Bewerbungen Kasernendrill als Karrierekick?
Stramm stehen, im Schlamm robben, gebrüllte Befehle - Klischees über den deutschen Kasernenalltag sind weit verbreitet, auch wenn sie oft wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben. Über Zivildienstleistende kursieren ähnlich veraltete Vorurteile. Dabei sind die meisten Zivis weit mehr als Essensträger oder Putzsklaven. Und erst recht keine "Drückeberger".
Das wissen auch Personalchefs. Ob ein Bewerber den Wehr- oder den Zivildienst absolviert hat, ist in vielen Fällen für die Berufschancen einfach egal. In manchen Branchen aber schauen die Personalabteilungen von Unternehmen ganz genau hin, was der Kandidat in der Dienstzeit gemacht hat.
"Der Zivildienst ist bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz im entsprechenden Segment ein klarer Vorteil", erklärt Angelika Müller von der Bundesagentur für Arbeit (BA). Bei Pflegediensten oder im Krankenhaus weiß der Bewerber schließlich, worauf es ankommt, kennt die Abläufe und hat Belastbarkeit bewiesen. Entscheidend ist jedoch das Arbeitszeugnis - eine bloße Bescheinigung reicht im Vorstellungsgespräch nicht aus.
"Jeder Zivildienstleistende hat das Recht auf ein qualifiziertes Zeugnis", sagt Heinz-Günter Dickel vom Bundesamt für Zivildienst. Darin müsse neben der Dauer des Dienstes auch vermerkt sein, welche Qualifikationen der Zivildienstleistende erworben hat und was genau seine Aufgaben waren: Hat er zum Beispiel EKGs geschrieben? Oder vor allem Urinflaschen eingesammelt?
Sicherheitsfirmen suchen Ex-Soldaten
Je nach Zeugnis wird der Zivildienst als Krankenpflegepraktikum anerkannt, das zum Beispiel im Medizinstudium Pflicht ist. Bis vor einem Jahr konnten sich Zivildienstleistende während ihrer Dienstzeit auch zum Rettungssanitäter ausbilden lassen, lernten erste Hilfe für Fortgeschrittene und paukten Notfallmaßnahmen. Viele konnten so nach ihrem Zivildienst noch auf dem Krankenwagen jobben. Doch inzwischen wurde der Dienst auf neun Monate verkürzt und die Rettungs-Fortbildung damit gestrichen. "Die Zeit reicht einfach nicht mehr aus, das muss jetzt schon vorher passieren", sagt Dickel.
Der Dienst bei der Bundeswehr dagegen ist vor allem bei Sicherheitsfirmen gefragt. "Wenn junge Männer und Frauen bei der Bundeswehr waren, dann ist das mitunter ein Pluspunkt", erklärt Arnd Gesatzki von der Sicherheitsfirma Securitas, die deutschlandweit 14.600 Mitarbeiter beschäftigt - vom Warenhausdetektiv bis zum Geldtransport-Fahrer.
Schließlich hätten die ehemaligen Gefreiten schon Erfahrung beim Gebäude- und Personenschutz und auch schon mal eine Schusswaffe in der Hand gehabt. "Ein LKW-Führerschein, den man bei der Bundeswehr machen kann, ist in einigen Branchen ebenfalls von Vorteil", sagt Laurenz Adrzejewski von der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung.
Mit der Entscheidung für oder gegen den Wehrdienst können sich Jugendliche ihre Zukunft auch verbauen. "Viele machen sich gar nicht die Tragweite ihrer Entscheidung bewusst", meint Angelika Müller - einige Berufsfelder können verschlossen bleiben, wenn die Dienstwahl erst einmal getroffen ist. So gilt für eine Polizeikarriere die "Bereitschaft, eine Dienstwaffe zu tragen", als Voraussetzung für die angehenden Gesetzeshüter. Zivildienstleistende, die einst aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe verweigert hatten, haben da schlechte Karten.
Dienstgrad in der Schweiz entscheidend
Doch in Bewerbungsgesprächen ist der Wehrdienst längst nicht mehr so entscheidend wie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. "Das hat sich vor allem durch den Generationenwechsel in den Führungspositionen deutlich verflacht", erklärt Angelika Müller.
In der Schweiz allerdings sei das anders, berichtet Uwe Schnierda, Bewerbungstrainer bei der Karriereakademie. "Wenn Sie da nicht den entsprechenden militärischen Rang haben, kommen Sie bei einigen Banken und Versicherungen gar nicht unter." Im neutralen Alpenstaat genießt das Militär offenbar aus Traditionsbewusstsein noch ein hohes Ansehen.
In Deutschland hat der Dienstgrad als Karriere-Eintrittskarte meist ausgedient - hier zählen inzwischen die "soft skills", egal ob im Krankenhaus oder in der Kaserne. "In beiden Achsen lernt man den sozialen Umgang in schwierigen und brisanten Situationen", erklärt Karriereberater Andrzejewski. Die persönliche Flexibilität werde gefördert, außerdem erfordere der Wehr- wie der Zivildienst Einsatz und soziale Kompetenz. Aber andere Aspekte zählen nach Auffassung von BA-Mitarbeiterin Angelika Müller stärker: "Wichtiger bei Bewerbungen ist auf jeden Fall die klassische Berufsausbildung."