Sie oder sie Post an den Zwiebelfisch
Vielen Dank für die Informationen zum Duzen und Siezen. Wie sieht es eigentlich mit dem "Ihrzen" aus? Schließlich ist das ja zumindest regional noch in Gebrauch und beinhaltet eine respektvolle und zugleich angenäherte Position zwischen den Sprechenden. Im Gegensatz zum ausgestorbenen "Erzen", was sicherlich nie groß geschrieben werden musste, weil ja eine Abwertung des Angesprochenen ausgedrückt werden sollte. Leider ausgestorben, denn bei so manchem unfreundlichen Verkäufer würde ich es ganz gerne mal gebrauchen. Aber ein "Soll er seine Ware doch behalten, wenn er nicht beraten will" würde wohl kaum Scham, sondern eher Belustigung hervorrufen.
Warum wurde eigentlich das Reflexivpronomen nie groß geschrieben? "Wollen Sie Sich nicht doch noch ein Stückchen Kuchen nehmen?"
Christian Irsfeld
Antwort vom Zwiebelfisch: Gute Frage! Die Großschreibung galt immer nur für die Personalpronmen (Sie, Ihrer, Ihnen, Sie) und für die Possessivpronomen (Ihr, Ihre, Ihren) der 3. Person Plural, nicht aber für das Reflexivpronomen. Warum das so ist? Wer's weiß, der möge sich melden. Was die altmodische Anredeform "er" betrifft: Sie sollte Distanz schaffen, aber keineswegs herabwürdigen. Im Gegenteil: Wenn man einen Dienstboten in der dritten Person ansprach, so zollte man ihm damit Respekt. Ein "du" galt damals wie heute als viel zu vertraulich und hätte als beleidigend empfunden werden können, und ein "Ihr", wie in vornehmen Kreisen üblich, wäre übertrieben gewesen. Das bürgerliche Siezen machte die Unterscheidung zwischen "Ihr" und "er"/"sie" überflüssig, die Standesunterschiede wurden damit auch auf sprachlicher Ebene abgeschafft.
Lieber Bastian Sick, Sie haben mir meine Mittagspause heute ganz besonders versüßt - zum einen wegen des Asterix-Zitats, das ich sehr liebe, und zum anderen wegen der Erwähnung der allerdings irritierenden ihnen/Ihnen-Schwäche. Ich bekomme jeden Tag entsprechende Mails (von Pressestellen wohlgemerkt), diese seltsamen Fehler häufen sich, und es ist mir ein völliges Rätsel, warum. Schön, dass Sie das mal erwähnt haben! Zum Thema "Sie oder sie" möchte ich noch etwas beisteuern, obwohl es sich dabei eher um ein Höflichkeitsproblem handelt als um ein schriftsprachliches. Und zwar tritt dieses Phänomen meist dann auf, wenn man unsicher ist, ob man eine Einzelperson, die gewissermaßen Mitglied einer Gruppe ist, duzen oder siezen soll. Im Freundeskreis nennen wir es "ihren" und "euchen": Man "ihrt" also beispielsweise den Bäcker um die Ecke, den man eigentlich siezt, dem man sich als Stammkunde aber doch verbunden fühlt, und spricht dann, das "Sie" umgehend, im Plural: "Habt ihr eigentlich auch frische Milch?" Die Verwenudung von "ihr" und "euch" wäre also eine Vorstufe zum Duzen, wenn man sich Letzteres (noch) nicht traut - und ist Ihnen vielleicht auch schon mal untergekommen?!
Verena Blöcher, Wetzlar
Und was machen eigentlich die, die Deutsch als Fremdsprache gelernt haben und sich mit der Großschreibung des Sies sowieso schwertun? In einer meiner Übersetzungen (IT-DE) wurde kritisiert, dass ich mit Bezug auf die Provinz von Turin "ihre" und nicht "Ihre" geschrieben hatte. Doch "Die Provinz Turin und Ihre Designer" hätte den deutschen Leser wohl eher verwirrt. Gruß aus Italien,
Susanne Kauper-Gilio, Turin
Entsetzen pur ergriff mich bei ihrer aktuellsten Zwiebelfisch-Kolumne. Da steht zu lesen, wir Werbetexter seien von einer äußerst irritierenden Ihnen/ihnen-Schwäche befallen. Wo möglich gar sind wir allgemein des Deutschen nicht sicher? Es ist der erste Text diesen Jahres, der mich so getroffen hat. Auch wenn die Kolumne mit den Wörtchen "nicht selten" die Chance für Ausnahmen offen ließ, mir als einem Ex-Genitiv-Benutzer ging das doch sehr nahe.
Stellen sie sich das vor: Da war ich als Nürnbergeraner immer der Zwiebelfisch-Kolumne ihr treuester Leser gewesen, habe durch sie voll kommenst gelernt, lang jährige Fehler auszumerzen, wähne mich auf der sichereren Seite der schreibenden Zunft, und dann erschreckt mich ihr heutiger Text, tut dies in meiner gefühlten Sicherheit um so mehr. Plotzdonnerwit'z, ich gebe es zu, ich bin kurz davor, das Handtuch zu schmeißen.
Dieser Zustand ist unhaltbar, bitte trösten sie mich und meine Kollegen. Bestätigen sie als Spiegelraner uns, dass wir eigentlich generell und insgesamt einen guten Job machen und sie scheinbar Gerüchten aufgesessen waren. Bringen sie uns möglichst viel von Ihrem Verständnis entgegen! Rudern sie ein kleines Stück weit von ihrer Aussage zurück und lassen sie wenigstens ein einzigstes gutes Haar an uns Werbetextern. Geben sie uns die Chance, wieder Licht am Horizont glimmen zu sehen!
Verbindlichst und stellvertretendst
ihr Andreas Wolz, Wendelstein
Antwort vom Zwiebelfisch: Lieber Herr Wolz, da hat aber jemand meine Kolumnentexte sehr genau gelesen, wenn nicht gar mein Buch erstanden. Ich bin beeindruckt! Ihr wohl komponierter Text könnte durchaus als sportliches Quiz herhalten für alle anderen Leser: Wer findet die meisten "Zwiebelfisch"-Verstöße? Um Ihre Frage zu beantworten, die ich selbstverständlich sehr ernst nehme: Ich selbst gehöre dem Berufsstand der Journalisten an, und die treiben es doch noch viel toller als die Werbetexter! Um nicht immer nur das eigene Nest zu beschmutzen, muss ich ab und zu auch mal auf andere Berufsgruppen ausweichen, sonst bekomme ich in der Redaktion irgendwann Hausverbot. Eiskalt auf Ihr Verständnis spekulierend: Herzlichst, Ihr Bastian Sick
Die besagte Szene aus Asterix gehört für mich zum Allergrößten, was ich jemals an feinem Sprachhumor gelesen habe! Ich muss heute noch, bestimmt 25 Jahre nachdem ich sie das erste Mal las, jedes Mal grinsen, wenn ich nur an sie denke. Dass ein von mir für seinen sprachlichen Spürsinn so sehr geschätzter Mensch wie Sie dies ebenso bewertet wie ich, freut mich sehr!
Stefan Albrecht, Hamburg
Lieber Herr Sick, wieder einmal danke ich Ihnen von Herzen, diesmal für den Artikel zum "Du", "Sie" und "du". Diese kleinen Nachhilfestunden sind immer wieder Gold wert.
Ich finde es im Übrigen schön, dass der SPIEGEL direkt im Haus zumindest *einen* Mitarbeiter hat, der den Kollegen alte und neue Regeln erklären kann; mein täglicher Blick in die Online-Ausgabe legt nahe, dass der Bedarf beträchtlich ist.
In diesem Sinne viel Erfolg mit den Mitarbeiterschulungen und viele Grüße aus Irland. Freue mich auf Ihr Buch!
Ralf Kleemann
Lieber Zwiebelfisch, es ist immer wieder eine Freude, einen Artikel von Ihnen auf SPIEGEL ONLINE zu lesen. Zwar kennt man vielleicht die meisten Regeln, aber nach all den Reformen ist man manchmal unsicher und freut sich über diese Nachhilfe in Ironieform. Stellen Sie sich einen Ausländer vor, der kurz vor der Rechtschreibreform dachte, die deutsche Sprache, schreibend oder sprechend, einigermaßen zu beherrschen. Nach monatelanger Mühe, die neuen Regeln zu verinnerlichen, hört man nun hier und da, dass die Reform zurückgenommen werden solle. Da kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: Bitte nicht schon wieder! Auch in so einem Fall hoffe ich sehr, dass Sie mit dem Schreiben nicht aufhören und uns in den kommenden schwierigen Sprachreformzeiten zur Seite stehen.
Farzad Sajadi, Gelsenkirchen
Neu im Abc des Zwiebelfischs:
E-Mail/Email
fünf Wörter auf -nf
geschleift/geschliffen
selber/selbst
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