Pop Zigazig-Ha
Alles war wie immer, wenn Englands Plattenriese Virgin zu einer Party lädt: der Champagner gut gekühlt, das Essen auf dem üppigen Büffet erlesen und jedermann glücklich, der Gnade vor den Augen des Türstehers finden konnte. Einzig die Gastgeber waren ein wenig nervös, denn sie wollten an diesem Abend stolz eine neue Mädchenband präsentieren - aber von der war leider nichts zu sehen.
Als es dann doch endlich soweit schien und die große Firmenlimousine vor der Pforte vorfuhr, entstieg ihr nur ein Bote, der der geschockten Festgesellschaft fünf aufblasbare Puppen präsentierte. Wenig später ging die Meldung ein, die Mädchen kreuzten im Taxi durch London und schwenkten ihre Höschen aus dem Wagenfenster. Weit nach Mitternacht schließlich, die Stimmung war längst auf dem Tiefpunkt, erschienen sie dann doch noch, warfen zunächst mal die Gummipuppen aus dem 15. Stock auf die Straße - ehe sie sich lärmend übers Büffet hermachten.
Der Ärger bei Virgin ist inzwischen freudigem Entzücken gewichen: Denn ebenso wie ihre eigene Premieren-Party unterwandern die fünf Mädchen derzeit die europäischen Hitparaden. Die »Spice Girls«, wie sie sich nennen, gelten als Popsensation des Jahres. Ihre Debüt-Single »Wannabe« war in 21 Ländern die Nummer eins und verkaufte sich insgesamt fast sechs Millionen mal, auch der Nachfolger »Say You'll Be There« verwies die etablierte Konkurrenz auf die Plätze, für das nun erschienene Album »Spice« schließlich lagen allein aus England mehr Bestellungen vor als bei der letzten Platte der Superstars von Oasis. Das britische Teenie-Blatt Smash Hits schwelgte in höchsten Tönen: »Die Spice Girls sind die erfrischendste und aufregendste Band seit Ewigkeiten.«
Tatsächlich sind die fünf Engländerinnen, alle erst um die 20, in eine riesige Marktlücke gestoßen: anzügliche Texte mit antiautoritärer Attitüde, dargeboten von weiblichen Bürgerschrecks - das hat der auf softe Kleiderständer wie Peter Andre und die Backstreet Boys konzentrierten Branche gerade noch gefehlt. Zwar probten, von Joan Jett bis Courtney Love, immer wieder mal Mädchen den Aufstand. Doch noch nie mit solch durchschlagendem Erfolg. Wo immer das Quintett auftritt, kreischen die Teenager, auch und vor allem weibliche. Als Spice Girl Geri Halliwell, 24, unlängst die Weihnachtsbeleuchtung in der Londoner Innenstadt anschaltete, mußten ganze Straßenblöcke gesperrt werden. Der lärmenden Menge warf sie entgegen: »Kommt her und sagt mir, was ihr zu sagen habt, während ich euren Hintern küsse.«
Solche Äußerungen sind natürlich ganz nach dem Geschmack der Fans, die in den fünf Mädchen lang vermißte Rebellen-Qualitäten in die Popwelt zurückkehren sehen. Ob sie in ihren Videos Sex-Folter-Spielchen mit Männern veranstalten, im noblen Four-Seasons-Hotel in Los Angeles in die Blumentöpfe pinkeln oder dem deutschen TV-Mann Ha-rald Schmidt auf offener Bühne einen Blow-Job anbieten - die Spice Girls, befindet die Stil-Postille The Face, lassen alle anderen Frauen im Pop »wie Timotei-Prinzessinnen aussehen«.
Der Aufstieg der Spice Girls begann vor ungefähr drei Jahren im Londoner Westend, wo sich alle fünf um eine Musical-Karriere bemühten. Weil aber mehr als Statisten-Parts selten raussprangen, antworteten sie irgendwann auf das Inserat eines Managers, der auf der Suche war nach Sängerinnen, um »die weiblichen Take That« zu formieren. Alle fünf wurden prompt gecastet - doch schon nach zwei Monaten warfen sie die Brocken wieder hin: »Der Typ wollte, daß wir anderer Leute Songs singen«, erzählt Melanie Brown, »über Liebe und all den Scheiß.«
Sie beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Das Quintett bezog ein kleines Haus am Stadtrand von London, schrieb Songs, perfektionierte das Singen und das Tanzen, fabrizierte Demo-Tapes. Damit bombardierten sie jeden, der auch nur entfernt mit der Popindustrie verbandelt ist - und hatten ein halbes Jahr später einen der großzügigsten Plattenverträge der jüngeren Geschichte in der Tasche: Die Mädchen schreiben ihre eigenen Songs, kontrollieren ihr Merchandising und ihr öffentliches Erscheinungsbild und nehmen sich die Freiheit, selber über ihre TV- und Interview-Termine zu verfügen. »Es gibt niemanden, der uns reinredet«, sagt Emma Bunton, die mit 18 Jahren die jüngste ist. Als Virgin davon abriet, »Wannabe« als Single zu veröffentlichen, drohten sie mit Kündigung - ehe die Platte wie ein Sturm über Europa hinwegfegte, die Refrainzeile »I wanna zigazig-ha« aus jedem Lautsprecher zischte und die Mädchen zum erfolgreichsten Coup des Labels seit anderthalb Jahrzehnten avancierten.
Auch deshalb, weil es die Spice Girls und ihre provokant simplen, irgendwo »zwischen Rose Royce, den Talking Heads und White Christmas« pendelnden »Pop-Perlen« (Select) nicht nur den Teenagern dieses Planeten, sondern auch den fortgeschrittenen Musikhörern angetan haben. Selbst der kommerziellen Umtrieben normalerweise zutiefst abgeneigte New Musical Express urteilte, »mehr Punk als jede andere britische Band«, und widmete den Mädchen eine komplette Ausgabe mit »72 Zigazig-Ha Seiten - was auch immer das bedeutet«. Auch Jürgen Möllemann war nach einem Fernsehauftritt der Gören hingerissen: »Genau die Zielgruppe für liberale Konzepte.«
Keine Chance. Die fünf stehen allesamt auf Labour. Bei Tony Blair liegt bereits die Anfrage vor, ob er nicht im nächsten Spice-Girl-Video auftreten will.