Akademiker-Recruiting: Potenz-Protze bevorzugt - DER SPIEGEL
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Akademiker-Recruiting Potenz-Protze bevorzugt

Unternehmen machen wieder verstärkt Jagd auf hoch qualifizierte Universitätsabgänger. Grund: Der Spitzennachwuchs ist bei derzeit flauem Arbeitsmarkt billig zu haben. Wer nicht ganz so gut abgeschnitten oder gar das falsche Fach studiert hat, guckt dagegen in die Röhre.
Von Manfred Böcker
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutsche Unternehmen haben im vergangenen Jahr wieder mehr besonders qualifizierte Hochschulabsolventen, so genannte High Potentials, eingestellt als im Jahr 2002. Dieser Trend wird sich vermutlich fortsetzen. Das ist das Ergebnis der aktuellen Studie "High Potentials 2004" der Managementberatung Kienbaum. Mehr Firmen als früher schielen derzeit begehrlich nach der dünnen Cremeschicht auf der Absolvententorte: 57 Prozent der befragten Unternehmen möchten 2004 verstärkt auf High Potentials zugehen. An der Untersuchung beteiligten sich insgesamt 254 Unternehmen.

Die hoch qualifizierten Nachwuchskräfte sind nämlich angesichts der schlechten Wirtschaftslage vergleichsweise billig zu haben, zeigen sich die befragten Unternehmen überzeugt. Über 70 Prozent glauben, dass die Überflieger derzeit Abstriche beim Gehalt machen und weniger wählerisch sind, was die großen Arbeitgebernamen angeht. Über die Hälfte der Firmen stimmt der Aussage zu "Unser Unternehmen ist zum potenziellen Arbeitgeber für High Potentials geworden."

"Krieg um Begabungen"

Schon seit Jahren balgen sich Unternehmen verstärkt um den First-Class-Nachwuchs. Ende des frisch vergangenen Jahrhunderts proklamierte die Unternehmensberatung McKinsey & Company den demographisch begründeten "War for Talent". Als High Potentials gelten Studierende verschiedener Fachrichtungen, die zu den besten fünf Prozent ihres Studienjahrgangs gehören. Von ihrem "hohen Potenzial" versprechen sich die Anhänger des High-Potential-Konzepts einen besonderen Nutzen für die Unternehmen.

Neben exzellenten Noten und einer ordentlichen Dosis praxiserprobter Internationalität sollen die Überflieger auch eine Menge Soft Skills mitbringen. Den Beweis für solche Fähigkeiten, etwa Kommunikationsgeschick und Gruppenkompatibilität, sollen die Besten durch ihr Engagement neben dem Studium belegen.

High Potentials sind "Studenten, Absolventen und Young Professionals, die schneller in Unternehmen effizient werden," sagt Jochen Kienbaum, Chef der gleichnamigen Managementberatung. Nach Kienbaums Angaben bewerben sich jährlich rund 10.000 Kandidaten um eine Aufnahme in den 4000 Einträge umfassenden hauseigenen High-Potential-Pool, aus dem Kienbaum Positionen bei Kunden besetzt. Nur jeder Zwanzigste werde in den erlauchten Kreis aufgenommen.

Abhebende Edelabsolventen

Doch bringen die Vorzeige-Akademiker, mit deren Vermittlung Personal- und Unternehmensberatungen ein gutes Geschäft machen wollen, auch die besten Ergebnisse in der Praxis? Genau da setzen Kritiker des Konzepts an: Ob jemand tatsächlich hohes Potenzial mitbringt, zeige sich erst in der Praxis. Viele Personalverantwortliche werfen den Edelabsolventen mangelnde Bodenhaftung vor, zumal für Branchen, in denen es eher handfest zugeht, wie zum Beispiel in der Industrie.

In Zeiten schwieriger Wirtschaftsverhältnisse suchen Unternehmen eher nach "Right Potentials" als nach "High Potentials", also nach Kandidaten mit dem richtigen Profil für jeweilige Unternehmenspraxis.

Dabei spielt das Studienfach wieder eine größere Rolle als während der Hochphase des New-Economy-Booms. Kienbaum zufolge ist der Bedarf an High Potentials mit wirtschaftswissenschaftlichem Abschluss am höchsten, gefolgt von Ingenieuren und Wirtschaftsingenieuren. High Potentials aus dieser Gruppe sind derzeit besonders schwer zu bekommen.

"Im Consulting, bei den Wirtschaftsprüfungen und den Investmentbanken sehen wir schon wieder ein Ringen um die besten Leute und die Bereitschaft, für Recruiting Geld auszugeben", sagt Michael Hies, Geschäftsführer des Karrierenetzwerks e-fellows.net, das in einer Datenbank rund 11.500 Profile von High Potentials gesammelt hat.

Personaler blind für Geisteswissenschaftler

Schon jetzt streiten sich Firmen in der Biotechnologie, der Medizin oder bei bestimmten Ingenieurfunktionen um den Nachwuchs. Andere Branchen halten sich aktuell noch zurück; mittelfristig wird es Kienbaum zufolge aber nicht nur in Nischen einen erheblichen Wettbewerb um den besonders talentierten Nachwuchs geben.

Absolventen der Sozial- und Geisteswissenschaften werden hingegen kaum nachgefragt, mögen sie auch noch so gut sein: 63 Prozent der Unternehmen meinen, sie hätten derzeit keinen Bedarf an Germanisten, Historikern oder Romanisten.