»Zuwenig Talent in zuviel Gold aufgewogen« - DER SPIEGEL
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Artikel 62 / 84

SPIEGEL Gespräch »Zuwenig Talent in zuviel Gold aufgewogen«

EMI-Electrola-Geschäftsführer Wilfried Jung über die Krise der internationalen Schallplatten-Industrie
Von Klaus Umbach
• aus DER SPIEGEL 51/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Jung, die Wohlklangsbranche tönt in Moll. Die Produktion mußte gedrosselt werden, der Absatz ging zurück, namhafte Firmen setzten sich kleiner. Steht der Schallplatten-Industrie ein großer Kollaps bevor?

JUNG: Ein Kollaps bestimmt nicht. Noch das Wort Krise scheint mir zu gewichtig. Aber die Schallplatten-Hersteller müssen sich auf weniger gute Zeiten vorbereiten. Die Steigerungsraten der letzten zehn Jahre sind endgültig vorbei. Die deutschen Hersteller veröffentlichten in den letzten Monaten rund 25 Benefiz-Platten. Es scheint jetzt an der Zeit, an den eigenen Benefiz zu denken und eine »Aktion Sorgenkind - deutsche Musikindustrie« zu starten.

SPIEGEL: Und warum trudelt Ihre Branche so gefährlich in die Flaute?

JUNG: Das hat mehrere Gründe. Erstens die hohe Jugendarbeitslosigkeit, weil die jungen Leute besonders wichtige Umsatzträger sind. Zweitens die Innovationen wie Videospiele, Videorecorder und Heimcomputer, die nicht nur Geld, sondern auch Zeit absorbieren und das Musikhören spürbar zurückdrängen. Drittens das private Überspielen von Musikaufnahmen auf Kassetten, das den Umsatz weltweit nachteilig beeinflußt.

SPIEGEL: Das alte Lied. Die Schuldigen an der Misere sitzen sämtlich außerhalb der Branche, die Plattenpresser selbst sind nur arme Opfer. Das glauben Sie doch wohl selbst nicht.

JUNG: Mit einer Ausnahme gehören die wichtigsten deutschen Hersteller zu multinationalen Mediakonzernen. In sehr vielen Fällen wird die Geschäftspolitik der deutschen Töchter von Amerika bestimmt. Fehlplanungen oder Fehleinschätzungen der amerikanischen Musikindustrie finden damit Eingang bei uns. Damit wird natürlich nicht behauptet, daß wir hier völlig schuldlos seien an der derzeitigen Entwicklung. Vielleicht hätten wir unseren Muttergesellschaften gegenüber etwas energischer auftreten müssen, um unseren Markt, den zweitgrößten der Welt, stärker zu repräsentieren.

SPIEGEL: Haben Mütter und Töchter nicht auch alles getan, den Markt und die Konsumenten zu übersättigen?

JUNG: Das will ich nicht bestreiten. Wir haben uns viel zu sehr auf die jüngeren Käuferschichten verlassen und die sogenannten Älteren, etwa von 35 an, sträflich benachteiligt. Das rächte sich jetzt. Kurzum, weltweit ist der Verbraucher falsch eingeschätzt worden. Dazu kommt, daß die wichtigen und traditionellen Trendsetter in England und USA in den letzten Jahren nicht in der Lage waren, der Musik neue, nachhaltige Impulse zu geben.

SPIEGEL: Jammern Sie immer noch neue Beatles herbei?

JUNG: Vielleicht sind sie schon da, und wir haben sie bloß noch nicht entdeckt. Die traditionellen Trendsetter in Amerika und England, die Interpreten, Autoren und Manager, waren - genau wie wir - erfolgsverwöhnt. Große Steigerungsraten verführen immer zu Arroganz. Die Big Stars glauben, sie könnten ihre Käufer mit endlosen Wiederholungen abspeisen. Aufspüren von Trends wurde zum abstrakten Begriff. Kein Wunder, daß jetzt zum Beispiel in Amerika eine »englische Welle« ausgebrochen ist.

SPIEGEL: Dafür hatten Sie doch die viel zitierte Neue deutsche Welle.

JUNG: Da gingen die Wogen allerdings nur recht kurz hoch. Mir war von Anfang an klar, daß bei einer Mode, die derart hochgejubelt wurde, der Absturz bereits vorprogrammiert war. Ende 1982 schien der ganze Spuk dann ja auch bereits wieder passe. Wir alle, einschließlich der Massenmedien, hätten gut daran getan, diesen Trend etwas nüchterner einzuschätzen.

SPIEGEL: Nüchternheit war noch nie die Stärke der Pop-Branche. Vielleicht waren aber die jungen Leute nüchtern und haben sich das einfältige Da-da-da nicht so lange unterjubeln lassen, wie Sie es gewollt hätten?

JUNG: Nein, im Gegenteil. Wenn die jungen Leute heute einen bestimmten Trend für sich entdeckt haben, dann kaufen sie viel mehr als früher. Ein typisches Beispiel dafür ist die Kölner Rock-Gruppe BAP, die trotz lokalem, also kölschem Dialekt vier Langspielplatten fast gleichzeitig in die Hitparaden bringen konnte und von ihren ersten beiden LPs innerhalb von sechs Monaten fast zwei Millionen verkaufen konnte. Oder die Spider Murphy Gang aus München mit einer Million Langspielplatten in einem Jahr. Das sind Zahlen, die wir früher auf dem deutschen Sektor nicht kannten.

SPIEGEL: Trotzdem kriselt es. Als die Kassen noch voll waren, haben vor allem die Pop-Produzenten drauflos gewirtschaftet. Jedes kleinste Talent wurde mit dicken Verträgen geködert, dann musikalisch ausgequetscht wie eine Zitrone und auf diese Weise nicht aufgebaut, sondern verschlissen. _(In seinem Kölner Büro mit ) _(SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach. )

JUNG: Nun, es ist das Recht eines jeden Managers und Produzenten, sein Produkt - Star oder Sternchen - so teuer wie möglich zu verkaufen. Wer macht nicht Kasse, solange der Rubel rollt? Aber ich gebe zu, daß die Plattenfirmen vor Jahren viel zuwenig Talente in viel zuviel Gold aufgewogen haben. Aus diesen Fehlern müssen wir lernen.

SPIEGEL: »Viele Stars braten nur noch im eigenen Saft und machen den Scheiß von vorgestern« - eine Erkenntnis von Ihnen. Warum bringt die Industrie denn diesen Scheiß von vorgestern immer noch mit viel PR-Getöse auf den Markt?

JUNG: Es muß einem auffallen, daß sehr viele permanente Interpreten mit ihren neuen LPs bei weitem nicht die gewohnten Abgangszahlen erreichen. Es nimmt auch die Zahl der »The best of ... »-Platten zu, was wohl beweist, daß den Interpreten und ihren Autoren nichts Neues oder Besseres eingefallen ist. Dann sollte man lieber auf Veröffentlichungen verzichten. Zur weiteren Beantwortung jedoch müßte man die Musikindustrie schon noch ein wenig mehr auseinandernehmen.

SPIEGEL: Dann tun Sie das bitte.

JUNG: Eine Schallplattenfirma besteht, verkürzt gesagt, aus Verteiler- und Verkaufsorganisation, aus den Promotionsabteilungen und, natürlich, aus den Produktionsabteilungen. Diese Produktionsabteilungen sind in den letzten Jahren immer mehr verkümmert und in vielen Fällen nur noch Empfänger.

SPIEGEL: Also Produktionsabteilungen, die gar nicht mehr produzieren?

JUNG: Genau das. Es ist leider so, ich beklage das sehr. Ich finde es höchst bedauerlich, daß diese Abteilungen, auch hier im Hause EMI Electrola, nicht in der Lage waren, selbst Talente aufzuspüren und Trends zu entwickeln. Es war viel einfacher, einfach zu kaufen.

SPIEGEL: Die großen Marken lassen sich also aufschwatzen, was die kleinen Krauter loswerden wollen?

JUNG: Manchmal schon. Grundsätzlich ist es einfach so, daß kleine, unabhängige Produktionsgruppen leichter und schneller als die dicken, multinationalen Konzerne an junge Talente herankommen - jünger nicht nach Lebensalter, sondern nach der musikalischen Reife. In irgendeinem Club spielt irgendeine Rock-Formation. Plötzlich taucht da der Boß der Super-Marke X auf. Dann sagen sich die Leute von der Band: »Vorsicht, das ist ein alter Fuchs, der versucht bloß, uns über den Tisch zu ziehen, billig einzukaufen und für 25 Jahre an seinem Label festzumachen.«

SPIEGEL: Nach aller Erfahrung wäre der Verdacht ja nicht falsch.

JUNG: Wie auch immer - wenn in denselben Club ein junger Mann ohne den multinationalen Firmenrucksack kommt, die Sprache der Musiker spricht und ihre Musik versteht, dann läuft die Sache ...

SPIEGEL: ... und die Großen laufen in die totale Abhängigkeit.

JUNG: Das stört mich überhaupt nicht, weil diese kleinen Produktionsgruppen ihrerseits auf unsere Erfahrung angewiesen sind und sich ihrer bedienen. Sie benutzen unsere Organisationen, die etablierten Vertriebe und die Herstellungs- und Distributionseinrichtungen, und natürlich auch unser Geld.

SPIEGEL: Besteht nicht die Gefahr, daß Außenseiter in der Gagenhöhe erpresserische Methoden anwenden?

JUNG: Gewiß. Vor allem, wenn wir fertiges Repertoire kaufen. Wenn wir mit solch unabhängigen Repertoire-Händlern einen Vertrag, meist über drei Jahre, abgeschlossen haben und dieses Repertoire erweist sich als erfolgreich, dann strangulieren wir uns selbst.

SPIEGEL: Wie das? Erfolge strangulieren Sie?

JUNG: Ja, denn nach drei Jahren wird der Repertoire-Lieferant kommen und sagen: »Das lief ja alles klasse, wir haben euch viel Geld eingespielt, dieses gute Ergebnis ist jetzt die Basis für den Vertrag über die nächsten drei Jahre.« Und er wird für die Zukunft wenigstens dasselbe, meist aber mehr fordern, ohne irgendeine Erfolgsgarantie geben zu

können. Wir spielen in diesem Spiel va banque, und nicht wenige unserer jetzigen Probleme resultieren aus diesen unerfreulichen Zuständen.

SPIEGEL: Kleinere Labels, bei Pop wie bei Klassik, haben da teilweise weniger Sorgen. Sind die Marktführer zu unbeweglich oder zu überheblich?

JUNG: Überheblich sicher in dem einen oder anderen Fall, unbeweglich aus Prinzip. Das hat, wie gesagt, mit gewissen Einflüssen der jeweiligen Dachorganisationen zu tun. Die multinationalen Gesellschaften müssen sich bei der heute so vielfach gefächerten Musikszene schneller anpassen und dafür sorgen, daß praktisch jede Tochtergesellschaft in der ganzen Welt in der Lage ist, musikalisch selbständig zu operieren. Aber das müssen wir noch lernen.

SPIEGEL: Daß ohne Heino kein Beethoven läuft, ist längst als Mär entlarvt. Läßt deshalb der Einbruch im Pop-Geschäft das Klassik-Geschäft unberührt?

JUNG: Ganz im Gegenteil. Pop finanziert zwar nicht Klassik, wie das früher immer behauptet wurde. Aber wenn das Pop-Geschäft schlecht geht, kann man mit Klassik nicht überleben. Um Ihr Bild abzuwandeln: Ohne BAP läuft kein Bach, Unterhaltung im weitesten Sinne ist die Basis der gesamten Plattenindustrie. Und die Misere der Klassik wird dadurch noch verschlimmert, daß ihr Absatz weltweit abnimmt.

SPIEGEL: Eigentlich kein Wunder, denn das Repertoire wächst ja nicht. Wieso hat die Industrie eigentlich jahrelang geglaubt, nach 28 Aufnahmen von Beethovens Fünfter Symphonie nun auch noch mit der 29. ein Geschäft machen zu können?

JUNG: Weil sie glaubte und immer noch glaubt und zu Recht glaubt, daß die klassische Musik interpretenabhängig ist.

SPIEGEL: Nicht zuletzt von den Plattenfirmen interpretenabhängig gemacht worden ist. Aber bei den 29 Einspielungen der Fünften wimmelt es ja nun nicht von Karajans.

JUNG: Natürlich nicht, und das ist ja das Problem. Der Klassikmarkt braucht solche Personalities mit Ausstrahlung, mit Charisma. Die Callas ist eine der Figuren, die der klassischen Musik und der klassischen Schallplatte starke Impulse verliehen haben, auch Anneliese Rothenberger oder Rudolf Schock oder Elisabeth Schwarzkopf, und Herbert von Karajan ist natürlich die größte Figur in diesem Geschäft. Immer dann, wenn es solche Personalities gab und gibt, leidet die Klassik nicht Not.

SPIEGEL: Aber sie leidet doch Not an solchen Persönlichkeiten ...

JUNG: ... und ist deshalb ja auch in Schwierigkeiten. Und der Ausweg, der heute vielfach begangen wird, führt nur zu Flops. Wenn man irgendwelche Typen einsetzt in Aufnahmen ganzer Opern und Oratorien, kann man nicht erwarten, daß irgend jemand eine solche Verlegenheitslösung kauft.

SPIEGEL: Die Callas ist tot, Karajan ein alter Mann. Was tut die Branche denn gegen die künstlerische Auszehrung des Musikbetriebs?

JUNG: Wir können da nicht viel tun. Die klassische Musik wird, im Gegensatz zum Pop-Geschäft, von uns kaum beeinflußt. Die staatlich subventionierten Opernhäuser leben ein eigenes Leben. Wenn eine Rock-Formation auf Tournee geht, passen die Aktivitäten des Veranstalters, der Manager und der Schallplattenfirmen fast nahtlos aufeinander. Nicht so im klassischen Bereich. Das Opernhaus in Köln beispielsweise hat ganz andere Aufgaben und Intentionen als eine nach kommerziellen Gesichtspunkten arbeitende Plattenfirma, die auch in Köln beheimatet ist.

SPIEGEL: Machen Sie es sich nicht zu einfach, indem Sie bloß den Ruhm vermarkten, den andere aufbauen?

JUNG: Nein, das wäre völlig überspitzt formuliert. Die Klassik-Künstler verkaufen sich selbst, und zwar meistbietend. Für viele von ihnen sind Flugpläne und Kontoauszüge längst wichtiger geworden als die Musik. Ihre Wünsche an uns sind nicht mehr erfüllbar, weil alle nur immer wieder dieselben Bestseller produzieren wollen. Es ist ein Teufelskreis und ein sehr ungutes System. Die Klassik-Produktion auf Platte muß wieder dahinkommen, daß nicht irgendeine Aufnahme mit irgendeinem gerade vorbeireisenden Künstler gemacht wird, sondern nur die absolut beste. Abschreibungsgesellschaften sind auch nicht die idealen Musikproduzenten.

SPIEGEL: Aber ist die Macht der wenigen großen Stars nicht auch gefährlich?

JUNG: Klar, eine Handvoll von Jetset-Artisten sahnt hemmungslos ab. Jeder reißt sich um Placido Domingo. »Den muß ich haben«, denkt man sich, »egal, was der kostet.« Wenn jemand so umworben wird, kann man ihm aber nicht verübeln, daß er sich so teuer wie möglich verkauft und so oft wie möglich auftritt.

SPIEGEL: Wieviel kostet heute eine starbesetzte Operngesamtaufnahme?

JUNG: Wenigstens eine halbe Million Mark, nicht selten erheblich mehr.

SPIEGEL: Dennoch produziert man Dubletten über Dubletten, noch eine »Carmen« und noch eine »Zauberflöte«, und wundert sich, wenn man damit keinen Gewinn mehr macht.

JUNG: Dubletten an sich müssen ja nicht falsch sein. Immerhin produzieren wir für internationale Märkte. Aber: Für jede Produktion, die die optimalen

künstlerischen Voraussetzungen und, dementsprechend, die Erwartungen des Publikums nicht erfüllt, sind 500 000 Mark genau 500 000 Mark zuviel. Aus diesem Dilemma müssen wir endlich die entscheidenden Konsequenzen ziehen und unsere Aufnahmevorhaben besonders im klassischen Bereich noch weiter - und zwar erheblich - einschränken.

SPIEGEL: Und wie halten Sie''s mit den ständig steigenden Gagen der Top-Stars?

JUNG: Viele Interpreten bekommen, wenn man so will, einen kräftigen Vorschuß auf künftige Seligkeiten, ein anderer Teil wird bar abgefunden. Beide Praktiken sind nicht ohne Risiko.

SPIEGEL: Aber Sie praktizieren sie weiter.

JUNG: Ein Beispiel: Der Künstler A erhält für seine Partie 15 000 Mark, hier ist das Geld, bitte, sing! Er singt und kann am nächsten Tag ins Studio zur Konkurrenz gehen, denselben Part noch einmal singen und noch einmal 15 000 Mark kassieren. Natürlich werden bei diesen Cash-and-carry-Methoden keine wichtigen oder gut verkäuflichen Aufnahmen, sondern höchst überflüssige Sammelsurium-Katalogfüller produziert.

SPIEGEL: Das kann man nicht überhören. Aber ein Karajan kriegt ja nun nicht ein paar Riesen in die Hand gedrückt?

JUNG: Selbstverständlich nicht. Die Großen lassen sich an den Aufnahmen beteiligen und erhalten auf diese Beteiligung entsprechende Vorschüsse, bevor überhaupt eine einzige Platte im Laden steht. Sie haben - und ich sage das ohne jeden Vorwurf - ihr Geld bereits verdient, bevor wir in den Firmen überhaupt anfangen können, ans Geldverdienen zu denken.

SPIEGEL: Was kassiert denn so ein Kaliber Karajan?

JUNG: Das ist unterschiedlich. Über den Daumen gepeilt zwischen 10 und 15 Prozent vom jeweiligen Detailverkaufspreis, also von dem, was der Kunde im Geschäft bezahlt.

SPIEGEL: Macht für jede Aufnahme, die seinen Namen trägt, zwischen 2 Mark 50 und 3 Mark 75?

JUNG: So in etwa.

SPIEGEL: Wenn man bedenkt, daß Karajan allein von der Fünften Beethoven-Symphonie weit über 1,2 Millionen Stück abgesetzt hat, kommt da ja nett was zusammen. Und was tun Sie zur Kostensenkung?

JUNG: Um beim Beispiel Karajan zu bleiben. Da kann man nicht sagen: »Wir wollen von Ihnen einen ''Fliegenden Holländer'', der darf aber nicht mehr als X Mark kosten.« Dann würde Karajan antworten: »Danke, dann macht euren Kram allein. Ich liefere eine Aufnahme, die wirklich bedeutend ist, und dafür müßt ihr bezahlen.«

SPIEGEL: Aber nicht jede Karajan-Aufnahme ist bedeutend, und nicht jeder Kapellmeister ist ein Karajan.

JUNG: In vielen anderen Fällen, etwa bei Katalog-Ergänzungen und Koproduktionen mit öffentlich-rechtlichen Anstalten, setzen wir ein Limit, und das wird dann auch eingehalten.

SPIEGEL: Eine Belebung des müden Marktes erwarten etliche Ihrer Kollegen von der CD, der Compact Disc, also über die technische Seite des Mediums. Wie groß der Fortschritt dieser neuen Scheiben auch immer sein mag oder nicht - zunächst bringt diese Neuigkeit doch wohl nur noch mehr Unsicherheit auf einen total verunsicherten Markt?

JUNG: Sie sagen es. Ich glaube nicht, daß die CD auf Dauer der Retter des Musikgeschäfts sein kann, wenn dieses Musikgeschäft überhaupt einen Retter braucht.

SPIEGEL: Sie fanden die CD anfangs ja so »überflüssig wie einen Kropf«.

JUNG: Die CD ist ein neuer Tonträger, der das Musikhören erleichtert und verbessert und der insofern willkommen ist. Aber die CD ist augenblicklich noch viel zu teuer, um ein Massenmedium zu werden.

SPIEGEL: Sie kostet im Schnitt immer noch bis zu 50 Prozent mehr als die entsprechende schwarze Scheibe.

JUNG: Und berücksichtigen Sie bitte, daß die CD teilweise sogar noch subventioniert wird, weil die tatsächlichen Kosten durch den Verkaufspreis gar nicht gedeckt werden.

SPIEGEL: Ist es nicht grotesk, daß ausgerechnet dieses technische Luxusgeschöpf, das für ein Massenpublikum, wie Sie es brauchen, unerschwinglich ist, die große Wende bringen soll?

JUNG: Es ist nicht nur grotesk, es ist ein schlechter Witz. Für mich ist die CD ein technisches Wunder, von dem ich keinerlei wirtschaftliche Wunder erwarte.

SPIEGEL: Sie setzen also gezwungenermaßen auf eine Technologie, hinter der Sie nicht stehen?

JUNG: Das Problem liegt anders. Die Erfinder des CD-Konzepts und die Hersteller der Abspielgeräte sind keine Musiker und haben die Belange der Musik weitestgehend außer acht gelassen. Für sie war es richtiger und wichtiger, einen neuen Tonträger zu schaffen. Die Musik spielte zunächst gar keine Rolle. Wenn ich dann noch daran denke, daß in Japan zur Zeit die zweite Generation von CD-Abspielgeräten mit eingebautem Musik-Cassetten-Überspielungsteil entsteht, wird mir himmelangst. Man fühlt sich den Technologen ausgeliefert. Ich hoffe daher dringend, daß es unseren internationalen Musikbossen gelingt, mit den japanischen Herstellern zu Gesprächen und Absprachen zu kommen. Hier sehe ich sonst wirklich schwarz für die zukünftige Entwicklung unseres Musikgeschäfts.

SPIEGEL: Aber Herr von Karajan, schließlich ein Musiker, hat doch ziemlich laut für CD getrommelt.

JUNG: Karajan war der beste CD-Promoter aller Zeiten. Er hat von Anfang an gesagt, ich halte das für den Tonträger der Zukunft, und hat damit ein Zeichen gesetzt für viele seiner Kollegen und für viele Schallplattenfirmen. Andere Interpreten waren da viel zurückhaltender, wenn mir der Ausdruck hier gestattet wird, möglicherweise weniger weitsichtig, aber mehr marktorientiert. Aber letztlich würden wir unsere Interpreten diskriminiert haben, wenn sie durch einen Boykott der CD von diesem modernsten Tonträger ausgeschlossen worden wären.

SPIEGEL: Wird Karajans Werbetrommel der CD zum Durchbruch verhelfen?

JUNG: Das wird man abwarten müssen. Die CD und was immer noch an neuen Erfindungen auf uns zukommen mag, kann jedenfalls auf keinen Fall Kreativität ersetzen. Ein großer Teil unserer Probleme ist in unserem ureigensten Bereich zu suchen: in der Kreativität unserer Künstler und Produzenten, bei Pop und bei Klassik. Hier haben wir viel versäumt, aber hier liegt auch unsere Chance zur Genesung.

SPIEGEL: Herr Jung, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

In seinem Kölner Büro mit SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach.

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