Ärztemangel Mediziner können sich den Job wieder aussuchen
Michael Richter hat gute Chancen: Der 27-Jährige, der in Essen Medizin studiert hat, wollte schon immer ins Krankenhaus. "Ich habe meinen Zivildienst in der Klinik gemacht und das Medizinstudium mit dem Ziel begonnen, im Krankenhaus zu arbeiten", sagt Richter. Dafür hat er sich durch sechs Jahre Studium gehört, gelernt und geschnitten, Vorklinik und Physikum bestanden, drei Staatsexamina abgelegt und zahlreiche Praktika absolviert.
Nach dem Praktischen Jahr bekam der Mediziner eine Teilapprobation, mit der er sich für die erste Stelle als "Arzt im Praktikum" bewerben konnte - rund 900 Euro erhält ein angehender Arzt dann monatlich. Michael Richter hat mit dem Gedanken gespielt, in die Schweiz zu gehen, wo er einen Teil seines Praktischen Jahres abgeleistet hat. "Da ist die Atmosphäre auch den jungen Ärzten gegenüber sehr freundlich, man kann viel lernen."
Verabschiedet sich Richter tatsächlich in Richtung Schweiz, haben die deutschen Ärzteverbände und damit das Gesundheitssystem wieder ein Problem mehr. Professor Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, schätzt, dass bis 2011 allein 23.000 Hausärzte ersetzt werden müssen, die bis dahin in den Ruhestand gehen. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, Bereitschaftsdienst der Krankenhausärzte als Arbeitszeit zu werten, macht zudem die Neueinstellung von mindestens 15.000 Ärzten erforderlich.
Und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat im Rahmen einer Erhebung ermittelt, dass bei einer lückenlosen Umsetzung des Gerichtshofbeschlusses bis zu 41.000 neue Stellen besetzt werden müssten. DKG-Chef Dr. Burghard Rocke betonte, dass die Kliniken das Urteil zur Zeit nicht umsetzen könnten, da lediglich 7000 Ärzte - davon nur 1700 Fachärzte - arbeitssuchend seien. Dies habe Personalmehrkosten in Höhe von 1,75 Mrd. Euro jährlich zur Folge.
Ursachen für die Weiße-Kittel-Flaute
In den Kliniken fällt schnell ins Auge, was viele Mediziner von einer klassischen Krankenhauskarriere abhält: Arbeitszeiten (zu lang), Gehälter (zu wenig) und Arbeitsbedingungen (zu schlecht) sind die Ursachen für die Flaute in der Weißen-Kittel-Fraktion.
Alternativen für die Zeit nach den Staatsexamina sind zudem wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wer nicht gleich ins Ausland abwandert, wo ihn bessere Arbeitsbedingungen erwarten, hat die Möglichkeit, in der Gesundheitsökonomie oder im Public Health-Bereich Fuß zu fassen. "Es gibt heute viele Berufsfelder für Ärzte außerhalb der kurativen Medizin - in der pharmazeutischen Industrie, bei Verbänden, Medien oder in der Verwaltung", sagt Peter Windeck von der Personalberatung Kienbaum in Hannover.
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Die Universitäten sind auf den Trend der letzten Jahre aufgesprungen, mittlerweile liegt das Angebot bei rund 300 zumeist Postgraduierten-Studiengängen mit allen erdenklichen Abschlüssen. Oft führen sie zum Bachelor und Master, an der Fachhochschule Lübeck dürfen sich Absolventen den Titel "Master of Health" auf die Visitenkarte schreiben. Die "Business School of Health Management" in Hannover bietet MBA-Studiengänge an, bei denen zum Beispiel Gesundheitsökonomie im Mittelpunkt steht. Und seit diesem Wintersemester kann man an der Uni Bielefeld einen europäischen Public Health-Studiengang belegen.
Bildungsangebote für Mediziner boomen. Angesprochen werden dabei Absolventen, die neben ihrem fachlichen Wissen auch ökonomisches Grundverständnis mitbringen. Denn im Public Health-Bereich geht es um Gesundheitsförderung und Prävention, Rehabilitation und nicht zuletzt um wirtschaftliche und finanzielle Fragen. Die Kombination aus Public Health und Medizin ist stark im Kommen, und selbst wer den klassischen Medizinerweg geht, sollte über den Tellerrand hinaussehen. "Jeder Medizinstudent muss auch an seinen kaufmännischen Fähigkeiten arbeiten", rät Windeck, "früher oder später wird er sie brauchen."
Für die 8320 Studienanfänger in diesem Wintersemester ist Windecks Tipp eine gut gemeinte Starthilfe. Die aktuellen Daten der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätze (ZVS) sprechen dafür, dass die Begeisterung für den Heilberuf wieder ansteigt: "28.000 Bewerbungen sind bei uns zum Wintersemester eingegangen", sagt Michael Moufang von der ZVS, "so viele wie seit 18 Jahren nicht mehr. Ob das in zehn Jahren aber zu mehr Ärzten in Kliniken und Ambulanzen führt, sagt diese Zahl nicht."
Verena Wolff, gms