Arbeiten IM KREIS DER BOSSE
Nach den Vorlesungen in Philosophie und Politik ist Renate Gotzen, 29, abends meistens im Kino: Im Krefelder Cinemaxx verkauft sie Popcorn und Cola. Der Wirtschaftsstudent Frederic Nakwalesomba, 28, reißt im Essener Theater des größten deutschen Kinobetreibers abends Karten ab.
Jetzt aber sitzen die beiden Studenten mindestens viermal im Jahr im Konferenzsaal der Hamburger Firmenzentrale an einem Tisch mit Bankiers und Managern die ersten Studenten in Deutschland, die Mitglieder im Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft sind.
"Die Fronten sind klar", sagt Frederic selbstbewusst. Monatelang hatte sich die konstituierende Sitzung des Kontrollgremiums verzögert, weil die Firmenleitung eine gesetzlich vorgeschriebene Veröffentlichung der neuen Aufsichtsratsaufstellung im Bundesanzeiger verschleppt hatte. Nach dem Börsengang 1998 war die Mitarbeiterzahl der Cinemaxx AG auf über 2000 gestiegen, sechs Vertreter standen den Arbeitnehmern im Aufsichtsrat zu, und Mitte vergangenen Jahres waren die beiden Studenten von der Belegschaft gewählt worden.
So exotisch die Studenten im Kreis der Bosse wirken mögen, ihr Platz im Kontrollorgan der Kapitalgesellschaft ist völlig berechtigt: Bei der Cinemaxx AG sind 80 Prozent aller Beschäftigten studentische Teilzeitkräfte.
Kasse, Einlass, Popkorntresen, manchmal auch Vorführraum sind die Domänen der Studenten. Ein Job im Kino ist ideal. Die Arbeit am Abend lässt sich leicht mit dem Studienplan koordinieren und Freikarten gibt es, zusätzlich zum nicht gerade üppigen Stundenlohn von 12 bis 15 Mark, auch.
Im Januar dieses Jahres hatten der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Hermann Münchmeyer und Vorstandsmitglied Michael Pawlowski ein erstes zwangloses Treffen mit Frederic und Renate sowie den anderen Vertretern der Belegschaft. Im März durften die Arbeitnehmervertreter einer Sitzung als Gäste beiwohnen. So gönnerhaft-freundlich sich die Herren auch gaben, meint die Politikstudentin, irgendwie war zu spüren, dass ihnen Studenten im Aufsichtsrat unheimlich sind: "Die haben vielleicht so ein Bild vom 68er Revoluzzer im Kopf."
Jedenfalls hatten die Vertreter der Kapitalseite wohl kein besonderes Interesse, die Studenten und die übrigen Arbeitnehmervertreter allzu schnell an ihrer Seite zu haben liefen doch gerade Verhandlungen zur Umstrukturierung der Cinemaxx AG. Die Übernahme der Geschäftsführung der Ufa und die Beteiligungen von Senator Film und des europäischen Großkinobetriebs Kinepolis aus Belgien an Cinemaxx werden unmittelbare Auswirkungen für die Belegschaft haben. "Da wäre man schon gern dabei gewesen", sagt Renate, "auch wenn es nur einen früheren Informationsfluss bedeutet hätte."
Die beiden Studenten hatten schon vorher als Betriebsräte Erfahrungen mit der Geschäftsführung machen können. Renate, die seit 1997 in Krefeld jobbt, hatte sich nach langem Zögern auf die Arbeit für die Kollegen eingelassen. Inzwischen gefällt ihr die Betriebsratsarbeit. Sie ist wesentlich interessanter und anspruchsvoller, als Popcorn und Cola zu verkaufen, und hat ihren Kino-Job nicht nur aufgewertet, sondern richtig "versüßt". Renate sieht auch einen direkten Nutzen für ihr Politikstudium: Durch den ständigen Umgang mit dem Betriebsverfassungsgesetz sammelt sie Praxiserfahrung und bekommt eine Vorstellung davon, was es heißt, "Politik zu machen".
Denn in der Wahrnehmung der Arbeitnehmerinteressen tut sie nichts anderes: verhandeln, argumentieren, auf Standpunkten beharren und das Gesetz zu Gunsten ihrer Interessen auslegen. Nebenbei übt sich die Studentin noch in anderen Deutungskünsten als Tarotkarten-Legerin am Telefon eines Callcenters. Anders käme sie nicht immer auf die 1400 Mark im Monat, die sie mindestens zum Leben braucht. Laut Cinemaxx-Vertrag sind ihr nämlich lediglich zehn Stunden pro Woche zugesichert.
Der Wirtschaftsstudent Frederic, der seit 1998 Vorsitzender des Essener Betriebsrats ist und sich genau wie Renate im Gesamtbetriebsrat engagiert, schätzt die Möglichkeit, eine Unternehmensstruktur intensiv kennen zu lernen und sich ein Bild von der "anderen Seite" machen zu können. Sich die Arbeit selbst einteilen zu dürfen und anderen zu helfen zum Beispiel bei Kündigungsschutzklagen macht ihm schlicht Spaß. Wenn es möglich wäre, würde er am liebsten "hauptberuflicher Betriebsrat" werden.
Irgendwie war zu spüren, dass den Cinemaxx-Managern Studenten im Aufsichtsrat unheimlich sind
Beim Cinemaxx Essen, einem der ältesten Häuser des Großkinobetriebs, haben Betriebsrat und Arbeitgeber vertreten durch den jeweiligen Theaterleiter schon langjährige Erfahrungen miteinander. Da die lokalen Chefs kaum etwas allein entscheiden dürfen, kam es oft zu "Kommunikationsverzerrungen", wie Frederic es diplomatisch nennt.
Zusagen wie für die Abgabe von Freikarten wurden zum Beispiel nach Rücksprache mit der Geschäftsführung nicht eingehalten. "Inzwischen haben wir aber eine Basis der Zusammenarbeit gefunden", sagt Frederic. "Wir kennen die Zwänge, denen die Betriebsleiter unterliegen, sie verstehen unsere Anliegen, und wir gehen freundschaftlich und respektvoll miteinander um."
Das empfinden nicht alle so. "Der Umgang der Unternehmensleitung mit den Betriebsräten kommt mir unprofessionell vor", meint die Literaturwissenschaftsstudentin Susanne Gerhards, 31, seit Mai 1998 Betriebsratsmitglied im Cinemaxx am Hamburger Dammtor. Firmengründer Hans-Joachim Flebbe hatte am Anfang seiner Erfolgsgeschichte noch eigenhändig Teppichfußböden in den Kinosälen verlegt und sich mit allen Mitarbeitern geduzt. Auf die Arbeitnehmervertreter aber geht er bisher nur zögerlich zu.
Die Betriebsleiterin der Hamburger Cinemaxx-Häuser, Daniela Behrend-Breuer, 39, die als Vertreterin der leitenden Angestellten im Aufsichtsrat sitzt, hält ihren Chef zwar für einen "ausgesprochen offenen, dynamischen Menschen". Allerdings: "Jemand wie Herr Flebbe" könne sich vom Betriebsrat bestimmt "auch mal gebremst" fühlen.
Dabei darf sich der Selfmade-Unternehmer zugute halten, dass er Studenten gern und häufig zu Führungskräften befördert. Vom Kartenabreißer oder Popcornverkäufer zum Assistenten des Betriebsleiters aufzusteigen ist bei Cinemaxx keine ungewöhnliche Laufbahn.
Auch die Zeit als Betriebsrat kann für die Karriere förderlich sein. Matthias von Fintel, 30, war Kartenabreißer, Filmvorführer und fünf Jahre im Betriebsrat. Im vergangenen Jahr wurde er in den Aufsichtsrat gewählt. Direkt nach seinem Geschichtsstudium auf das er "überhaupt nicht stolz" ist stellte ihn die IG Medien als Landesbezirkssekretär für Berlin-Brandenburg ein. Zuständig für die Fachbereiche Rundfunk, Filmproduktion, Neue Medien und Kino, ist er an den bundesweiten Tarifverhandlungen für Kinopersonal beteiligt.
"Studenten sind keine Arbeitnehmer zweiter Klasse, die billig zu haben sind", sagt von Fintel. "Ihre Perspektive bringt neue Impulse in die Betriebsratsarbeit, die für alle nützlich sind."
KATHARINA STEGELMANN