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MUSEEN Zu viel Pathos, zu wenig Cash

Auf der Berliner Museumsinsel wird am Wochenende die Alte Nationalgalerie wieder eröffnet: Die Hauptstadt schwelgt im milliardenteuren Retro-Fieber.
• aus DER SPIEGEL 48/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ausgerechnet elektrische Kraftfelder sollen die beiden naturverträumten Gemälde des genialen Romantikers Caspar David Friedrich künftig vor unerlaubtem Zugriff schützen: Schließlich gehören die Melancholiestücke, der einsame »Mönch am Meer« und das Ruinenszenario »Abtei im Eichwald«, zu den berühmtesten der deutschen Kunstgeschichte. An dünnen sichtbaren Schnüren aufgeseilt, schweben sie in der frisch sanierten und noch versperrten Alten Nationalgalerie in Berlin - und zwar so selbstverständlich monumental, als hätten sie nie einen anderen Platz gehabt.

Hatten sie aber. Darüber, dass sie aus dem Charlottenburger Schloss abgezogen wurden, um jetzt ein paar Kilometer weiter auf der Berliner Museumsinsel wieder aufgehängt zu werden, ist viel gestritten worden. Doch die prominenten Ikonen, 1810 von den Hohenzollern erworben, sollen ebenso wie die vielen Menzels, Feuerbachs, Leibls, die stets ergriffenen Deutschrömer und die lichten französischen Impressionisten der endgültigen Apotheose von Berlins Mitte dienen: Das galt nach der Wende als hip, am kommenden Wochenende wird es heilig gesprochen.

Wenn dann die Alte Nationalgalerie in ihrem klassizistischen Tempelformat und mit ihrem riesigen Kunstbestand aus dem 19. Jahrhundert nach fast vierjähriger Schließung hochfeierlich wieder eröffnet wird und auch Kanzler Schröder eine Rede hält, dürfte über Unstimmigkeiten wie den Bildertransfer hinweggeschwiegen werden. Geht alles gut, wird aber über Geld geplaudert. »Womöglich fällt der ein oder andere Satz«, ahnt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Denn der 148 Millionen Mark teure Perfektions- und Repräsentationszwang bei der Erneuerung der von Friedrich August Stüler entworfenen Bilder-Walhalla soll vor allem eines demonstrieren: dass es sich lohnt, über 1,8 Milliarden Mark in die weitere, noch bis 2010 dauernde Sanierung des Weltkulturerbes Museumsinsel zu stecken.

Die beeindruckende Gleichzeitigkeit des Widersprüchlichen in der Alten Nationalgalerie, ihre sinnliche Bilderfülle und die elitäre Kühle frisch polierter Architektur - all das ist tatsächlich ein Vorgeschmack: Berlin schlittert, trotz Hightech-Gerät hinter Stofftapeten und sorgsam restaurierter Stuckverzierung, äußerst vornehm zurück ins 19. Jahrhundert.

Das Retro-Fieber aber hat einen zeitgeistigen Namen: Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, hat sich die lustige und ein wenig größenwahnsinnige Vokabel »Redesigning Berlin« ausgedacht. Nur weiß niemand genau, wer die weitere Wiedererweckung auf der Insel bezahlen soll. Der Bund ließ in der Eröffnungsvorfreude verlauten, er wolle die Investitionskosten ja übernehmen - wenn die Hauptstadt an anderen Stellen mit weniger zufrieden wäre.

Weil an deren Haushaltsloch mit Worten nichts wegzufabulieren ist, gilt es nun, beim Kanzler, aber auch bei den Ministerpräsidenten für die neue Berliner Prestigelust zu werben - 2005 können die Länder ihr Zahlungsabkommen mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auslaufen lassen. Schon deshalb dürfte am Wochenende schwülstiger Kulturpatriotismus anklingen.

Denn Schuster formuliert seine Visionen gleich für ganz Deutschland: Die Sammlung der Alten Nationalgalerie, so schrieb er in sein Museumsbegleitbuch, zeige den Deutschen, »was sie als Kulturnation ausmacht«. Vorbei also die »ästhetische Neurotisierung des Nationalgedankens in Deutschland«?

Viel Pathos für noch mehr Cash. Die Museumsinsel wurde zwar auch früher schon als deutsche Akropolis umschwärmt. Aber dann hat das von 1830 an entstandene Ensemble, zu dem auch das Alte und das Neue Museum, das Bode Museum und das Pergamonmuseum gehören, unter den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und einer Spar-Sanierung zur DDR-Zeit gelitten. Ihre Holzpfähle im sumpfigen Boden sind verfault, Mauerwerk bröselt.

Weil die erste Managertugend aber »Klage nie, fordere viel« lautet, kündigte Schuster an, die Gemäldegalerie auf die Insel verlagern zu wollen - für die Bilder aus dem 13. bis 18. Jahrhundert war erst 1998 ein 285 Millionen Mark teures Haus auf dem Kulturforum nahe dem Potsdamer Platz eingeweiht worden. Um den zornigen Leiter der Galerie zu besänftigen, wurde zwar die Teilentsorgung auf 2010 verschoben, nun wieder mag Stiftungspräsident Lehmann einen früheren Termin »nicht ausschließen«. Gern würden er und Schuster auf dem nahen Schlossplatz die außereuropäischen Sammlungen unterbringen, die bislang in Berlin-Dahlem ausgestellt werden. »Dahlem«, sagt Lehmann, »ist nur ein Provisorium.«

Wegen all der Utopien für die historisch aufgeladenen Mitte-Plätze bleibt eines in der Nostalgie-Kultur außen vor: aktuelle Kunst. Sie wird höchstens sporadisch angekauft - »wir haben«, gesteht Stiftungschef Lehmann, »enormen Nachholbedarf«.

Sogar das geplante Deutsche Centrum für Photographie geriet zur Mikrolösung ohne eigene Unterkunft. In Berlin regiere »heilloses Chaos«, giftete das Magazin »Art« angesichts immer neuer Visionen und Absagen.

Früher war nicht alles besser, aber manche Museumschefs waren ein wenig auch der Gegenwart verbunden. Hugo von Tschudi etwa, einer der legendären Chefs der Nationalgalerie, verzog sich 1909 nach München, weil seine Einkäufe moderner Kunst in Berlin verschmäht wurden. Die Maler der neumodischen Bilder sind heute Klassiker: Sie hießen zum Beispiel Cézanne und van Gogh. ULRIKE KNÖFEL

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