Zerbrechliches Wunderkind - DER SPIEGEL
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AUTOREN Zerbrechliches Wunderkind

In der Novelle »Lea« erzählt der Auflagenmillionär Pascal Mercier die rührselige Geschichte einer jungen genialen Geigerin, die in Wahn und Selbstmord endet.
• aus DER SPIEGEL 21/2007
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Der Erfolg dieses Buches ist programmiert. Unverzüglich hat es die Novelle »Lea« von Pascal Mercier auf Platz sieben der Bestsellerliste geschafft*. Und dabei dürfte es nicht bleiben. Denn das Buch segelt im Fahrwasser von Merciers Erfolgsroman »Nachtzug nach Lissabon«, der innerhalb von knapp drei Jahren eine Auflage von mehr als anderthalb Millionen erreicht hat.

Der 1944 in Bern geborene Mercier ist damit nicht nur zu einem der erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller aufgestiegen, sondern zählt - rein nach Verkaufszahlen - zu den Spitzenreitern der deutschsprachigen Literatur überhaupt.

Strategisch klug war es auch, zum Erscheinen seines zweiten Romans »Der Klavierstimmer« 1998 jenes Pseudonym zu lüften (SPIEGEL 32/1998), das er sich bei seinem ersten literarischen Auftritt mit dem Roman »Perlmanns Schweigen« (1995) zugelegt hatte: Dass sich hinter dem Autorennamen Pascal Mercier der in Ber-

lin lebende Philosophieprofessor Peter Bieri verbirgt, hat die Neugier eher vergrößert - zumal er 2001 unter eigenem Namen eine eindrucksvolle und hervorragend lesbare Betrachtung über den freien Willen publizierte ("Das Handwerk der Freiheit").

Mit der Novelle »Lea« hat Bieri/Mercier nun allerdings ein Rührstück der Sonderklasse vorgelegt. Die Titelheldin hat früh ihre Mutter verloren. Ihr besorgter Vater ist heilfroh, als das Kind eines Tages plötzlich aus der apathischen Trauer erwacht: Eine Stehgeigerin in einer Bahnhofshalle weckt in Lea den unbändigen Wunsch, selbst so ein Instrument zu besitzen. Eine rasch gekaufte Halbgeige für die Achtjährige steht am Anfang einer atemberaubenden Karriere als Starviolinistin. Dass die Geschichte dennoch nicht gut ausgeht, ist von Anfang an klar - mit düsteren Vorausdeutungen à la »Doch noch war es keine Katastrophe« wird nicht gespart.

Eine Autofahrt von Saint-Rémy in Südfrankreich nach Bern bildet den Rahmen für den Lebensbericht, den der verstörte Vater einem ihm Unbekannten gibt. Er hat den Mann gerade erst in einem Café kennengelernt, einen Ex-Chirurgen, ebenfalls Vater einer Tochter, von der Ehefrau verlassen, im Beruf gescheitert. Ihm erzählt er Leas Geschichte auf der gemeinsamen Fahrt in die Schweiz.

Die Konstellation weist Ähnlichkeit mit Erich Maria Remarques 1962 erschienenem Roman »Die Nacht von Lissabon« auf (dessen Titel übrigens Pate gestanden haben könnte für den Mercier-Erfolg »Nachtzug nach Lissabon"). Auch bei Remarque erzählt ein Mann, dessen Frau gestorben ist, einem Fremden seine Lebensgeschichte - eine drängende Beichte hier wie dort, die sich bei Remarque in einer einzigen Nacht abspielt. Bei Mercier erstreckt sie sich über drei quälend lange Tage.

In beiden Fällen ist es der Zuhörer, der die Geschichte überliefert. Aber während Remarque das Geschehen mit sparsamen Mitteln zügig referiert, huldigt Mercier der Umständlichkeit: Was er erzählt, muss er auch noch kommentieren und einordnen - eine Neigung, der er hier mehr noch als in seinen drei Romanen nachgibt.

Zur Redundanz gesellt sich die Rührseligkeit. Leas Vater ist an seiner Verantwortung »fast zerbrochen«, am vergeblichen Versuch nämlich, der Tochter in ihrem »zerbrochenen Leben« beizustehen. »Ich habe mit einer Geige das Leben meiner Tochter zerstört«, klagt er sich selbst an. Da kommen beim späteren Aufschreiben des Gesprächs auch dem Zuhörer nachträglich noch jene Tränen, »die ich damals unterdrückte«.

Selbst Lea, die zunächst so erfolgreiche Geigerin, wird mehr herbeigeredet als wirklich greifbar. Der Vater, in Adjektiv-Orgien schwelgend, beschwört »die bleiche, adlige, zerbrechliche Schönheit einer am Abgrund balancierenden Tonfee«, deren »alabasterner Teint« sie »leicht kränklich aussehen ließ«, deren »dunkler, verschleierter Blick ... aus dem Schatten ihrer langen Wimpern heraus wirkte«.

So zieht es sich hin, wuchert aus: stilistische Disziplinlosigkeit. So viel rhetorische Melodramatik bringt das Interesse des erschöpften Lesers an Leas Schicksal weitgehend zum Erlöschen, zumal sich auch inhaltlich keine Hoffnung auf Erlösung abzeichnet, im Gegenteil: Erst zeigen sich nur leichte Störungen bei Leas Auftritten, das Gedächtnis setzt gelegentlich aus, auch im Alltag, dann fühlt sich die junge Frau von ihrem Geigenlehrer enttäuscht - und hört vorerst zu spielen auf.

Der ratlose Vater unterschlägt daraufhin Forschungsgelder, blättert eine Millionensumme für »eine der kostbarsten Geigen der Welt« hin. Aber er bringt sich und seiner Tochter damit kein Glück: Sie zerstört im Wahn die Geige und landet in der Psychiatrie, er vor dem Kadi. Am Ende stehen gar zwei Selbstmorde.

Das Drama ist hier freilich weniger der doppelte Absturz von Vater und Tochter in dieser abenteuerlich konstruierten Geschichte, sondern der literarische Absturz eines erfahrenen Schriftstellers und gelehrten Philosophen. Selbst ein solcher Kopf scheint vor poetischen Fehlgriffen nicht gefeit. Wahrlich deprimierend.

VOLKER HAGE

* Pascal Mercier: »Lea«. Hanser Verlag, München; 256 Seiten;19,90 Euro.

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