VIRUSKRANKHEITEN Zweite Front
Ein neues Zeitalter der Medizin ist angebrochen«, jubelte der britische Nobelpreisträger und Pharmakologe Ernst B. Chain, als Chemiker vor einem Vierteljahrhundert die Wunderdrogen fanden.
»Penicilline« und »Sulfonamide« hießen die magischen Schlüsselsubstanzen. Mit ihnen vermochten die Ärzte zum erstenmal die bis dahin nahezu unangreifbaren Kleinsterreger tödlicher Seuchen und Krankheiten, wie Typhus und Tuberkulose, Syphilis und Lungenentzündung, wirksam zu bekämpfen: Bazillen und Bakterien.
Gegen die noch kleineren Erreger von Massenkrankheiten wie Kinderlähmung, Pocken und Grippe, gegen die Viren, vermochten die neuen Medikamente aus Schimmelpilzen oder Schwefelverbindungen nichts auszurichten.
Doch ein neues Drogenwunder kündigt sich schon an. »Die Suche dauerte lange und war voller Enttäuschungen«, erklärte der amerikanische Professor Herbert E. Kaufman, Augenarzt an der Universität von Florida, als er das erste Medikament entdeckt hatte, mit dem sich eine Viruskrankheit, eine von Viren ausgelöste Augenentzündung, bekämpfen ließ. Das war vor zwei Jahren.
Letzten Monat berichteten Wissenschaftler der amerikanischen Firma Du Pont de Nemours & Company; des größten Chemiekonzerns der Welt, bereits über das vierte Präparat, das sich bei der Behandlung von Viruskrankheiten bewährt hat.
Und die amerikanische Fachzeitschrift »Medical World News« schrieb jüngst über ein weiteres Anti-Virus-Präparat, das Chemiker der amerikanischen Pharmazie-Firma Eli Lilly derzeit entwickeln und das abermals den Anbruch einer neuen Medizin-Ära verspricht: Die Forscher hoffen, daß es sich als ein »Allzweck-Agens« gegen alle von Viren ausgelösten Krankheiten erweisen wird
- ähnlich wie seinerzeit die Penicilline und Sulfonamide gegen die bakteriellen Erkrankungen.
Bakterien sind einzelige Lebewesen von durchschnittlich einem tausendstel Millimeter Länge. Bei Viren hingegen handelt es sich um etwa hundertmal kleinere Partikel, um Gebilde auf der Grenze zwischen belebter und unbelebter Materie. Sie sind nicht mehr im gewöhnlichen Lichtmikroskop, wohl aber unter dem Elektronenmikroskop zu erkennen. Während sich Bakterien selbständig durch Zellteilung vermehren; dringen die - zum Teil wie Chemikalien kristallisierbaren - Viren in lebende Zellen ein und zwingen die Wirtszellen, gleichartige Viren zu produzieren.
Machtlos mußten die Ärzte zusehen, wenn Virusseuchen ausbrachen, wie Pocken oder Polio, Grippe oder Schnupfen, Masern oder Mumps. Die Mediziner konnten nichts anderes tun, als die Leiden der Kranken zu lindern und die Abwehrkräfte ihrer Patienten zu stärken.
Aussichtsreich war allenfalls, den Viruskrankheiten vorzubeugen. Einen solchen Weg hatte der Engländer Edward Jenner gewiesen, als er 1796 einen achtjährigen Knaben mit Flüssigkeit aus einer Kuhpockenpustel impfte und dann. feststellte, daß der Junge gegen echte Pocken immun geworden war. Die moderne Schutzimpfung, die nach diesem Prinzip entwickelt wurde, vertrieb schließlich die Pockenseuche aus Europa und Nordamerika. Und in den letzten Jahren entwickelten die Forscher Impfstoffe 'auch gegen die Virusseuchen Gelbfieber, Polio und Masern.
Freilich, sie konnten längst nicht allen Viruskrankheiten mit Impfstoffen begegnen. »Unglücklicherweise«, konstatierte der englische Virusforscher Dr. Alick Isaacs, »werden wir Menschen von so vielen Virusarten rücksichtslos attakkiert, daß es unpraktisch, wenn nicht gar unmöglich wäre, gegen sie alle spezifische Impfstoffe' zu entwickeln.« Allein als Erreger der landläufigen Erkältung wurden mittlerweile annähernd 200 verschiedene Virustypen ausgemacht.
Ärzte und Pharmakologen mühen sich denn auch schon seit Jahrzehnten, den Viruskrankheiten durch Direkt-Angriffe beizukommen: mit virustötenden Substanzen (Virusstatika), die im Körper des schon Erkrankten den Ansturm der Erreger zum Erliegen bringen können.
Eine erste Substanz mit derart gezielter Wirkung entdeckte 1962 Professor Kaufman in Florida. Mit dem Präparat, das den Kurznamen IDU trug behandelte er eine Augenerkrankung, die durch Herpes-simplex-Viren ausgelöst wird. Die Viren, die gewöhnlich nur einen harmlosen Bläschenausschlag, etwa an den Lippen, hervorrufen, verursachen im Auge gefährliche Hornhautentzündungen, die zur Erblindung führen können. Erfolg der IDU-Behandlung:
Bei fast allen Patienten konnte die Virusinfektion im Auge gestoppt werden.
Freilich, IDU erwies sich als ein schmal begrenzter Teilerfolg im Kampf gegen die Vielzahl der Erreger: Gegen alle anderen Virenerkrankungen außer der Augenhornhaut-Entzündung blieb die Substanz wirkungslos.
Noch mehrere solcher Teilerfolge gelangen während der letzten Jahre:
- Bei einer Pockenepidemie in Madras (Südindien) bewährte sich das englische Anti-Viren-Mittel »Marboran«. An 1101 Kontaktpersonen, die mit Pockenkranken im selben Haushalt zusammengelebt hatten und mithin vermutlich schon mit Pockenviren infiziert worden waren, wurde Marboran verabreicht. Nur drei von ihnen erkrankten leicht an Pokken. Von 1126 unbehandelten Kontaktpersonen hingegen erkrankten 78; zwölf von ihnen starben.
- Die deutsche Pharmazie-Firma Chemie Grünenthal erprobt derzeit das Virusstatikum »CG 662«. Klinische Versuche an der Freien Universität Berlin und in der Hautklinik der Universität München zeigten Erfolge bei Patienten, die an Virusgrippe, infektiöser Mononukleose (einer gutartigen Form der Leukämie), Mumps oder Gürteirose litten. Versuche in Pakistan und Indien sollen klären, ob CG 662, wie vermutet wird, auch gegen Pocken wirksam ist.
- Das von Du Pont entwickelte Virusmittel »1-Adamantanamin« wurde vergangenes Jahr während einer Grippewelle an Gefängnisinsassen in Philadelphia (US-Staat Pennsylvanien) mit Erfolg erprobt. 439 Freiwillige schluckten das Medikament, einer Vergleichsgruppe von 355 Häftlingen wurde ein wirkungsloses Scheinpräparat (Placebo) verabreicht. 15 der Placebo-Schlucker bekamen Grippe, von den mit Adamantanamin Behandelten erkrankten nur fünf. Bei anderen Versuchspersonen, die erst behandelt wurden, als sie schon mit Grippe krank lagen, verlief die Krankheit wesentlich milder als gewöhnlich.
Neben der Suche nach Medikamenten gegen einzelne Virenarten ist freilich noch ein andersartiger Forschungsweg erfolgversprechend, den der britische Virusforscher Isaacs einschlug: Er fand eine Schlüsselsubstanz, die den menschlichen Körper vor Virenerkrankungen, gleich welcher Art, schützt, indem sie die Vermehrung der Viren in den Körperzellen blockiert:
Diese Substanz, das sogenannte Interferon, wird in den Zellen des menschlichen oder tierischen Körpers produziert als eine »Antwort der Zellen auf eine Virusinfektion« (Isaacs), also immer im Verlauf einer Viruskrankheit. Für kurze Zeit nach der Krankheit vermag das vorhandene Interferon den Körper vor einer neuerlichen Vireninfektion zu schützen.
Würde der menschliche Körper nicht erst nach einer Infektion mit Viren, sondern schon bei Bedarf - wenn eine Viruserkrankung anfängt - über hinreichende Mengen solchen Interferons verfügen; so käme die Krankheit alsbald zum Stillstand.
Nachhaltigen Erfolg im Kampf gegen die Virenkrankheiten versprechen sich die Wissenschaftler denn auch von einer Substanz, die dazu dienen soll, die Schlüsselsubstanz Interferon zu erzeugen.
Das Präparat, das Chemiker in den Forschungslabors der Pharmazie-Firma Eli Lilly in Indianapolis (US-Staat Indiana) gegenwärtig entwickeln, wird -
wenn sich die Hoffnungen der Forscher erfüllen - geeignet sein, die Interferon -Produktion im menschlichen Körper anzukurbeln. Versuche mit Hühnern, Mäusen, Ratten und Affen waren bereits erfolgreich.
Noch ist das »Statolon« - so der vorläufige Name der potentiellen Viren-Wunderdroge -, wie die Wissenschaftler einräumen, »zu unausgegoren«, als daß es schon als Medikament eingesetzt werden könnte. Aber die Biochemiker in Indianapolis sind zuversichtlich in der Erwartung, daß Statolon oder vergleichbare Präparate bereits in absehbarer Zeit die Hauptstreitmacht für den Feldzug gegen die Viruskrankheiten stellen werden.
Um zu veranschaulichen, wie bedeutend das neuentdeckte Medikament für die Forschung ist, zog das amerikanische Fachblatt »Medical World News« einen Vergleich zum letzten Weltkrieg:
»Die zweite Front im Angriff auf die Viruskrankheiten ist jetzt eröffnet.«
Virusforscher Kaufman
Auf den Spuren des Wunders