BIOLOGIE Zeng!
Liebe«, so klärt die Biologin Lorraine L. Larison Cudmore auf. »kann sehr kompliziert sein. Sex hingegen sei »in Wirklichkeit ganz einfach«.
Denn »einerlei, wie unauslotbar die Tiefen, wie grenzenlos die Freuden sein mögen«, die sich »in Seufzern, Sonetten und Selbstmorddrohungen« äußern -- das alles sei lediglich Beiwerk »eines Systems, dessen einziger Zweck es ist, zwei Zellkerne miteinander zu verschmelzen«.
So kokett zum nüchternen Faktum kommt ein neuer Typ Sachbuch: Wissenschaft im lockeren Parlando -- fast nach Art eines Frauenromans.
Die Autorin, prahlt die Verlagswerbung, »sieht besser aus als Erica Jong, schreibt so einfühlsam wie Anne Philipe, ist fast so klug wie Madame Curie«. Immerhin hat die Amerikanerin trotz dieser Reihenfolge ihrer Vorzüge in Yale promoviert, in Harvard geforscht und in Boston gelehrt: und fabulierfreudiger als wohl je sonst ein Weißkittel hat sie nun ein Resümee der modernen Zellbiologie versucht*.
Die Zelle, dies »Stückchen Gallert von der Größe einer Nadelspitze«. ist in der Tat -- so Larison Cudmores Originaltitel -- »das Zentrum des Lebens": Wir tun »nicht einen Schritt.
* L. L. Larison Cudmore: »Der Stoff des Lebens«. Umschau Verlag Frankfurt; 232 Seilen; 29,80 Mark.
ohne daß nicht irgendeine Gruppe aus den 60 000 Milliarden Zellen unseres Körpers den ihren tut^... Nervenzellen, Muskelzellen und eine Biochemie, die allein von Zellen bewältigt werden kann«.
Reagenzglas-Tricks und Elektronenmikroskope haben bis ins feinste Detail enthüllt, wie das immer neu beginnt. »Rasend schwimmender Samen«, schildert die Biologin das Ereignis, als wäre es frisch entdeckt, »trifft einsam wartendes Ei. Sie verschmelzen. Das Ei läßt kurz ein leichtes elektrisches Schauern erkennen ... ein winziger Donnerschlag, und zeng! ist ein neuer Organismus da.«
Begreiflich wird das Zeugungswunder, so rational es auch im Labor analysiert worden ist, freilich nicht ohne Kenntnis von den Urformen des Lebens. Deren direkten Nachfahren, den unscheinbaren Einzellern, gilt die wahre Zuneigung der Forscherin.
»Ausdruck phantastischer architektonischer Höhenflüge, Freudendome« sind ihr etwa die Skelette simpler Strahlentierchen, »durchbrochene Glaskuppeln ... ähnlich den Tollheiten. die der Stolz orientalischer Elfenbeinschnitzer sind«.
Noch den Wimpertierchen, die durch jeden Tümpel vagahundieren. gewinnt Larison Cudmore fremdartige Reize ab. Sie erscheinen ihr in der Vergrößerung, »als trügen sie einen Mantel aus vibrierenden Pelzhaaren; bei manchen sind es nur einige Dutzend. die verquer auf dem Kopf der Zelle sitzen wie ein merkwürdiges Toupet, das sich selber kämmt«. Die formlose, glibbernde Amöbe -- »eine Pfütze von Protoplasma, die ständig leck ist, aber eine. die sich selbst aufwischt, wenn sie sich weiterbewegt«. Der Primitiv-Einzeller Vorticella »reinster Jugendstil«. die »lebende Miniatur eines Pokals«.
Die Grundthese der Forscherin jedoch ist bedenklich. So verführerisch, wie sic den Formenreichtum der mikroskopisch kleinen Geschöpfe beschreibt, sucht sie auch die Schöpfung selbst zu erklären.
Wie auf der anfangs wüsten, toten Erde eine Art fruchtbarer Brühe und daraus das sich fortzeugende Leben entstand, haben sogar Nobelpreisträger wie Jacques Monod nur unter Vorbehalten und eingedenk ihrer Wissenslücken als komplexes Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit rekonstruieren mögen.
Der Bonner Paläontologe Heinrich K. Erben, Verfasser einer anschaulichen Darstellung von der .Entwicklung der Lebewesen« (Piper Verlag, München), kommentierte den Stand der Urzeugungs-Theorien vorsichtig mit einem Zitat von Immanuel Kant: »Gewagtes Abenteuer der Vernunft.«
Larison Cudmore aber postuliert schlicht ein »atomares Bewußtsein«, das die ersten organischen Moleküle habe richtig zusammenrinnen lassen. Und woher vor mehr als drei Milliarden Jahren die Urzelle kam, aus der sich die ganze Vielfalt der ausgestorbenen und noch existierenden Arten entwickelte, erläutert sie mit einem bezaubernd trügerischen Kurz-Schluß: mit einem »Märchen, an das ich glaube«.
»Auf eine herrlich einfache Weise« (Cudmore) reimt sich die US-Biologin den Gang der biochemischen und biologischen Evolution zusammen:
* Eine »universelle Geometrie«, die den Verbindungen der Elemente ihre innere Form verleiht, habe auch »die wunderbaren, schraubenförmig gedrehten Stränge der DNS« erzeugt, die Molekülstruktur der Erbsubstanz.
* Zusammen mit Enzymen, die wie viele organische Stoffe auf der noch unbelebten Erde gebildet wurden, habe sich daraus ein wachstums- und vermehrungsfähiges Molekül-Konglomerat entwickelt.
* Solch ein Verband sodann »faßte seine Gene zu Chromosomen zusammen und verschaffte ihnen Zurückgezogenheit für ihre hochspezialisierte Arbeit. indem er sie hinter einer Doppelmembran verbarrikadierte« die Protozelle war geschaffen.
Der entscheidende nächste Schritt schließlich war der Übergang zur teilungsfähigen Zelle mit Zellkern. Erst daraus konnten sich Organismen entwickeln. deren Einzelzellen spezialisiert sind bis hin zum Menschen mit Blutkörperchen und Knochengewebe, mit Muskelfasern und dem grauen Geflecht der Hirnzellen.
Die Schulwissenschaft stellt sich das als mühseligen Vorgang vor, bei dem unabschätzbare Mengen von Versuchsmustern der Natur scheiterten. Sie versteht die Tatsache, daß die Entwicklung des Lebens nicht abriß, also eher als Glücksfall; und die scheinbare Zielstrebigkeit dieser Entwicklung erklärt sich nur im Rückblick durch die Auslese der Lebewesen, die sich jeweils der wandelnden Umwelt hatten anpassen können.
Daß es wohl eine Art Urzelle gegeben hat, der über noch unklare Abstammungslinien -- das gesamte Pflanzen- und Tierreich entsprang, gilt mittlerweile als wahrscheinlich. Auch das neueste Standard-Lehrbuch »Biologie« (Springer-Verlag, Heidelberg) nennt »die Grenze zwischen Pflanze und Tier im Bereich bestimmter Einzellergruppen völlig gleitend«.
Doch Larison Cudmore überbrückt diese Evolutionssprünge mit ihrem »Märchen": Was die Urzelle zu ihrer grandiosen Karriere gebraucht hat, habe sie sich gleichsam als Fertigbauteile einverleiben können.
Jene Zellbestandteile nämlich, die der Energiegewinnung, dem Stoffwechsel und der Kernteilung dienen, seien ursprünglich selbständige Gebilde -- primitive Zellformen -- gewesen. Sie hätten sich aber mit der Urzelle, die nichts als ihren Erbsubstanz-Kern besaß, zu beiderseitigem Nutzen symbiotisch verbunden und wurden -- weil es das Überleben garantierte -- weitervererbt »wie (las Familiensilber«.
Anzeichen dafür sieht die Biologin allenthalben. Tatsächlich können auch menschliche Zellen bewegliche Fortsätze tragen wie Geißel- oder Wimpertierchen: aber für Larison Cudmore ist das gleich der Beweis für ein gemeinsames Erbe seit den Schöpfungstagen.
»Die Geißeln finden wir bei den Männern. Der ungemein wichtige Schwanz des Spermatozoons ist nichts anderes als eine Geißel«, insistiert sie. »Die kürzeren Wimpern finden wir bei den Frauen«; sie befördern das menschliche Ei zur Gebärmutter, »denn die Eileiter sind mit Tausenden von schlagenden Wimpern besetzt«.
Die Fachkollegen, die das so schön einfach noch nicht sehen können, sind für Dr. Cudmore nur »allemal Menschen. die meisten sind intellektuell konservativ, und die meisten haben in der Regel unrecht (und lernen außerdem noch sehr langsam)«.
Vor solch putzmunterem Aufräumen mit allen Problemen hat Paläontologie-Professor Erben allerdings dringlich gewarnt, diesmal mit einem Zitat von Albert Einstein: »Lebendiger Inhalt und Klarheit sind Antipoden, einer räumt das Feld vor dem anderen.«