwicklung der modernen Kunst: In Madame Fessers Obhut revolutionierte Jongkind die französische Malerei.
So die These einer Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, die den Holländer erstmals in Deutschland umfassend würdigt (bis 9. Mai). Sie verklärt ihn als Initiator einer höchst französischen Erfindung: des Impressionismus. Dieser Malstil erzürnte im Paris der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts die Traditionalisten, weil er nicht klassisch erhaben, sondern spontan und wie mit Licht gemalt wirken wollte. Eine ästhetische Rebellion, deren Protagonisten die Wahrnehmung von Schönheit und Kunst radikal verändert haben.
Bei Jongkind handelt es sich um eine ziemlich unbekannte, auf jeden Fall vernachlässigte Größe der Kunstgeschichte. Erstaunlich wirkt dies schon deshalb, weil die Stars des Impressionismus den Querkopf als Vorbild verehrten. Claude Monet, der als Pionier der Bewegung zur Legende wurde, bekannte, er habe dem Mann die »Schulung seines Auges« zu verdanken. Paul Signac, der Neo-Tupfenmaler, nannte Jongkind 1927 »einen genialen Vorläufer der Impressionisten«.
Jongkind hat sich als Künstler mehrmals neu erfunden. Er begann als traditioneller Landschaftsmaler und ließ sich dann vom Realismus der französischen Freiluftmaler, vor allen von Camille Corot, inspirieren. Wie seine Frischluft-Freunde verließ sich Jongkind auf den unmittelbaren Eindruck vor Ort, den er auf Aquarellen fixierte. In seinen Gemälden aber verfremdete er seine Beobachtungen. Er wollte nicht die Schönheit der Natur, sondern das Erlebnis dieser Schönheit sichtbar machen. Bei Jongkind, so schrieb ein Kunstkritiker schon 1863, sei Impression alles.
Der Farbauftrag in diesen Jahren wirkt erstaunlich ungebändigt, die Perspektive monumental: Der Horizont liegt - wie bei den alten Holländern - extrem tief und schafft Platz für ein imposantes Wolkenspektakel. Am liebsten war Jongkind der Himmel über der Normandie und der über Paris: Er war fasziniert vom Alltagsgesicht dieser Stadt, malte ihre Hafenanlagen, die Kaimauern an der Seine und Fabrikschlote. Der Literat Emile Zola schwärmte, er habe bei diesem Maler eine »tiefe Liebe zum modernen Paris« gefunden.
Als Maler wie Monet, Degas und Renoir das Publikum verblüfften, zog sich der Eigenbrötler Jongkind weiter zurück. Er sei erschöpft, schrieb er 1872. Es koste ihn »viel Magie, um Bilder zu schaffen, die gut und abwechslungsreich sind«.
Im Februar 1891 starb Jongkind, im November desselben Jahres seine Aufpasserin Josephine Fesser. Sie wurden nebeneinander begraben, natürlich in Frankreich. Denn, so formulierte es ein französischer Kunsthistoriker: »Holland hat uns Jongkind geschenkt.« ULRIKE KNÖFEL