Berufsstart: Das große Karriere-Lexikon - DER SPIEGEL
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Berufsstart Das große Karriere-Lexikon

Wer einen Kavalierstart in das Berufsleben hinlegen will, braucht das nötige Basiswissen. Mathias Irle und Christoph Koch liefern die wichtigsten Fakten - in einem zweiteiligen Ratgeber von A bis Z.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Assessment-Center

Deutsche Neuschöpfung aus den englischen Wörtern für "Einschätzung, Beurteilung" und "Zentrum". Bei dieser Methode der Personalauswahl wird meist eine Gruppe von Bewerbern für einen bis drei Tage gemeinsam befragt sowie mit Rollenspielen und sogenannten "Postkorbübungen" beschäftigt. Wer danach noch nicht verrückt oder zumindest zum Soziopathen geworden ist, muss in Gruppendiskussionen miterleben, wie geborene Ellbogenkämpfer sich als verständnisvolle, lernfähige Teamplayer gerieren.

Neuerdings wird das A. häufig "Realitätssimulation" genannt - ein Ausdruck, der insofern treffender ist, als er häufig auch schon den später auszuübenden Job im Mittleren Management perfekt beschreibt.


BIZ

Abkürzung für das "Berufsinformationszentrum" der Bundesagentur für Arbeit, das in fast allen deutschen Städten in einem Siebziger-Jahre-Bau mit blauem Teppichboden untergebracht ist. Die Angebote des B. sollen helfen, sich frühzeitig über die eigenen Fähigkeiten, Berufswünsche und Karriereziele klar zu werden. Mittelpunkt der Maßnahme ist ein Software-Programm, das Fragen zu den Neigungen der Besucher stellt. Bemerkenswerterweise sind die Berufsempfehlungen, die das Programm als Ergebnis liefert, entweder

a) sehr allgemein gehalten ("Sie sollten irgendetwas mit Menschen machen") oder

b) erstaunlich konkret, wobei in gefühlten 50 Prozent der Fälle die Empfehlung "Metzger" lautet, selbst bei hartgesottenen Vegetariern.

Um die Zeit bis zum Aufbruch und damit zur nächsten Unterrichtsstunde maximal hinauszuzögern, schauen sich die Schüler im Anschluss noch filmische Kurzporträts über Berufe an, die sie niemals erlernen möchten. Ein Fall, in dem ein Mensch später den vom B.-Computer empfohlenen Beruf ergriffen hat, ist nicht bekannt.

C wie CEO; D wie Deine alten Freunde

CEO

Abkürzung aus dem Englischen für "Chief Executive Officer", die historisch gesehen vom militärischen CO (Commanding Officer) abgeleitet wurde und neudeutsch frei mit Boss oder Chef übersetzt werden kann. Heimliches Ziel vieler Berufskarrieren.

Da die Bezeichnung nicht geschützt ist, steigt die Anzahl der Titelträger vor allem während der Entstehung sogenannter Blasen. In solchen Zeiten nimmt der Glaube überhand, allein durch das Eröffnen einer Internet-Seite könne man sich mühsames, jahrelanges Arbeiten und Hochdienen ersparen.


Deine alten Freunde

Können meist nicht genau erklären, was dein Beruf ist, was jedoch auf Gegenseitigkeit beruht. Lassen sich im Großen und Ganzen in drei Gruppen einteilen:

a) die, die nicht so erfolgreich sind wie du - und sich im Restaurant ständig beschweren, wenn die Rechnung gleichmäßig geteilt werden soll ("Ich hatte aber mit der Suppe eine viel günstigere Vorspeise als manch anderer!");

b) die, die erfolgreicher sind als du - und dich grundsätzlich nur anrufen, wenn sie gerade in der Senator-Lounge des Frankfurter Flughafens sitzen ("Nachher habe ich noch diesen Drei-Stunden-Layover in Atlanta, da treffe ich Felix ... Ja, McKinsey-Felix, den ich damals im Assessment-Center rausgeboxt habe, hähä ...");

c) die, die genauso mittelerfolgreich sind wie du - und mit denen sich stundenlang über unfähige Vorgesetzte, manipulierte Reisekostenabrechnungen und große Pläne für Reichtum via Web-2.0-Start-up palavern lässt ("So wie die von StudiVZ muss man's halt machen. Eine gute Idee - und zack, hundert Millionen in der Tasche ...").

E wie Ehe; F wie Finanzamt

Ehe

Verbindung zweier Menschen, die beschlossen haben, ihr Leben gemeinsam zu verbringen, und dies vor einem Standesamt oder einem Traualtar offiziell bekennen. Die Bedeutung der E. für die Karriere ist - ähnlich wie die Bedeutung von Nachwuchs - umstritten.

Während Kritiker darauf hinweisen, dass vor allem junge, verheiratete Menschen in den Augen von Personalern als unflexibel wahrgenommen werden könnten und die Ehe somit ein Einstellungshindernis darstellt, betonen Befürworter ihre späteren Vorteile. Speziell bei der Vergabe von Führungsaufgaben können verheiratete Kandidaten gegenüber ungebundenen als geeigneter erscheinen, da sie durch ihre Ehe bereits Verantwortungsgefühl demonstrieren.

Ab Ende 20 steigt die Anzahl der Eheschließungen im Bekanntenkreis exponentiell. Jahresurlaub und das finanzielle Urlaubsbudget sollten daher für lange Wochenenden zwischen Mai und August gespart werden (Faustregel: 50 Euro Hochzeitsgeschenk als Single, 70 Euro als Paar).


Finanzamt

Unbeliebte Einrichtung zum Erheben von Steuern. Tritt im Rahmen einer Festanstellung meist nur in Form einer stets viel zu hohen Summe auf dem Lohnzettel auf.

Freiberufler haben hingegen ein engeres Verhältnis zum F.: Da sie die Beziehung in den ersten Jahren ihrer Berufstätigkeit gern vernachlässigen ("Ich leg da halt immer ein bisschen was für die Steuer zur Seite"), haben sie später umso häufiger mit den freundlichen Sachbearbeitern zu tun: dann nämlich, wenn gleichzeitig eine angehobene Vorauszahlung für das kommende Quartal und eine Nachzahlung für das vergangene Jahr fällig werden - und Nachforderungen für Jahre, von denen man dachte, man sei da noch gar nicht geboren gewesen.

G wie Gerüchte; H wie Heimat

Gerüchte

Geschichten und Informationen, die meist mündlich weitergetragen werden, in Unternehmen gern an Kaffeeautomaten, auf Weihnachtsfeiern oder zu sonstigen Anlässen, in denen viel Alkohol im Spiel ist. Umgangssprachlich auch als Flurfunk bekannt.

Zwar ist der Wahrheitsgehalt von G. häufig unklar, ihre Bedeutung für die Karriere kann jedoch kaum überschätzt werden - nicht zuletzt, da hartnäckige G. die Eigenheit haben, die Realitätswahrnehmung und damit am Ende die Realität selbst zu verändern ("Jetzt, wo du mir diese Geschichte über die Praktikantin erzählt hast, finde ich irgendwie auch, sie isst in der Kantine wie eine Schlampe. Warum bleibt die abends eigentlich immer länger?").

Versuche, Gerüchte zu entkräften, enden sehr häufig im Gegenteil ("Schon interessant, dass die sich so angegriffen fühlt"), und Opfer können häufig nur darauf warten, dass ein neues, spannenderes G. in Umlauf kommt. Währenddessen bietet manchem der alte PR-Spruch Trost: "Besser negative Presse als gar keine Presse."


Heimat

Einerseits Ort, an dem man geboren und geprägt wurde, andererseits Umgebung, der man irgendwann entsagt hat. Klassischerweise gekennzeichnet durch Beständigkeit, Wiedererkennungswert und ein Gefühl von Vertrautheit.

Während der Karriere beschränkt sich das, was sich nicht verändert, häufig auf die Mail-Adresse, die Marke des Polohemds und die Mobilfunknummer, weshalb es die Karriere erleichtert, wenn die eigene Vorstellung von H. auf die Dimension eines Rollkoffers zusammenschrumpft. Verbundenheit zu einem physischen Ort oder einer realen Person steht hingegen dem beruflichen Fortkommen im Wege, was einen jedoch nicht daran hindern sollte, möglichst oft darauf hinzuweisen, "wie wichtig es für das Unternehmen ist, sich auf seine Wurzeln zu besinnen".

Das klingt immer gut und beschert einem eine Runde Zustimmung. Denn H. ist derzeit wieder ganz wichtig: als Marketingtool.

I wie Incentive; J wie Jahresendgespräch

Incentive

Englisch für "Ansporn", "Motivation". Im Deutschen vor allem für Leistungen gebräuchlich, die zusätzlich zum normalen Gehalt ausgeschüttet werden. Diese Leistungen können finanzieller Natur sein (Jahresendboni, die nicht nur unter britischen Bänkern gern in Kokain umgesetzt werden).

Nichtmonetäre I. erweisen sich unerklärlicherweise häufig als beliebter als ihr rein rechnerischer Gegenwert - vermutlich, da man sie im Gegensatz zum Kontostand besser vorzeigen kann. Als brillanter Schachzug ist der Aufstieg des Blackberry zum I. zu sehen: Der mit einem Blackberry ausgestattete Mitarbeiter empfindet es nicht als Ärgernis, nun auch am Feierabend Mails abarbeiten zu müssen und Excel-Tabellen ins Wochenendhaus nachgeschickt zu bekommen - sondern als Auszeichnung und Zeichen seiner Unentbehrlichkeit für das Unternehmen.


Jahresendgespräch

Theoretisch: Sorgfältig geplantes Gespräch zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter. Anhand möglichst objektiver, trennscharfer, signifikanter Kriterien, die auf die Unternehmensziele ausgerichtet sind und die die Personalabteilung durch Expertenbefragungen und Literatursichtungen in monatelanger Arbeit evaluiert hat, wird dem Mitarbeiter ein Feedback über seine Leistung gegeben. Dabei wird erst gelobt, dann möglichst konkret kritisiert, niemals die Person an sich in Frage gestellt. Karriereziele und Extra-Vergütungen (Incentives) werden festgelegt und weitere Entwicklungspotentiale innerhalb des Unternehmens aufgezeigt. Ehrlich. Fair. Respektvoll.

Praktisch: Gespräch, zu dem der Mitarbeiter seinen Vorgesetzten drängeln muss, bis er sich als Nervsack fühlt und glaubt, allein durch den Wunsch nach einem Gespräch schon seine Karriere zu gefährden. Meist findet es dann zwischen zwei wichtigen Anrufen statt. Der Vorgesetzte ist ohnehin nicht dazugekommen, sich ausreichend vorzubereiten. Er findet, die Kriterien der Personalabteilung seien "Akademikerquatsch" und ruft einem beim Rausgehen - die Hand schon auf der Telefonmuschel - noch nach: "Sie wirken irgendwie unzufrieden. Wenn Sie Probleme haben, bin ich für Sie jederzeit zu sprechen!"

K wie Kollegen; L wie Longchamp

Kollegen

Vom Lateinischen "collega" (Amtsgenosse) hergeleitete Bezeichnung derjenigen Menschen, die den Arbeitsplatz entweder zur Hölle machen - oder die der Grund dafür sind, warum man jeden Tag gern hingeht. In beiden Fällen sorgen wohlüberlegte Scherze für Gesprächsstoff:

  • In Götterspeise eingegossene Tacker oder Locher.
  • Zettelnotiz mit "Dringend zurückrufen" und der Telefonnummer einer Sexhotline.
  • Auf dem Telefon mit Sekundenkleber festgeklebte Telefonhörer.
  • Ein nach der Mittagspause mit rund 2000 Post-Its komplett zugeklebter Arbeitsplatz.


Longchamp

1948 in Frankreich gegründetes, lederverarbeitendes Traditionsunternehmen, das bis heute Accessoires, Portemonnaies, Kleidung und Taschen herstellt. Vor allem Letztere erfreuen sich als verschiedenfarbige Kunststoffmodelle unter jungen Frauen großer Beliebtheit und gelten - ähnlich wie das Fahren eines Jeeps, Sylturlaube, Perlenohrringe oder ein Golden Retriever - als Ausdruck von gehobenem Stil.

Für einen überschaubaren Preis können die Trägerinnen der Tasche - oft junge Juristinnen und Betriebswirtschaftlerinnen - so ihrer Umwelt signalisieren, welche Art von Lebensführung sie anstreben. Personalchefs können die Tasche als Signal deuten, dass die Trägerin an einer Karriere interessiert ist, um ihr Ziel zu erreichen. Männer wiederum können sich ausrechnen, welche Karriere sie machen müssen, wenn sie die Ansprüche einer Partnerin mit L.-Tasche befriedigen wollen.

Demnächst: Folge 2, von M bis Z.