Zirpen aus der Ritze - DER SPIEGEL
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Humor Zirpen aus der Ritze

Als erster deutscher Karikaturist wird Hans Traxler in den USA verlegt - nach zähem Feilschen um sein Gummibärchen-Buch.
• aus DER SPIEGEL 53/1992
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Schwer ist das Gummibären-Leben: »In den dreißiger Jahren galten Treibjagden auf Gummibären in den Wäldern derer von Thurn und Taxis als letzter Schrei.« Oder: »Um 1880 fiel ein Gummibärchen aus Mecklenburg am Oberlauf des Kongo in die Hände eines Stammes wilder Lakritzen.«

Der kochte es in einer großen Kalebasse, und wenn da nicht der Frankfurter Zeichner Hans Traxler wäre, der historische Vorfälle wie den Martertod des (gelben) Gefangenen für die zeitgenössische Bärchenkunde aufgearbeitet hat - womöglich wüßten wir gar nicht um das Auf und Ab dieser eigentümlichen Spezies.

Im März 1992 erschien des Satirikers kundige Bestandsaufnahme »Aus dem Leben der Gummibärchen«, nun widerfährt dem durch seine Arbeiten für die Spaß-Blätter Pardon und Titanic bekannt gewordenen Traxler, 63, bisher einmalige Anerkennung*. Als erster deutscher Cartoonist soll er in den USA publiziert werden. Der renommierte _(* Hans Traxler: »Aus dem Leben der ) _(Gummibärchen«. Diogenes Verlag, Zürich ) _(1992; 72 Seiten; 19,80 Mark. ) New Yorker Verlag Harper Collins will im Frühjahr »The Life and the Times of the Gummy Bear« der amerikanischen Leserschaft vorstellen.

Denn einerseits ist das leicht süßsauer schmeckende Sujet bei der naschenden Bevölkerung höchst populär, zum anderen kursiert der Irrglaube, Gummibären seien eine amerikanische Erfindung. Mit einer besonders farbenfrohen Exportversion ist der rheinische Hersteller Hans und Paul Riegel aus Bonn (Haribo) in den USA erfolgreich; zudem vertreibt er seit Anfang der achtziger Jahre durch eine eigene Niederlassung in Baltimore »Gold Bears«.

Amerikanischem Geschmack, Humor und Bildungsniveau muß nun auch Autor Traxler Zugeständnisse machen - Harper Collins präsentierten ihm ein dreiseitiges Glossar mit 29 Änderungswünschen an den 52 Cartoons der deutschen Originalausgabe.

So drängte das Lektorat, den Ratschlag eines steinalt gewordenen Gummibären an einen jungen Reporter ("Kein Alkohol, keine Frauen, und vor allem: Meiden Sie Kindergeburtstage, junger Mann") zu entschärfen und die Frauen durch Zigaretten zu ersetzen. Traxler stimmte zu.

Schwieriger gestaltete sich die Einigung bei Vorschlägen, die auf das Weglassen ganzer Cartoons hinausliefen, weil sie angeblich »zu europäisch« (Harper Collins) sind. Zwar passierten Gummibärchen-Witze über Nero, Iwan den Schrecklichen und Heinrich VIII. noch unbeanstandet den Filter, Goethe indes wurde als zuwenig bekannt eingestuft. An seiner Stelle muß der amerikanische Lyriker Walt Whitman mit einem Gummy Bear trauliche Zwiesprache halten.

Mit einem weiteren Änderungsvorschlag blamierten sich die Harper-Boys: Eine Ansicht des Moskauer Kaufhauses Gum, das laut Traxler einmal in Bärchen-Besitz war, bewerteten sie nicht nur als zu unamerikanisch, sondern auch als flauen Scherz ("weak joke"). Sie hatten Gum für einen Kalauer des Autors gehalten.

Für eine Zeichnung, welche die passive Rolle der Bärchen während der Französischen Revolution geißelt, arbeiteten die Amerikaner sogar einen vollständigen Alternativ-Gag über den Sezessionskrieg aus. Dessen Übernahme verbot Traxlers Cartoonisten-Ehre. Kompromißbereit tuschte er allerdings, mit feinstem deutschen Marderhaarpinsel, für US-Patrioten einen George Washington, der mit einer zum Kampf entschlossenen Ladung Weingummi den Delaware-Fluß überquert.

Eine doppelseitige Strandszene von Saint-Tropez nach Fort Lauderdale zu verlegen, fand Traxler »unzumutbar«. Nach zähem Ringen akzeptierte die Gegenseite seine Offerte, den Ortswechsel allenfalls durch Austausch zweier kleiner Strand-Trikoloren gegen Sternenbanner zu visualisieren.

Fast wäre der erste deutsche Cartoon-Export in die Neue Welt an einer weiteren Wissenslücke der Verlagsleute gescheitert. Das vielleicht subtilste Blatt des Buches zeigt, wie Gummibärchen mit ihrem Zirpen aus den Mauerritzen alter provencalischer Bauernhäuser eine schöne Südfranzösin erfreuen.

Diese Zeichnung hatte das Verdikt »very European« erfahren und bereits zu einer spürbaren Verhärtung der Verhandlungspositionen geführt, als ein silberhelles »But that''s me!« der anwesenden Traxler-Gattin Inge die Stimmung löste. Harper-Cheflektor Lawrence Peel Ashmead befand augenblicklich, ein Cartoon mit dem »charming wife« des Zeichners dürfe selbstverständlich in keiner Ausgabe der Welt fehlen.

Im Gegenzug spendierte der geschmeichelte Gatte der US-Ausgabe ein Supplement mit einem »very American motive« (Traxler), dem Mount Rushmore, zu dessen vier Felsenpräsidenten sich ein mächtiges, steinernes Gummibärchen-Haupt gesellt.

* Hans Traxler: »Aus dem Leben der Gummibärchen«. Diogenes Verlag,Zürich 1992; 72 Seiten; 19,80 Mark.

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