Arbeitsmarkt Softwareexperten sind wieder gefragt
Wer hoch steigt, kann auch tief fallen. Das mussten vor wenigen Jahren die Softwareentwickler erkennen. Waren sie zur Boomzeit der New Economy so gefragt, dass Politik und Wirtschaft nach Arbeitsimmigranten aus Indien riefen, fanden sich nicht wenige von ihnen kurz danach auf der Straße wieder. Immer wieder hieß es seitdem, die Branche habe die Talsohle durchschritten. Jetzt mehren sich die Anzeichen für eine wirkliche Trendwende.
"in diesem Jahr wird es eine Konsolidierung geben, vielleicht sogar ein leichtes Plus", freut sich Stephan Pfisterer vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien. Nach einer Bitkom-Umfrage rechnen 74 Prozent der Mitgliedsfirmen im Jahr 2005 mit steigenden Umsätzen. 46 Prozent beabsichtigen, neue Jobs zu schaffen. Am stärksten zieht die Nachfrage bei den Softwareanbietern an, unter denen sogar 84 Prozent ein Umsatzplus erwarten.
Mittelständler sorgen für Aufschwung
SAP in Walldorf, nach eigenen Angaben drittgrößter unabhängiger Softwarelieferant der Welt, hat schon 2004 deutschlandweit rund 500 neue Stellen geschaffen, darunter knapp die Hälfte in der Forschung und Entwicklung. "Vor allem sind es aber kleinere und mittelständische Unternehmen, die den Aufschwung tragen", sagt Bitkom-Experte Stephan Pfisterer.
Für Hoffnung auf Besserung sorgt vor allem das Segment "Software und IT-Dienstleistungen". Schätzungsweise 3000 neue Arbeitsplätze sind 2004 in diesem Bereich entstanden. Die Themen sind derzeit Datenbanken im elektronischen Geschäftsverkehr sowie die Entwicklung von Programmiersprachen und Software-Ergonomie für mobile Anwendungen, etwa Handys.
Auch nach Einschätzung der Gesellschaft für Informatik bieten Softwaretechnik und IT-Services viele Möglichkeiten: "Ein Feld, das in Zukunft immer wichtiger werden wird, ist Informatik im Auto", so GI-Präsident Matthias Jarke. "Schon jetzt spielt Software im Auto eine große Rolle: Software und Elektronik sind die wichtigsten Innovationsfaktoren in der Automobilindustrie."
"Der reine Freak hat keine großen Chancen"
Von der freundlicheren Marktlage profitieren auch freie IT-Spezialisten. "Nachfrage besteht vor allem bei Großunternehmen", sagt Dirk Bisping vom Berufsverband Selbständige in der Informatik (BVSI) in Glückstadt. Freie Informatiker würden meist über Agenturen oder Beratungshäuser an diese Unternehmen vermittelt. "Gesucht sind wieder SAP-Berater, Entwickler für objektorientierte Programmierung und Berater für strategische Informationssysteme wie Data Warehouse und Customer Relationship Management."
In erster Linie können nach Stephan Pfisterers Einschätzung Bewerber mit einschlägiger Qualifikation auf bessere Einstellungschancen hoffen, also Informatiker mit Hochschulabschluss oder Absolventen eines der vier neuen IT-Ausbildungsgänge, allen voran Fachinformatiker mit Fachrichtung Anwendungsentwicklung. "Natürlich gibt es auch immer noch den Theologen, der wunderbare Programme schreiben kann", sagt Pfisterer. "Aber die Bedeutung der Quereinsteiger geht drastisch zurück. Darin schlägt sich auch der Reifeprozess der Branche nieder."
"Der reine Freak hat keine großen Chancen", sagt Pfisterer. Das kann Dirk Bisping auch für selbständige Informatiker bestätigen: "Als Freiberufler setzen sich nur diejenigen durch, die eine gute Fach- und Basisausbildung mitbringen."
Mangel an Fachkräften kündigt sich an
Jetzt, wo die Nachfrage wieder anzieht, kündigt sich bereits der nächste Fachkräftemangel an. Die Zahl der Neueinschreibungen für das Fach Informatik ist an Universitäten und Fachhochschulen zuletzt eingebrochen. "Ein typischer Fall von Schweinezyklus", klagt Pfisterer. "Die Studenten orientieren sich an den aktuellen und nicht an den künftigen Beschäftigungsperspektiven." Derzeit sind 70.000 IT-Spezialisten arbeitslos. Im Boomjahr 1999 waren es nur 20.000.
Dabei waren junge Informatiker von der Krise weit weniger betroffen, als es bei solchen Zahlen den Anschein hat. Zwar mussten sie mehr Bewerbungen schreiben als zuvor und von manchen Gehaltsvorstellungen Abschied nehmen. "Aber der Berufseinstieg ist nicht das große Problem", sagt Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. "Schwieriger ist es, den Job auch zu behalten."
Unter Entlassungen zu leiden hatten laut Dostal vor allem ältere Softwareentwickler, die über keine fachspezifische Ausbildung verfügten und sich schwer taten, mit dem immer schnelleren Wissenswandel in der Branche Schritt zu halten.
Quereinsteiger sind immer noch in der Überzahl
Auch wenn Quereinsteigern ohne einschlägigen Abschluss der Berufseinstieg zunehmend erschwert wird - unter den angestellten IT-Fachkräften bilden sie mit einem Anteil von rund zwei Dritteln noch immer die Mehrheit.
Vor allem an diese, von Krisen besonders betroffene Gruppe richtet sich ein neues Weiterbildungsangebot, das von Branchenverbänden wie Bitkom, der Gewerkschaft Ver.di und Wissenschaftsorganisationen wie der Fraunhofer Gesellschaft getragen wird.
Über mehrmonatige, berufsbegleitende Praxisprojekte, in denen ihnen ein sogenannter Lernprozessbegleiter zur Seite steht, können Quereinsteiger nun ein Zertifikat auf der Basis internationaler Normen erwerben. Es soll den Wildwuchs der Privatabschlüsse beenden, der in der Weiterbildungsbranche bisher herrschte. Zur Auswahl stehen 29 Spezialistenprofile. Das Zeugnis wird mit einem Prüfungsgespräch in speziellen Zertifizierungsstellen erworben, in dem der Kandidat sein Projekt erläutert.
Doch die Zertifizierung steht auch IT-Spezialisten mit Abschluss offen. "Damit kann man zeigen, dass man Praktiker ist", sagt Stefan Grunwald von der bundesweit tätigen Zertifizierungsstelle Cert-IT in Berlin. Vor allem für Absolventen der dualen Ausbildungsgänge ist die Weiterbildung eine Chance, Kompetenz zu beweisen, denn üblicherweise werden ihnen bei der Softwareentwicklung eher die weniger komplexen Aufgaben anvertraut. "Der Aufbau großer Systemarchitekturen ist meist Hochschulabsolventen vorbehalten", sagt Bitkom-Sprecher Pfisterer.
Normalität statt Dienstwagen
Ein Großteil der Absolventen favorisiert große, bekannte Unternehmen. Sie würden mit Initiativbewerbungen überschwemmt, während der Mittelstand oft nicht wahrgenommen werde, so GI-Präsident Jarke. Dabei könnten gerade kleine Firmen ein Sprungbrett sein.
Die Verdienstaussichten in der Branche sind im Vergleich zu ingenieur- und naturwissenschaftlichen Berufen überdurchschnittlich, wie auch eine Analyse der Hamburger Vergütungsberatung PersonalMarkt.de zeigt. Dirk Bisping geht für 2005 von deutlich anziehenden Stundensätzen für selbständige IT-Spezialisten aus: "Das untere Limit liegt derzeit bei 50 bis 60 Euro." Als Festangestellte können studierte Informatiker laut Pfisterer derzeit bei großen Unternehmen mit einem jährlichen Einstiegsgehalt von rund 40.000 Euro rechnen. "Das ist ein Gehaltsniveau, auf dem sich auch Ingenieure bewegen."
Nach Dienstwagen oder anderen "Goodies" aus der Ära der Start-ups brauchen Bewerber allerdings nicht mehr zu fragen. In die Branche ist Normalität eingekehrt - aber das ist nach den Jahren der Überhitzung und anschließenden Depression eher eine gute Nachricht.
Tobias Wiethoff und Sabine Schrader, gms