Am Rande
Ahnungsvoll sang schon die Marschallin im »Rosenkavalier": »Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding«; wenn man »so hinlebt«, sei sie »rein gar nichts«, aber »dann auf einmal, da spürt man nichts als sie«.
Sonderbares vernahm man letzte Woche aus dem Feuilleton der Hamburger ZEIT. Dort ist offenbar ein, das Wort liegt nahe, Kultur-Kampf entbrannt.
Er entflammte zwischen der Marschallin des Ressorts, der Frau Sigrid Löffler vom Fernsehen (ein Jahr im Dienst an der ZEIT), und dem Rosenkavalier des Theaters, dem Kritiker Benjamin Henrichs (24 ZEIT-Jahre). Der Kavalier kündigte und gab damit Kunde, daß er die Marschallin nicht mag.
Das führte zu allerlei Aufruhr im Blätterwald, zum Stochern im Nebel, der aus den Ab- und Hintergründen stieg - und selbst Harald Schmidt verspürte einen »unglaublichen Schock«.
Tatsächlich offenbart der Zwist den Ruin einer Idylle. Seinen etwas welken Ruhm nämlich verdankt das ZEIT-Feuilleton einer im deutschen Journalismus wohl einzigartigen Redakteursautarkie: Nur dem eigenen Urteil verpflichtet (und vom Neid ihrer ZEIT-fernen Kollegen beflügelt), heben bis heute die Kultur-Angestellten ihre Artikel ins Blatt; Ressortleiter-Einwände gelten allenfalls als Vorschläge, die Chefredaktion liest die Texte meist erst im gedruckten Blatt. Viel Raum für geniale Eingebungen, aber auch störrischen Größenwahn - doch eben mit dieser Freiheit ist es, so scheint's, finito.
»Auch diese Ära ist nun zu Ende, die Kräfte sind aufgebraucht«, hatte Henrichs jüngst über die Demission der Schaubühnen-Chefin Andrea Breth geschrieben: »Wenn erst der Fluch regiert, kann der Rücktritt die Rettung sein.«
Klarheit über Fluch und Untergang oder Rettung und Erlösung konnte die ZEIT selber am allerwenigsten bringen. Wer gierig nach ihrer jüngsten Ausgabe griff, überflog, fiebrig suchend, die wegweisenden Überschriften. »Szenen einer alten Ehe?« Nein, was mit Kohl. »Wo gehobelt wird, fallen Späne«? Was aus den USA. »Ein Star inszeniert sich selbst«? Ach, Voscherau. Der Zank um Löffler/Henrichs mahlt weiter in den strengen Kammern des ZEIT-Geists. Von dort raunt »Das Letzte«, die Kultur-Kolumne: »Nie erlebten wir solche Stille.«