Zwiebelfisch Teechen oder Käffchen?
Das Picknick am See hatte ganz beschaulich begonnen. Henry und ich knabberten Brot und Käse und tranken Rotwein aus Gläsern. Später lasen wir Zeitung oder ließen unsere Gedanken über das Wasser gleiten. Nach einer halben Stunde erhielten wir Gesellschaft: Ein paar Meter weiter ließ sich eine Gruppe von fünf Frauen um die dreißig nieder. Im Handumdrehen war die Luft von quirligem Stimmengewirr erfüllt. "Wer will denn was von dem Salätchen?", schallte es zu uns herüber. "Probier mal die Nüdelchen, die sind köstlich!", tönte eine zweite Stimme. "Sind noch Gürkchen da?", ließ sich eine andere vernehmen. "Wie wär's jetzt mit einem Sektchen?", flötete kurz darauf eine weitere. "Gerne, aber wirklich nur ein klitzekleines Gläschen!", wurde ihr erwidert.
Henry stöhnte leise. "Wer hat uns die bloß auf den Hals gehetzt?", fragte ich. "Ich tippe auf deinen Verleger", sagte Henry mit einem zynischen Grinsen, "damit du Stoff hast für ein neues Kapitel - über infantiles Verniedlichungsgebrabbel!" - "Du meinst Stöffchen für ein neues Kapitelchen?", fragte ich nach. "Genau!", sagte Henry, "irgendwie scheint die Welt dort drüben nur aus Dingen zu bestehen, die auf -chen enden "
"Ich krieg das nicht auf!", war in diesem Moment eine der Frauen mit auffallend rotem Haar verzagt zu hören, und sie hielt die Flasche einer der anderen Frauen hin: "Versuch du's mal!" Die andere, eine Brünette, deutete in unsere Richtung und sagte: "Frag doch die Herren da drüben! Die helfen bestimmt gerne!" - "Gute Idee!", meinte die Rothaarige, erhob sich von der Decke und bewegte sich mit federndem Gang auf uns zu. "Hallöchen, Jungs! Wir könnten eure Hilfe brauchen!" Henry richtete sich auf: "Ihr bekommt das Fläschchen nicht auf? Kein Problemchen! Nur her damit, ich mach das schon!" Ein Momentchen später gab es einen Plopp, ein paar Spritzerchen auf die Hose, ein begeistertes Quieken seitens der Rothaarigen, gefolgt von einem glücklichen "Supi! Dankeschöni!" - "Gerni!", entgegnete Henry mit einer Beherrschtheit, für die ich ihn nur bewundern konnte. "Ich war mit meinem Urteil vorhin etwas vorschnell", raunte er dann in meine Richtung, "es gibt in ihrer Welt nicht nur Dinge auf -chen, sondern auch noch welche auf -i!" Ehe unsere Nachbarinnen auf die Idee kommen konnten, uns zu ihrem Umtrunk einzuladen, rafften wir unsere Sachen zusammen und ergriffen die Flucht. "Tschüsselchen!", rief uns die Rothaarige nach. Wir winkten wortlos zurück. Als wir den Weg erreicht hatten, konnten wir noch hören, wie die fünf einander vergnügt zuprosteten: "Stößchen!", schallte es über die Wiese.
Es ist ein durchaus verständlicher Vorgang, wenn man sich gewisse Dinge schönzureden versucht. Ein vielleicht nicht ganz so verständlicher, aber keinesfalls weniger selten anzutreffender Vorgang ist es, sich Dinge kleinzureden. Durch sprachliche Verkleinerung verliert manches seinen Schrecken. Die gemeine hüftverstärkende Praline beispielsweise klingt weniger kalorienreich, wenn man sie sich als Pralinchen einverleibt. Ein Häppchen hiervon, ein Eckchen davon, das fällt buchstäblich nicht ins Gewicht. Und wer anstelle von einem Bier nur ein Bierchen bestellt, der kann sich sogar noch ein Schäpschen genehmigen, ohne das Gefühl haben zu müssen, etwas wirklich Alkoholisches zu sich zu nehmen. Wenn meine Nachbarin mich bittet, ob ich während ihrer Abwesenheit ihre "Zimmerpflänzchen und die Blümchen auf dem Balkon" gießen könne, so treibt sie dabei vermutlich die Vorstellung an, die Bitte würde weniger lästig erscheinen, wenn sie ihre Zimmerpflanzen und Balkonblumen zu Pflänzchen und Blümchen verkleinert. Vielleicht hat sie ihr Grün- und Blühzeug auch einfach nur ganz furchtbar lieb, denn hauptsächlich verkleinern wir ja sprachlich, was uns besonders am Herzen liegt.
Von einigen Wörtern ist sogar nur noch die Verkleinerungsform erhalten. Das Wort "Mädchen" zum Beispiel war mal die Verniedlichung des Wortes "Maid", von dessen Existenz man gar nichts mehr wüsste, würde im Radio nicht ab und zu noch mal Tony Marshalls unsäglicher Hit "Schöne Maid, hast du heute für mich Zeit - hoja hoja ho!" gespielt. Auch das "Kaninchen" gibt es nur noch in klein. Das große "Kanin" ist bei uns seit langem ausgestorben. Die Holländer haben es seinerzeit immerhin noch in die Neue Welt exportiert: Das Konijn wurde Namensgeber der New Yorker Halbinsel Coney Island, die demnach ursprünglich eine Kanincheninsel war.
Des Kaninchens großer Bruder, der Hase, ist zwar immer wieder mal von Ausrottung bedroht, hat sich aber zumindest in der Sprache der Verliebten einen unsterblichen Platz ergattert: als Hasi, Häschen, Hasilein, Häslein, Häsel und - als biologisch äußerst bemerkenswerte Kreuzung - als Hasimaus. Und auch der Bär - eigentlich ein furchteinflößendes, massiges Raubtier - rangiert in seiner verkleinerten Form als Bärchen unter den beliebtesten Kosenamen ganz weit vorn, ungefähr gleichauf mit dem Mäuschen.
Eine andere Einheit für etwas sehr Kleines ist das Dötzchen, auch Dötzken oder Dötzeken genannt. Es kommt aus dem Rheinland und geht zurück auf das Wort "Dotz". Ein Dotz war mal ein deutsches Wort für Punkt. Das englische "dot", das sich heute vor jedem "com" befindet, ist damit verwandt. Ein I-Dötzchen war also ein I-Punkt, ein sehr kleiner Punkt, ein Pünktchen gewissermaßen, und weil das I einst der erste Buchstabe war, den man im Schreibunterricht lernte, wurden die Schulanfänger I-Dötzchen genannt: I-Pünktchen. Und weil das so ungemein knuffig klang, fanden die Dötzchen weit über das Rheinland hinaus Verbreitung. Darüber hinaus hat das Rheinische noch jede Menge andere köstliche Verniedlichungsformen zu bieten. Berühmt (und bei allen Nicht-Rheinländern gefürchtet) sind zum Beispiel die Bützchen (= Küsschen), vor denen man sich im Karneval kaum retten kann. Am entzückendsten ist unbestritten das rheinische Wort für "Rosenkohl": Poppeköchekäppesche. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! Auch andere Dialekte haben freilich ihre ganz speziellen Verkleinerungsformen. Im Schwäbischen und im Badischen wünscht man sich "Gut's Nächtle" und verabschiedet sich mit einem "Adele!" Am Niederrhein kauft man die Zeitung am Büdchen (Kiosk), verputzt mittags ein Frikadellchen und schleckt bei schönem Wetter das eine oder andere Bällchen (eine Kugel Eis). So weit, so putzig.
Bedenklich wird die Sache ja erst, wenn sie zum Sächelchen wird; wenn man zum Frühstück ein Eichen angeboten bekommt. Für Henry ist dann definitiv Schluss. "Hör ich Eichen, muss ich weichen!", lautet sein Motto für den Morgen danach. Henrys Toleranz für sprachlichen Firlefanz hat klare Grenzen. An denen ist letztlich wohl auch seine Ehe zerschellt. Wenn seine Frau sich nach eigenen Angaben ein entzückendes Paar Schühchen oder ein süßes kleines Handtäschchen gekauft hatte, dann erwartete er, dass die vermeintlichen Schühchen auch deutlich billiger waren als normale Schuhe, und das süße Täschchen durfte nicht halb so viel kosten wie eine ausgewachsene Tasche. Dem war natürlich nie so.
Als Dank fürs Blumengießen lädt mich meine Nachbarin ein paar Tage später zu frisch gebackenem Kuchen in ihre Wohnung. "Teechen oder Käffchen?", fragt sie, kaum dass ich Platz genommen habe, womit sie mich in eine unangenehme Lage bringt, denn ich weiß im Moment wirklich nicht, wen ich lieber haben soll: das süße, knuddelige Teechen oder das niedliche, schnuffige Käffchen. Weil ich mich nicht entscheiden kann, sage ich: "Fürs Erste hätte ich einfach nur gern ein Glas Wasser." - "Ein Wässerchen, natürlich, kommt sofort," sagt meine Nachbarin fröhlich. Na supi, denke ich, alles klärchen!