Bewerbungshelfer: Stell! Mich! Ein! - DER SPIEGEL
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Bewerbungshelfer Stell! Mich! Ein!

"Ich mache aus Ihnen eine Königin", versprechen Profi-Helfer und verkaufen den Traum von einer rundum perfekten Bewerbung. Was bringen Stilberater, Fotografen und Karriere-Coaches wirklich? Absolventin Tina, 24, machte für SPIEGEL ONLINE den Test.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich hat Tina alles richtig gemacht. Sie hat ihr Studium zur Eventmanagerin schnell durchgezogen, Praktika absolviert und Auslandserfahrungen in Barcelona gesammelt. Und dennoch: Seit gut vier Monaten ist sie arbeitslos. Dutzende Bewerbungen hat die Hamburgerin schon geschrieben, aber bisher immer Absagen erhalten. "Es ist frustrierend, dass ich bestens ausgebildet bin und trotzdem keinen Job finde", sagt Tina.

Wie ihr geht es vielen. Die Zahl an Akademikern, die sich trotz eines lückenlosen Lebenslaufs am Arbeitsmarkt schwer tun und mitunter Kettenpraktika absolvieren, wächst. Gleichzeitig steigt auch das Angebot an Ratgeberliteratur zu Bewerbung und Karriere; fast täglich eröffnen Karriere-Coaches neue Büros.

Ihr Versprechen ist so simpel wie verlockend: Wir machen aus gewöhnlichen Bewerbern perfekte Bewerber. Ein kleiner, besonderer Industriezweig ist entstanden - die Bewerbungsindustrie.

SPIEGEL ONLINE hat Tina auf ihrem Gang durch die Bewerbungsindustrie begleitet. Machen Stilberatung, professionelle Bewerbungsfotos und Karriere-Coaching die 24-Jährige tatsächlich zu einer besseren Bewerberin? Drei Tage, drei Termine, drei Tests...

Montag: Stilberatung mit Renate Messing. Und die Frisur sitzt.

Montag: Stilberatung mit Renate Messing. Und die Frisur sitzt.

"Wundervoll! Ich mache aus Ihnen eine Königin!", ruft Renate Messing, und ihre Stimme überschlägt sich. Seit zwei Stunden berät sie Tina in Stilfragen. Rosa, so viel weiß Tina nun, ist die falsche Farbe fürs Vorstellungsgespräch. "Rosa lässt Frauen kindlich wirken. Im Job aber zählt Durchsetzungsvermögen", sagt Renate Messing. Auch auf runde Kragen und Brille sollte Tina verzichten. Stattdessen empfiehlt ihr Messing einen dunkelblauen Blazer: "Das ist der Königinnen-Look."

Von Haus aus ist Messing Kulturwissenschaftlerin und Psychotherapeutin, seit sieben Jahren bietet sie Farb- und Stilberatung an - "damit Sie sich wohlfühlen und dies auch ausstrahlen, kompetenter werden". 60 Euro kostet eine Beratungsstunde. In einer Stunde erläutert Messing, welche Farbe zu welchem Typ passt und weshalb. Sie erklärt auch, warum Silberschmuck Tina besser steht als goldener: wegen der blonden Haare. Und worauf es beim Make-up ankommt: nicht zu viel und nicht zu wenig. "Wenn der richtige Look gefunden ist", verspricht Messing, "wird sich hier im Raum eine besondere Ruhe einstellen."

Die Stilberaterin ist sich sicher, dass im Vorstellungsgespräch die ersten 30 Sekunden entscheiden - darüber, ob man ernst genommen wird oder nicht, ob man die Stelle bekommt oder leer ausgeht. Und auf diese ersten 30 Sekunden möchte Renate Messing ihre Kunden vorbereiten. Niemand müsse als graue Maus auftreten. "Mit professioneller Hilfe kann jeder etwas aus sich machen", sagt Messing.

120 Euro hat Tina für die Stilberatung bezahlt. Eine lohnende Investition? "Nein", sagt die Eventmanagerin. Ihr Urteil fällt sehr nüchtern aus: "Um zu wissen, dass mir Rosa nicht steht, muss ich nicht so viel Geld ausgeben."

Dienstag: Fotoshooting. Auf Augenhöhe.

Dienstag: Fotoshooting mit Eduard Raab. Auf Augenhöhe.

"Der erste Eindruck ist entscheidend", meint auch Eduard Raab - weil die "Entscheider maßgeblich durch das Foto beeinflusst werden und ihre Auswahl emotional treffen." Raab ist Fotograf in Hamburg und sammelt seinen ersten Eindruck telefonisch. Ein kleines Vorstellungsgespräch am Hörer ist Voraussetzung dafür, dass er überhaupt einen Fototermin vergibt.

"Ich muss wissen, was die Leute wollen, für welchen Beruf sie sich bewerben", sagt Raab. "Und ihnen erklären, welche Kleidungsstücke sie mitbringen sollen." Raab ist spezialisiert auf Porträt-Fotografie. In seinem Studio hängen postergroße Schwarz-Weiß-Bilder von Menschen, die nicht lächeln.

Tina wird in die Garderobe geschickt und darf hinter einem wuchtigen Schminktisch Platz nehmen. Eduard Raab inspiziert ihre Kleidung. Den türkisfarbenen Rollkragenpullover lehnt er sofort ab, "der Kragen engt das Gesicht ein". Ein weißes Top mit Applikation ist ihm zu verspielt, ein anderes hat einen zu großen Ausschnitt. Schließlich wählt er einen schiefergrauen Pullover aus, mit einem schwarzen Blazer drüber.

"Nicht so breit lächeln"

Er lässt Tina einige Minuten allein vor dem grell erleuchteten Spiegel, damit sie ihr Make-up auftragen kann. Unterdessen richtet er die Kamera ein. "Ich fotografiere die Leute im Stehen - dann sind sie auf Augenhöhe mit mir und wirken selbstbewusster", erklärt der Fotograf.

Tina soll sich an einem Stehtisch locker aufstützen, Raab drückt eine Schulter nach hinten, zupft am Blazer. "Der ist zu eng", kommentiert er, am Revers wirft die Jacke Falten. Zum Glück passt Tina in den Blazer, den er für solche Fälle in seinem Studio hat. "Wenn die Leute keine geeignete Kleidung dabei haben, schicke ich sie wieder nach Hause", sagt Raab.

85 Euro zahlt Tina für einen Satz Fotos. Die Kamera klickt, die großen Leuchten blitzen. "Nicht so breit lächeln", ruft Raab. Klick, Blitz. Auf dem Bildschirm der Digitalkamera kann Tina die ersten Bilder prüfen. Eine knappe Stunde dauert das Shooting. Einige Bilder wird Raab nun am Computer retuschieren, zum Beispiel die Schatten unter den Augen aufhellen.

"Das Shooting war professionell, es hat sich gelohnt", ist ihr erstes Urteil. Am nächsten Tag kann die Bilder auswählen, von denen sie Abzüge haben möchte. Und dann ist sie doch etwas enttäuscht: "Das Shooting war professionell, aber schön sind die Bilder trotzdem nicht geworden" - für ihren Geschmack "einfach zu steif, zu spießig."

Mittwoch: Bewerbungstraining. Ganz schnell nach oben.

Mittwoch: Bewerbungstraining mit Svenja Hofert. Ganz schnell nach oben.

Der Aufzug ist defekt. Aber wenn man die zwei Stockwerke zu Svenja Hoferts Büro zu Fuß geschafft hat, dann soll es automatisch und ganz schnell nach oben gehen. Das jedenfalls verspricht die Karriereberaterin ihren Kunden. Sie führt ein Büro für "Karriere & Entwicklung" und will dabei helfen, "berufliche Ziele aller Art zu erreichen" - beim Berufsstart, bei der Neuorientierung, bei der Erschließung des "offenen und verdeckten Stellenmarktes".

Nach einer kurzen Begrüßung geht es los. Svenja Hofert, 39, schlüpft in die Rolle der Personalchefin, Tina ist Bewerberin. "Warum möchten Sie überhaupt bei uns arbeiten?" - ein Klassiker zum Einstieg in das Gespräch, erklärt die Trainerin später. Tina kontert geschickt, berichtet von ihren Studentenprojekten.

Svenja Hofert macht Notizen, stellt Fragen: "Was haben Sie im Studium gelernt? Was können Sie in unserem Team beitragen?" Schließlich macht sie Tina ein Angebot: "Wir könnten Sie als Trainee einstellen - befristet auf ein Jahr, für 800 Euro im Monat. Wäre das etwas für Sie?" Tina nickt. Das Bewerbungsgespräch ist zu Ende.

Mehr Selbstvertrauen, bitte

"Sie haben sich ganz schön über den Tisch ziehen lassen!", kritisiert Svenja Hofert bei der anschließenden Auswertung - nach einem abgeschlossenen Studium sollte man sich nicht auf eine schlecht bezahlte Traineestelle einlassen, lautet ihr Rat. Und vor allem: selbstbewusster auftreten! "Sie haben sehr oft an Ihren Haaren genestelt", sagt Hofert. "Versuchen Sie, den Oberkörper ruhiger zu halten, dann wirken Sie nicht so nervös."

Svenja Hofert will nur Kleinigkeiten an ihren Kunden verbessern. Natürlichkeit, sagt sie, komme immer an. "Aber es kann ja nicht schaden, wenn ich die Leute darauf hinweise, dass sie zum Beispiel beim Gespräch ständig mit dem Kopf wackeln."

Vor allem einen Tipp gibt sie ihren Kunden mit auf den Weg: auf keinen Fall blind aus den Ratgeber-Büchern abkupfern. "Ein Personaler merkt schnell, ob der Bewerber meint, was er sagt. Viele Bücher raten, auf die Frage nach persönlichen Schwächen zu antworten: 'Ungeduld'. Und auf die Nachfrage, wie sich das äußert, fällt den Leuten dann nichts mehr ein."

85 Euro pro Stunde kostet die Beratung für Studenten. Wer schon berufstätig ist, zahlt 10 Euro mehr. Die zweistündige Generalprobe für ihr Vorstellungsgespräch hat Tina gefallen: "Schon irre, worauf man bei einer Bewerbung so achten muss", sagt sie.

Urteilsverkündung: Bewerbungshelfer im Tina-Test. Das Fallbeil.

Bewerbungshelfer im Tina-Test

Tinas Gesamtfazit nach drei Terminen in drei Tagen fällt durchwachsen aus: Sie weiß nun, dass sie im Bewerbungsgespräch den Oberkörper ruhig halten muss, dass ihr ein runder Kragen nicht steht. Und sie besitzt Bewerbungsfotos, die ihr nicht gefallen.

Von den Karrierebüchern abgesehen hat sie für die Stilberatung 120 Euro bezahlt, für die Fotos 85 Euro und für das zweistündige Bewerbungstraining 170 Euro. Macht unter dem Strich 375 Euro. "Insgesamt", sagt Tina, "war es das nicht wert."

Von Swantje Wallbraun, Nele Justus, Maximilian Popp, Christoph Scheuermann

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