Arbeitsmarkt Kernkraft: Atomtechniker? Ja bitte - DER SPIEGEL
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Arbeitsmarkt Kernkraft Atomtechniker? Ja bitte

Offiziell soll 2022 das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen. An den Unis galt Kerntechnik lange als Auslaufmodell. Doch selbst wenn es beim Atom-Ausstieg bleibt, haben Experten blendende Einstiegschancen - auch Abreißen, Einmotten, Endlagern will gekonnt sein.
Von Georg Etscheit
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die letzten Jahre waren für Jürgen Knorr alles andere als erfreulich. Oft hielt der Kerntechnik-Experte an der Technischen Universität Dresden seine Vorlesungen über Reaktortypen und Kettenreaktionen vor leeren Sitzreihen. "Ich hatte manchmal nur ein oder zwei Studenten, die mir zuhörten", erinnert sich der Hochschullehrer. Vergeblich bemühte er sich, für sein Fach zu werben. Die Kerntechnik galt als sterbende Disziplin, zumindest in Deutschland. Jetzt erst, pünktlich zur Pensionierung, kann Knorr ein Erfolgserlebnis verbuchen. Der Studenten-Zuspruch wächst wieder. "Ja, da hat sich in der letzten Zeit wirklich etwas verändert", resümiert der Wissenschaftler mit Genugtuung.

Hersteller wie Framatome-ANP, Betreiber von Kernkraftwerken wie RWE, EnBW, E.ON oder Vattenfall, und Sachverständigenorganisationen wie die Technischen Überwachungsvereine (TÜV) stellen wieder Fachpersonal ein. Und der Ausbildungsmarkt reagiert darauf. Durchschnittlich seien in Dresden 800 bis 1000 Studenten pro Jahr im Fach Maschinenbau immatrikuliert worden, rechnet Knorr vor. Davon hätten sich aber nur etwa 15 für die Energietechnik entschieden, noch weniger für die Fachrichtung Kerntechnik. Im letzten Wintersemester wollten immerhin schon 35 Studenten Energietechnik belegen.

Lange galt der Arbeits- und Ausbildungsmarkt der Atombranche als mausetot. Seit den achtziger Jahren, als die letzten Strommeiler in Deutschland ans Netz gingen, wurde kaum noch Personal eingestellt. Der GAU in Tschernobyl tat ein weiteres, um die Branche in Misskredit zu bringen. Der Atom-Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Bundesregierung war dann der vorläufige Schlusspunkt einer jahrzehntelangen Debatte. Nach derzeitigem Stand soll 2022 der Block 2 des Atomkraftwerks Neckarwestheim als letztes der 17 deutschen Kernkraftwerke vom Netz gehen.

Betagte Bewacher der Meiler

Die Besatzungen der Kraftwerke sind zusammen mit ihren Anlagen in die Jahre gekommen, das staatliche Überwachungspersonal ebenso. Jetzt steht ein umfassender Generationswechsel an. "Da tut sich eine Lücke auf, die schwer zu füllen sein wird", sagt Michael Sailer, Vorsitzender der Reaktorsicherheitskommission und stellvertretender Geschäftsführer des Öko-Instituts in Darmstadt. "Zu lange wurde nicht vermittelt, dass man Leute braucht in diesem Bereich - ganz gleich, was man von der Kernkraft hält."

Selbst wenn das Ausstiegs-Szenario Wirklichkeit wird, würden auch in Deutschland noch lange Zeit Kerntechnik-Spezialisten gebraucht. Zunächst für den Weiterbetrieb, wobei schon über Laufzeitverlängerungen diskutiert wird. Dann für Einmottung, Abriss und Endlagerung. "Die Leute, die sich mit Stillegung und Rückbau der Kraftwerke beschäftigen, müssen mindestens genauso viel Ahnung von Kerntechnik haben wie jene, die die Anlagen heute fahren", sagt Peter Fritz, Sprecher des Kompetenzverbundes Kerntechnik.

Der Wissenschaftler am Forschungszentrum Karlsruhe, dem früheren Kernforschungszentrum, geht davon aus, dass bis 2010 im Bereich Kerntechnik hierzulande 1250 Hochschulabsolventen eingestellt werden müssen. 650 Stellen davon seien allerdings schon besetzt.

Auch an den Universitäten galt die Kerntechnik wegen mangelnder Studenten-Nachfrageals Auslaufmodell. An allen einschlägigen Instituten das gleiche Bild: Ein paar versprengte Studenten wurden von immer älteren Professoren betreut. "Die Kerntechnik-Lehrstühle sind in den vergangenen Jahren ziemlich eingedampft worden", sagt Christopher Weßelmann, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Atomwirtschaft".

"Wer seinen Goldesel schlachtet, ist doch dumm"

Doch auch hier scheint sich der Wind zu drehen. Zur Zeit stehen fünf Lehrstühle zur Neubesetzung an. "Diese Lehrstühle werden nicht umgewidmet, weil das Interesse der Studenten wieder erwacht ist", sagt Fritz. Der Präsident der Technischen Universität (TU) in München, Wolfgang Herrmann, trommelt sogar persönlich für die Nukleartechnik. "Deutsche Ingenieurkompetenz" dürfe "energiepolitischen Fehleinschätzungen nicht geopfert" werden, betont Herrmann. Expertenmangel sei heute bereits spürbar.

Die TU München plant einen Master-Studiengang "Nuclear Technologie" mit einem deutsch-französischen Doppeldiplom. Schließlich gilt die Kernkraft in Frankreich als Zukunftstechnologie; sogar ein neuer Reaktor ist dort zur Zeit im Bau. Auch andere europäische Staaten wie Finnland, das 2005 den Grundstein für einen neuen Kernkraftwerksblock legte, bauen auf Strom aus dem Atom. Ganz zu schweigen von den USA oder China, die gleich Dutzende neue Kernkraftwerke bauen wollen.

Die TÜV-Nord-Gruppe hat 2002 ein eigenes Ausbildungszentrum für Kerntechnik gegründet und dort bislang mehr als 300 Ingenieure aller Fachrichtungen in Kernphysik, Reaktortechnik, Sicherheitstechnik und den Rechtsgrundlagen der Atomwirtschaft fit gemacht. Das Ausbildungsprogramm zum kerntechnischen Sachverständigen dauert über ein Jahr. "Wir suchen uns dafür Ingenieure am Markt, etwa Maschinenbauer oder Elektrotechniker, müssen aber in Kauf nehmen, dass die von Kerntechnik zunächst einmal wenig wissen", sagt Harald Bosse, Leiter des Ausbildungszentrums. Die eingestellten Bewerber begleiten erfahrene Kollegen bei ihren Prüfaufträgen; die Kurse laufen berufsbegleitend.

Jürgen Knorr ist sich sicher, dass die Atomindustrie auch in Deutschland wieder besseren Zeiten entgegen geht. "Die Energieversorger denken doch nicht im Traum daran, ihre Reaktoren still zu legen. Wer seinen Goldesel selbst schlachtet, ist doch dumm", sagt der mittlerweile emeritierte Dresdner Professor. Seinen Studentinnen und Studenten hat Knorr immer einen Arbeitsplatz garantiert. "Die meisten hatten schon vor ihrem Diplom den Arbeitsvertrag in der Tasche." Und das werde erst einmal auch so bleiben.